Wladimir Putin: Bizarrer Putin-Auftritt – Experten sprechen von "Halluzinationen"
Wladimir Putin verkündet im Ukraine-Krieg spektakuläre Geländegewinne. Doch das US-Institut ISW widerspricht dem Kremlchef deutlich und erklärt, seine Angaben würden "an Halluzinationen grenzen".
Erstellt von Anika Bube - Uhr
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- Putin meldet deutlich größere Geländegewinne als das US-Institut ISW
- Russische Militärblogger kritisieren die offiziellen Frontberichte und warnen vor Vertrauensverlust
- Kremlnahe Kommentatoren vermuten hinter den Erfolgsmeldungen auch politische Interessen
Bizarrer Auftritt an der Front: Beim Besuch eines russischen Kommandopostens verkündete Wladimir Putin spektakuläre Erfolge im Ukraine-Krieg. Doch die Zahlen, die der Kremlchef präsentierte, stehen in deutlichem Widerspruch zu den Auswertungen westlicher Analysten. Besonders brisant: Nicht nur Experten aus dem Ausland widersprechen den Erfolgsmeldungen, sondern auch russische Militärblogger zweifeln an den offiziellen Darstellungen.
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Bizarrer Putin-Auftritt – Kremlchef feiert Erfolg im Ukraine-Krieg
Bei seinem Besuch in Militäruniform ließ sich Putin von Generalstabschef Waleri Gerassimow über die angeblichen Fortschritte an der Front informieren. Seit Jahresbeginn habe Russland rund 6.500 Quadratkilometer ukrainisches Territorium und 310 Ortschaften eingenommen, erklärte der Kremlchef. Das Vormarschtempo habe sich "deutlich beschleunigt".
Die Auswertungen des US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) zeichnen allerdings ein völlig anderes Bild. Demnach hätten russische Truppen im selben Zeitraum lediglich rund 100 Quadratkilometer und 69 Siedlungen erobert. Die Diskrepanz ist erheblich. Das Institut bezeichnete Putins Angaben als Zahlen, die "an Halluzinationen grenzen".
Zahlen, die "an Halluzinationen grenzen": Experten zweifeln an Putin-Propaganda
Ob Putin selbst an die präsentierten Zahlen glaubt oder wissentlich falsche Angaben verbreitet, lasse sich nicht feststellen, erklärte das ISW. Als mögliche Erklärung verwies das Institut auf eine "tief in der russischen Militärführung verwurzelte Kultur des Lügens".
Wie weit die Angaben des Kremls und die Auswertungen der Analysten auseinanderliegen, zeigt ein Blick auf einzelne Monate besonders deutlich. Für September beanspruchte Putin bei seinem Auftritt im Waldai-Klub einen Geländegewinn von 1.301 Quadratkilometern. Die ISW-Daten weisen für denselben Zeitraum dagegen lediglich 175,54 Quadratkilometer russischen Raumgewinn aus. Gleichzeitig hätten ukrainische Streitkräfte 256,35 Quadratkilometer zurückerobert. Unter dem Strich habe Russland demnach rund 81 Quadratkilometer Gelände verloren.
Auch im Oktober fiel die Bilanz laut den vorliegenden Angaben ungünstig für Moskau aus. Russische Einheiten verloren demnach durchschnittlich sieben Quadratkilometer pro Tag. Während der Kreml seit September von einem Geländegewinn von 1.800 Quadratkilometern sprach, verzeichneten die Analysten für diesen Zeitraum einen Verlust von mehr als 100 Quadratkilometern.
Hinzu kommen die hohen Verluste der russischen Streitkräfte. Allein im September seien rund 48.000 russische Soldaten gefallen oder verwundet worden. Die Zahlen verdeutlichen, wie stark sich die offiziellen Erfolgsmeldungen und die vorliegenden Einschätzungen zur militärischen Lage unterscheiden.
Russische Militärblogger widersprechen Putin
Besonders bemerkenswert ist, dass die Kritik nicht nur aus westlichen Staaten kommt. Auch russische Militärblogger stellen die offiziellen Lageberichte infrage – obwohl viele von ihnen den Krieg grundsätzlich unterstützen.
Der Frontbeobachter Wladimir Romanow erklärte unverblümt, der Lagebericht von Generalstabschef Gerassimow an Putin enthalte Informationen, "die teilweise oder vollständig unwahr sind". Er warf der Militärführung "Schönfärberei" bei der Darstellung der Frontlinien vor. Mit Blick auf die angeblich eroberten Siedlungen warnte er spöttisch, man werde dort wohl bald eine "Ansicht von der anderen Seite" erleben. Auch der einflussreiche Telegram-Kanal "Zwei Majore" mit rund 1,2 Millionen Abonnenten kritisierte die offiziellen Angaben. Die geschönten Berichte würden schließlich auch von den Soldaten an der Front gelesen. Diese könnten aus eigener Erfahrung beurteilen, ob die Darstellungen der tatsächlichen Lage entsprächen. Das untergrabe "insgesamt das Vertrauen in offizielle Berichte", warnte der Kanal. Blogger Anatoli Radow zeigte sich ebenfalls ratlos: "Insgesamt verstehe ich den tieferen Sinn solcher Aussagen immer noch nicht."
Die Kritik ist für den Kreml besonders heikel. Wenn selbst Stimmen aus dem eigenen Lager die offiziellen Erfolgsmeldungen anzweifeln, droht die Glaubwürdigkeit der Militärführung auch innerhalb der russischen Unterstützerszene Schaden zu nehmen.
Kreml-Propaganda: Sollen Putins Zahlen den Westen unter Druck setzen?
Doch nicht alle kremlnahen Stimmen sehen die überhöhten Erfolgsmeldungen als bloßen Fehler. Der Kreml-Propagandist Sergej Markow lieferte eine mögliche strategische Erklärung: Die aufgeblähten Zahlen seien "ein wichtiges politisches Druckmittel in verschiedenen Verhandlungen". Demnach gehe es auch darum, US-Präsident Donald Trump gegen die ukrainische Führung einzunehmen und die Europäische Union dazu zu bewegen, ihre finanzielle Unterstützung für Kiew einzustellen.
Der einflussreiche Militärkommentator Juri Podoljak, dessen Telegram-Kanal 2,7 Millionen Follower erreicht, stellte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der Kriegsführung und der internationalen Diplomatie her. "Neben dem Krieg an der Front gibt es auch den Krieg in der Außenpolitik", erklärte er. Man müsse auch um Trumps Position kämpfen. Sein Fazit: "Deshalb wurde das gesagt, was gesagt wurde."
Die Aussagen legen nahe, dass zumindest einige kremlnahe Kommentatoren die Erfolgsmeldungen auch als Instrument der politischen Einflussnahme betrachten. Ein möglichst aussichtslos erscheinender ukrainischer Widerstand könnte im Westen die Bereitschaft erhöhen, auf Verhandlungen zu drängen – möglicherweise zu Bedingungen, die Moskau entgegenkommen.
Russland greift ukrainische Energieversorgung an – Winter wird zur Belastungsprobe
Während über die tatsächliche Lage an der Front gestritten wird, gehen die militärischen Angriffe weiter. Bei seinem Briefing für Putin erklärte Generalstabschef Gerassimow, die russischen Streitkräfte hätten massive Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur begonnen. Nach seiner Darstellung sei die Stahlproduktion in der Ukraine zum Erliegen gekommen und der Betrieb an den wichtigsten Schwarzmeerhäfen eingestellt worden.
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