Friedrich Merz: Offene Blockade droht - Merz-Reformen auf dem Prüfstand

Vier Stunden saßen die Koalitionsspitzen im Kanzleramt zusammen, um die festgefahrenen Reformen bei Rente, Pflege und Gesundheit zu retten. Bei drei zentralen Streitpunkten droht der Koalition aus Union und SPD nun die offene Blockade.

Erstellt von - Uhr

Bundeskanzler Friedrich Merz (70) muss um den Rückhalt in der schwarz-roten Koalition bangen. Ein Krisengipfel brachte wenig Erkenntnisse. (Foto) Suche
Bundeskanzler Friedrich Merz (70) muss um den Rückhalt in der schwarz-roten Koalition bangen. Ein Krisengipfel brachte wenig Erkenntnisse. Bild: picture alliance/dpa/Kay Nietfeld
  • Friedrich Merz unter Druck – nach dem Krisengipfel droht der Koalition der nächste Streit
  • Koalitionsgipfel ohne Ergebnis – warum Merz bei Rente, Pflege und Gesundheit feststeckt
  • SPD stellt sich quer – Merz' Reformkurs droht an der eigenen Regierung zu scheitern
  • Rente mit 63 als Zankapfel – die rote Linie der SPD bringt Merz in Bedrängnis

Bundeskanzler Friedrich Merz ist angezählt. Nach dem Wahldebakel und dem Vorpreschen der AfD, die jüngst an einem geheimen Machtplan tüftelten, haben sich SPD und die Union nun zum Krisengipfel im Kanzleramt getroffen. Laut Medieninformationen droht der schwarz-roten Koalition ein folgenreicher Bruch.

Friedrich Merz in der Sackgasse - Koalitionsgipfel sorgt für Frust

Wie unter anderem die "Bild"-Zeitung berichtet, haben sich Koalitionsspitzen von Union und SPD am Dienstagabend zu einem Krisentreffen im Kanzleramt zusammengesetzt – und sind nach knapp vier Stunden ohne greifbares Ergebnis wieder auseinandergegangen. Von 20 Uhr bis kurz vor Mitternacht wurde über die festgefahrenen Reformvorhaben bei Rente, Pflege und Gesundheit beraten. Am Ende stand laut Teilnehmerkreisen lediglich eine Bestandsaufnahme: Man habe sich "eher orientiert", wo die Dinge aktuell stehen.

An dem Treffen nahmen unter anderem Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU), Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) teil. Auf SPD-Seite waren Arbeitsministerin Bärbel Bas sowie Finanzstaatssekretär Björn Böning dabei, der anstelle von Parteichef Lars Klingbeil erschien.

Konkrete Beschlüsse? Fehlanzeige. Statt Durchbrüchen bei den zentralen Streitthemen gab es offenbar nicht mehr als eine gegenseitige Vergewisserung über die jeweiligen Positionen.

Nach drei Wahlschlappen fehlt der Koalition der Kompass

Der Hintergrund des nächtlichen Ringens ist politisch brisant: Bei drei zurückliegenden Landtagswahlen mussten beide Regierungsparteien herbe Niederlagen einstecken – zweimal siegte die AfD, einmal die Linke. Seitdem ist in der Koalition die Erkenntnis gereift, dass es so nicht weitergehen kann. Nur über das Wie herrscht fundamentale Uneinigkeit.

Trotz kritik: Merz rückt von seinem Reformkurs nicht ab

Der Kanzler (CDU) will bei den Reformen aufs Tempo drücken und den angekündigten Reformkurs endlich umsetzen. Unterstützung bekam Merz ausgerechnet von Talk-Moderator Markus Lanz, der dem Kanzler unlängst den Rücken stärkte.Die SPD-Spitze hingegen möchte bei sämtlichen Vorhaben nachverhandeln und zieht die Handbremse.

Zwischen den Koalitionspartnern droht offener Streit über die Reformagenda laut "Bild", innerhalb der SPD zeichnet sich eine Blockadehaltung ab, und in der Unionsfraktion wächst die Unzufriedenheit bis hin zur Meuterei.

Rente mit 63: Die rote Linie der SPD

Besonders verhärtet sind die Fronten beim Thema Frühverrentung. Die Sozialdemokraten lehnen es kategorisch ab, die sogenannte Rente mit 63 abzuschaffen – also die Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren zwei Jahre vor dem regulären Rentenalter in den Ruhestand zu gehen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig stellte gegenüber "Bild" unmissverständlich klar: "Bei mir gilt nach der Wahl, was ich vor der Wahl gesagt habe. Ich bin für den Erhalt der beitragsfreien Rente nach 45 Jahren." Sie erwarte, dass Kanzler und Bundesregierung dies auch umsetzten.

Die Union sieht das diametral anders. CDU und CSU halten die Regelung schlicht für nicht mehr finanzierbar. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann ließ keinen Spielraum erkennen: Man könne höchstens über "die Ausgestaltung der Härtefallregel" sprechen. In ihrer jetzigen Form könne die Frühverrentung jedenfalls nicht bestehen bleiben. Ein klassischer Patt.

Pflegereform: Sparlogik gegen Sozialversprechen

Auch beim Thema Pflege liegen die Koalitionspartner weit auseinander. Die SPD dringt auf eine Obergrenze für die Kosten, die Heimbewohner selbst tragen müssen. Gesundheitsminister Linnemann verfolgt jedoch einen völlig anderen Ansatz: Um Milliarden einzusparen, sollen Pflegebedürftige künftig erst nach einem längeren Heimaufenthalt Anspruch auf Zuschüsse erhalten. Einen von Besserverdienenden finanzierten Kostendeckel lehnt er ab – das würde die finanzielle Schieflage der Pflegekassen nur verschärfen.

Hinzu kommt enormer Zeitdruck: Linnemanns Spargesetz soll noch im September das Kabinett passieren. Gleichzeitig soll eine Expertenkommission die umfassende Pflegereform vorbereiten. SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis hält dafür vier Wochen für ausreichend. Damit würden zwei parallel laufende Gesetzgebungsprozesse entstehen, deren Stoßrichtungen kaum miteinander vereinbar sind.

Gesundheit: Finanzspritze verpufft, Beitragsschock droht

Beim dritten großen Reformfeld – dem Gesundheitssystem – sieht es kaum besser aus. Zwar ist das Spargesetz für gesetzlich Versicherte bereits verabschiedet, doch die eigentliche Strukturreform steht noch komplett aus. Eine Expertengruppe soll bis Jahresende Vorschläge erarbeiten, wie das System grundlegend umgebaut werden kann.

Doch selbst kurzfristige Maßnahmen scheinen nicht zu greifen: Obwohl der Staat 550 Millionen Euro zusätzlich in die Krankenhäuser gepumpt hat, geraten die Kliniken weiter unter finanziellen Druck. Die Krankenkassen schlagen bereits Alarm und warnen vor erneut steigenden Beiträgen für die Versicherten.

Damit bleibt bei allen drei zentralen Reformvorhaben der Koalition dasselbe Bild: Vor der Sommerpause wurden große Ankündigungen gemacht, danach wurden sie wieder infrage gestellt – und nach dem Krisen-Gipfel vom Dienstagabend ist eine Lösung für Bundeskanzler Friedrich Merz weiter nicht in Sicht.

Weitere aktuelle Politik-Themen lesen Sie auch hier:

/news.de/mlk/stg

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.