Vermisste Kinder: Inga und Elias
Was passiert, wenn die Suche eingestellt wird?

Jüngst waren es Inga und Elias, doch es gibt noch mehr Kinder, die - teils nach jahrelanger Suche - immer noch nicht gefunden wurden. Was geschieht, wenn die Fälle nicht mehr in den Medien sind? Was macht die Polizei? Was die Eltern, denen die Gewissheit fehlt, was mit ihrem Kind geschehen ist?

Was geschieht, wenn die Vermissten nicht mehr in den Medien sind? Was macht die Polizei? Was die Eltern, denen die Gewissheit fehlt, was mit ihrem Kind geschehen ist? Bild: Fotolia

Ungeklärte Vermisstenfälle - Wieviele davon gibt es?

Lebt mein Kind noch? Diese Frage stellen sich leider alle Eltern, deren Kinder als vermisst gelten. Pro Tag werden allein in Deutschland von der Polizei zwischen 200 und 300 Vermisstenmeldungen erfasst. Fast genauso viele werden jeden Tag gelöscht. 50 Prozent der Vermisstenfälle klären sich innerhalb einer Woche auf, weitere 30 Prozent innerhalb eines Monats. Nach einem Jahr sind 97 Prozent aller Vermisstenfälle gelöst, nur etwa drei Prozent bleiben länger ungeklärt. Wenn eine Person 30 Jahre verschwunden ist, wird die Suche komplett eingestellt. Derzeit gelten laut Bundeskriminalamt mehr als 6.800 Menschen als vermisst.

Der Faktor Zeit: Keine Gewissheit zu haben, ist für Eltern große Belastung

Was geschieht, wenn das Kind nicht wieder auftaucht? Wenn nicht klar ist, was mit dem Kind passiert ist? Wie agiert die Polizei nach ihren ersten aufwendigen Suchaktionen? In solchen Fällen fehlen den Eltern und Ermittlern oft über Monate oder sogar Jahre jegliche Hinweise auf den Aufenthaltsort und Zustand des vermissten Kindes. Obwohl – gerade bei Kindern – der Faktor Zeit ein Indikator für das Wohlergehen ist, klären sich einige Vermisstenfälle auch nach Jahren noch auf. Ein Beispiel ist das Verschwinden von Natascha Kampusch, die als Zehnjährige entführt und acht lange Jahre gefangen gehalten wurde. Schließlich konnte sich die junge Frau selbst befreien. Doch auch wenn durch solche Fälle noch Hoffnungsschimmer bestehen, dass das Kind noch lebt, stellen gerade Fälle, in denen über Jahre keine Gewissheit über den Verbleib des Kindes besteht, eine besondere Belastung für die Eltern dar.

Inga verschwand im Wald und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht

Auch in Fällen, in denen jahrelang gesucht wird, kann ein Unglücksfall oder ein freiwilliges Weggehen nicht ausgeschlossen werden. Doch es besteht eben auch die Möglichkeit, dass die Kinder Opfer eines Verbrechens geworden sind. Bei so kleinen Kindern wie Inga und Elias kann ein freiwilliges Weggehen inzwischen ausgeschlossen werden. Die fünfjährige Inga verschwand im Mai diesen Jahres in einem Waldstück bei Stendal. Die speziell eingerichtete Ermittlungsgruppe "Wald" konnte das Mädchen nicht finden. Am 6. Mai wurde die Suche eingestellt, seitdem liegt der Schwerpunkt bei den Ermittlungen der Kriminalpolizei. Befragungen werden fortgeführt und ausgewertet, ebenso die Hinweise aus der Bevölkerung. Zudem werden Maßnahmen ergriffen, die aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bekannt gegeben werden, so Marc Becher von der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord am 6. Mai diesen Jahres.

Elias aus Potsdam: Vermisster 6-Jähriger immer noch verschwunden.

Das weitere Vorgehen der Polizei im Fall des vermissten Elias

Im Fall des seit dem 8. Juli vermissten Elias hat die Polizei ihre große Suchaktion mit Hunderten Einsatzkräften inzwischen auch eingestellt. Nur noch die Ermittlungen der Sonderkommission gehen weiter. Fast 1.800 Polizisten haben die Gegend um Elias Wohnort im Potsdamer Stadtteil Schlaatz beinahe komplett abgesucht. Die Sonderkommission besteht aus 60 Polizisten, die weiter Zeugen befragen und Hinweisen nachgehen. Das sind unter anderem 3.000 Stunden Videomaterial und über 1.000 Fotos aus Tankstellen, Supermärkten und Bahnhöfen. Suchmaßnahmen werden wieder ergriffen, wenn es vielversprechende Hinweise den Verbleib des Jungen gibt, sagte der Polizeisprecher Heiko Schmidt gegenüber der "Bild". Leider ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass Elias Opfer eines Verbrechens wurde. Die Polizei prüft auch einen Zusammenhang der Verschwinden von Inga und Elias, da beide in sehr kurzer Zeit nur 100 Kilometer entfernt verschwanden. Die Ermittlungskommissionen tauschen sich intensiv aus.

Keine Spur: Wird die Suche anch Inga und Elias eingestellt?

24 Stunden Horrobilder im Kopf, jeden Tag

Peter Jamin ist Vermisstenexperte und berät Eltern, deren Kinder verschwunden sind. Im Fall Inga glaubt er leider nur noch an eine Lösung. Es gebe viel zu selten Fälle, in denen es noch gut ausgehe. Die schnelle Aufklärung von Vermisstenfällen gerade bei Kindern hält Jamin für sehr wichtig, da das Leid der Eltern "unermesslich" sei. In der Sendung "Volle Kanne" vom 3. Juni beschrieb Jamin das Leid der Eltern als einen Horrorfilm, der 24 Stunden am Tag, jeden Tag, in ihrem Kopf abläuft. Die schlimmsten Bilder, die sie sich vorstellen können, laufen durch die Köpfe der Eltern. "Die Betreuung von Angehörigen von Vermissten ist in Deutschland eine Katastrophe", kritisiert Jamin. Wenigstens in der Anfangsphase erhalten Eltern noch Gesprächstheraphien und psychologische Betreuung. Später stehen Eltern leider oft völlig alleine da - in der Politik und den Behörden fühle sich niemand verantwortlich und die Polizei sei weder personell darauf eingestellt, die notwendige Betreuungsarbeit zu leisten, noch seien die Beamten überhaupt entsprechend ausgebildet.

FOTOS: Mary-Jane, Mirco, Nina... Kinder, die grausam ermordet wurden

Empfehlung an die Eltern: Stellen Sie sich eine Entführerin mit Kinderwunsch vor, keinen Sexualstraftäter

Jamin fordert einen nationalen, von einer Behörde geführten Internetauftritt, in dem Eltern sich von Experten beraten lassen können. Außerdem müsse in jeder Stadt und Gemeinde eine Person beschäftigt werden, die sich etwas auskennt. Dorthin könnte die Polizei betroffene Eltern dann schicken. Peter Jamin führt selbst seit mehr als zwanzig Jahren eine telefonische Beratungsstelle, weil die Not der Menschen so groß sei, erklärt er. Er empfiehlt Eltern oft, die Horrorszenen in ihrem Kopf durch positivere Bilder zu ersetzen. Sie sollen nicht daran denken, dass ihr Kind einer Sexualstraftat zum Opfer fiel. Lieber sollten sich Eltern vorstellen, dass eine Frau mit einem starken Mutterwunsch das Kind an sich genommen hat und sich gut darum kümmere. Solche Fälle gebe es schließlich auch oft genug.

Wenn das Kind vermisst bleibt, wird das Leben der Eltern zerstört

Doch das Leben der Eltern wird in den meisten Fällen nie wieder normal nach dem Verschwinden des Kindes, wenn es nicht wieder auftaucht. Der "24-Stunden-Horror" im Kopf der Betroffenen hat dramatische Folgen: Ehen zerbrechen, Leute geraten in Medikamentenabhängigkeit oder Alkoholismus, auch Selbstmord komme vor. Deshalb fordert Jamin weiterhin eine Betreuung der Eltern: Automatisch müssten die Angehörigen regelmäßig und über Jahre Gesprächstheraphien angeboten bekommen, damit sie in ihrer Not nicht allein gelassen werden.

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räc/zij/news.de

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