Estlands Verteidigungsminister warnt : Neues Ziel nach Kriegsende? Putin könnte Nato-Land ins Visier nehmen
Nach dem Ende des Ukraine-Kriegs könnte Putin die Nato testen. Der estnische Verteidigungsminister glaubt, dass Russland sogar ein neues Ziel im Visier haben könnte, und spricht eine Warnung an das Militärbündnis aus.
Erstellt von Sabrina Böhme - Uhr
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- Estnischer Verteidigungsminister warnt Nato vor Putins Test
- Laut dem Minister könnte Russland nach dem Ende des Ukraine-Kriegs ein Land des Militärbündnisses ins Visier nehmen
- Minister plädiert für Vollmitgliedschaft der Ukraine
Der estnische Verteidigungsminister Martin Herem rechnet fest damit, dass Russland nach einem Ende der Kämpfe in der Ukraine erneut zuschlagen wird. Ob das erste Ziel Estland, Lettland oder ein anderes Land sei, lasse sich nicht vorhersagen. Doch Moskaus Absicht stehe seinen Aussagen nach mutmaßlich fest: "Sie werden definitiv jemanden testen", so der Minister.
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Estnischer Verteidigungsminister hält Putins Angriff auf die Nato für denkbar
Russland müsse ein Land wie Estland nicht einmal besetzen, um seine Ziele zu erreichen, erklärte Herem im Interview mit der Nachrichtenseite "European Pravda". Es genüge, Schaden anzurichten und Misstrauen innerhalb der betroffenen Gesellschaften als auch zwischen den Verbündeten zu säen. "Was sie wollen, ist Einfluss. Sie brauchen Macht", betonte er. Sobald die Kampfhandlungen in der Ukraine enden – egal ob durch einen Sieg oder ein Einfrieren des Konflikts – werde Russland täglich "militärisches Fett ansammeln".
Auf die Frage, ob ein Angriff auf die NATO denkbar sei, antwortete er unmissverständlich: Russland könnte die Allianz gezielt attackieren, um sie zu zerbrechen. Dabei müsse der Angriff nicht einmal die Schwelle von Artikel 5 überschreiten. Selbst wenn die NATO einen solchen Konflikt gewinne, der Sieg aber "zu hässlich" ausfalle, würden die Verbündeten beginnen, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Genau in diesem Moment werde Moskau seine Lösung anbieten: "Lasst uns reden, lasst uns wieder normal Geschäfte machen." Als jemand, der in der Sowjetunion aufgewachsen sei, verstehe er diese Mechanismen.
Ob sich solche Angriffe verhindern ließen? "Ich bin mir nicht sicher, ob wir den Verrückten abschrecken können", räumte der Minister ein. Die einzige Antwort sei konsequente Vorbereitung. Estland müsse bereit sein, "wie die Ukraine zu kämpfen – an der Frontlinie und im Hinterland". Zudem brauche das Land eigene Fähigkeiten für Angriffe in die Tiefe des gegnerischen Raums. Estland werde oft als Land ohne strategische Tiefe betrachtet, doch er sehe das anders: "Ganz Europa ist unser Hinterland."
Drohnen-Deal mit Kiew bringt Estland mehr als nur Technologie
Der kürzlich unterzeichnete Drohnen-Vertrag mit der Ukraine liefere Estland nicht bloß technische Ausrüstung, sondern vor allem wertvolles Wissen. Es gehe dabei um weit mehr als die Bedienung von Abfangdrohnen. Das Abkommen umfasse Erkenntnisse zum Aufbau von Luftverteidigung, Befestigungsanlagen und Drohnenabwehrsystemen. Estnische Fachleute müssten in die Ukraine kommen und vor Ort lernen, während ukrainische Experten nach Estland reisen sollten, um beim Aufbau der Verteidigungslinie zu beraten.
Auch die Vorbereitung des Hinterlandes gehöre dazu. Krankenhäuser, Kommunalverwaltungen, Polizeistationen und Energieinfrastruktur müssten gegen sämtliche Bedrohungen aus der Luft gewappnet werden, ob ballistische Iskander-Raketen, Marschflugkörper oder Schwärme von Shahed-Drohnen.
Nato-Personal im Ukraine-Krieg? Lernen an der Front
Der Minister enthüllte, dass er bereits im Juli 2022 die ukrainische Frontlinie besucht hatte – damals noch als Befehlshaber der estnischen Streitkräfte. "Ich war in estnischer Uniform an der Front, und die Frontlinie war damals nur wenige Kilometer von Charkiw entfernt", berichtete er. Estnisches Militärpersonal sei seitdem regelmäßig in der Ukraine gewesen.
Den scheinbaren Widerspruch zu Aussagen, wonach sich kein Nato-Personal in der Ukraine befinde, löste er pragmatisch auf: Man operiere dort nicht, man lerne. Niemand greife zu Waffen oder bediene Radargeräte. Dieses Wissen stelle keine Bedrohung für Russland dar – es werde nur dann eingesetzt, wenn Russland die estnische Grenze überschreite. "Wir haben keinen Plan, die Grenze zu überqueren und Russland anzugreifen. Einen solchen Plan hatten wir nie."
Russlands hybride Angriffe sollen Konflikte am Köcheln halten
Im Bereich der hybriden Kriegsführung sei Russland bereits jetzt hochaktiv. Sabotage, Cyberattacken und Informationsoperationen dienten dazu, die Bedingungen für eine spätere konventionelle Konfrontation zu schaffen. "Wenn man konventionelle Macht einsetzen will, muss man der eigenen Bevölkerung und Drittstaaten erklären, dass man ein Problem mit Estland oder dem Westen hatte", erläuterte der Minister die Logik dahinter.
Der estnische Regierungschef Kristen Michal betonte in Tallin, wie wichtig die Unterstützung der Ukraine sei. Sie sei "Teil unserer eigenen Sicherheit. Russlands Ziele haben sich nicht geändert. Es testet unsere Einheit mit hybriden Angriffen und versucht, unsere Aufmerksamkeit von der Ukraine abzulenken", sagte der estnische Regierungschef. Dies dürfe nicht zugelassen werden. "Unsere Aufgabe ist es, der Ukraine im Kampf gegen Russlands brutale Angriffe beizustehen", sagte Michal. Estland werde die Ukraine weiter militärisch unterstützen.
Herem verwies auf konkrete Vorfälle der jüngsten Vergangenheit: eine bewaffnete Drohne in Deutschland, die einen Flughafen attackierte, sowie einen Brandanschlag auf eine militärische Produktionsstätte in Estland. Die Antwort darauf sei eindeutig gewesen: Deutschland habe seine Unterstützung für die Ukraine verstärkt, Estland habe über das PURL-Programm weitere zehn Millionen Euro bereitgestellt. Für das kommende Jahr plane Tallinn Hilfsleistungen von über 100 Millionen Euro allein aus estnischen Mitteln.
Entscheidend sei zudem die öffentliche Zuschreibung solcher Aktionen. Wenn russische Geheimdienste hinter Anschlägen steckten, müsse dies offen benannt und so schnell wie möglich zugeordnet werden.
Klares Plädoyer für Nato-Vollmitgliedschaft der Ukraine
Zur künftigen europäischen Sicherheitsarchitektur bezog der Minister unmissverständlich Stellung: Die Ukraine müsse ein gleichberechtigtes Mitglied des Sicherheitssystems werden. Auf die Frage nach einer NATO-Vollmitgliedschaft entgegnete er: "Warum nicht?" Der einzige Unterschied zu Estlands eigenem Beitritt sei der laufende Krieg. Sobald dieser beendet oder eingefroren sei, gebe es keinen Grund, die Ukraine auszuschließen. Estland selbst habe nicht einmal eine offiziell vereinbarte Grenze mit Russland – auch das sei "ein wenig wackelig".
Den Verdacht, westliche Verbündete könnten ein Interesse daran haben, Russland möglichst lange in der Ukraine gebunden zu halten, wies er entschieden zurück. Selbst wenn ein Kriegsende das Bedrohungsniveau für die baltischen Staaten erhöhe, widerspreche ein solches Kalkül den eigenen Werten. "Wenn wir unsere Werte vergessen – Freiheit, Demokratie, alles, wofür wir stehen –, dann werden wir sehr bald alles verlieren", warnte er. Finnland, Lettland, Litauen und Polen sähen die Ukraine als ihr "Alter Ego" und wollten nicht, dass das Land leide. "Ich möchte, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt. Das ist meine Überzeugung."
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bos/news.de/dpa/stg
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