Ausländer in der DDR «Nach der Wende wurde es ganz bitter»

Vietnam.jpg (Foto)
Nach dem Ende der DDR blieb vielen Ausländern nur die Abschiebung. Dagegen richtet sich diese Demonstration von Vietnamesen in Erfurt. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Frank Meinzenbach
Knapp 200.000 Ausländer lebten beim Fall der Mauer in der DDR: Studenten aus Mosambik, Gastarbeiter aus Vietnam, Wissenschaftler aus Kuba. Experte Patrice Poutrus erklärt, wie schwierig die Situation für sie war - und heute noch ist.

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, in Ostthüringen. Dort gab es große Fabriken, in denen viele Vietnamesen und Afrikaner gearbeitet haben. Aber im Alltag hatte ich fast nichts mit ihnen zu tun. Haben die in einer Parallelwelt gelebt?

Poutrus: Wir leben alle in einer Parallelwelt. Moderne Gesellschaften sind nur vermittelt miteinander verbunden. Wenn Politiker glauben, sie müssten in die Lebenswelt der Bürger eindringen können wie in ihre eigene Lebenswelt, dann haben sie etwas nicht verstanden. Das ist ein totalitärer Anspruch. In der DDR wurden Ausländer grundsätzlich von der Lebenswelt der DDR-Bürger ferngehalten. Das ist übrigens in Übereinstimmung mit den Partnerländern geschehen, und auch die Mehrzahl der DDR-Bürger hat das so gewollt. Kaum einer wollte gerne Vietnamesen oder Mosambiker in der Schlange in der Kaufhalle treffen.

Der lange Weg zur Einheit
Deutsch-deutsche Geschichte in Bildern

Es gab also ein offizielles Kontakt-Verbot?

Poutrus: Kontakte zwischen Ausländern und DDR-Bürgern wurden jedenfalls mit doppeltem Misstrauen beäugt. Zum einen machte man sich bei der Staatsseite verdächtig, denn die Kontaktaufnahme konnte als Fluchtwunsch interpretiert werden. Zum zweiten waren Kontakte zu Ausländern bei vielen DDR-Bürgern verpönt. Aber ein echtes Verbot gab es nur im kleinen Rahmen, beispielsweise in den Wohnheimen, in denen die Ausländer untergebracht waren. Dort durfte nach 22 Uhr niemand mehr rein. Aber das wurde natürlich nicht immer eingehalten.

Trotzdem gab es auch Freundschaften, Affären, Ehen und Kinder. Welche Konsequenzen hatte das für Frauen und Männer?

Poutrus: Ausländische Frauen, die in der DDR schwanger wurden, mussten entweder zurück in ihre Heimat oder abtreiben. Diese Regelung wurde erst 1987 fallen gelassen. Damals ist sogar den DDR-Behörden klar geworden, dass diese Bestimmung unmenschlich ist. Ehen mussten von beiden Staaten genehmigt werden. Das war nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. In solchen Fällen wurde ganz viel Druck ausgeübt - von staatlicher Seite, aber auch im persönlichen Umfeld.

Was passierte nach der Wiedervereinigung mit den Ausländern in der DDR?

Poutrus: Die Vertragsarbeiter wurden nach der Wende nach Hause geschickt, um nicht zu sagen: ausgewiesen. Wer hier bleiben wollte, hatte nur zwei Möglichkeiten: politisches Asyl – worauf die Chancen relativ schlecht standen - oder Illegalität. Deshalb war der Mauerfall für die Ausländer in Ostdeutschland auch kein Grund zum Feiern. Für viele von ihnen hat mit der Wende ein ganz bitteres Kapitel angefangen. Aber auch westdeutsche Ausländer, die in den 1980er Jahren eine Anerkennung für ihre Kultur erkämpft hatten, gerieten nach der Wende gesellschaftlich massiv unter Druck. Die Atmosphäre wurde feindlicher: Entweder, ihr seid so, wie wir euch wollen, oder ihr müsst gehen.

In der DDR wurde immer von Völkerverständigung gesprochen. Die Menschen in den östlichen Nachbarstaaten sollten Brüder und Schwestern sein. Ist das nicht zynisch?

Poutrus: Das hatte einen doppelten Boden. Die Völkerfreundschaft des Sozialismus ist ein hohes, vielleicht überhöhtes Ideal. Das Problem damals wie heute ist, dass Ausländer nie als Individuum, sondern immer gleich als Vertreter ihres Landes behandelt werden. Es gibt Kriminelle auf beiden Seiten, aber wenn ein Ausländer ein Verbrechen begeht, steht gleich eine ganze Bevölkerungsgruppe mit ihm unter Anklage. In der DDR kam noch etwas hinzu: Rassistische Vorurteile haben sich lange gehalten, weil es keine öffentliche Debatte darüber gab. Zudem wurden die Gastarbeiter häufig als SED-nah gesehen und wurden von DDR-Gegnern in der Bevölkerung deshalb abgelehnt.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die DDR vielen Ausländern attraktiv erschien

Warum wollten beispielsweise die Vietnamesen trotzdem in die DDR?

Poutrus: Die DDR war in den 1980er Jahren für viele junge Vietnamesen eine einmalige Chance, aus der dramatischen Mangelsituation in ihrer Heimat herauszukommen. Teilweise wurden sogar Schmiergelder gezahlt, damit man in die DDR durfte. Man darf nicht vergessen, dass das Land noch stark unter dem Erbe des Vietnamkriegs gelitten hat. Die Menschen wollten ordentliche Arbeit, sie wollten mehr Geld als in ihrer Heimat verdienen und haben natürlich auch ihre Familien zu Hause unterstützt.

Gab es dafür kein Verständnis bei den DDR Bürgern?

Poutrus: Es ist etwas schwieriger: Knappe DDR-Güter nach Vietnam zu schicken, kam natürlich bei der DDR-Bevölkerung nicht gut an. Für viele war das eine Provokation nach dem Motto: Die kaufen uns alles weg. Die DDR-Behörden haben diese Stimmung auch noch aufgegriffen und unterstützt. Es gab Fälle, in denen Engpässe offiziell auf Ausländer geschoben wurden. Das fand teilweise auch den Weg in die DDR-Zeitungen.

Wie war ihr Aufenthalt geregelt, wie lange blieben die Ausländer in der DDR?

Poutrus: Mit Vietnam gab es ein offizielles Abkommen. Die Vietnamesen wurden in der DDR ausgebildet und blieben dann vier Jahre als Arbeiter im Land. Als die wirtschaftliche Lage in der DDR immer schwieriger wurde, trat der Ausbildungsaspekt aber zunehmend in den Hintergrund. Es gab Arbeitermangel - und den versuchte man mit Ausländern zu lindern. Letztlich mussten die Vertragsarbeiter in Berufen arbeiten, die die Ostdeutschen nicht machen wollten. Das waren harte, häufig auch gesundheitsschädliche Berufe. Meistens in der Chemie- oder in der Textilindustrie, die damals heillos veraltet waren. Für viele Vietnamesen war das eine Enttäuschung, denn sie waren auch in die DDR gegangen, um etwas zu lernen.

Wie sah es bei den russischen Soldaten aus, die mit Abstand das größte Ausländer-Kontingent stellten?

Poutrus: Das war eine riesige Zahl. Auf jeden NVA-Soldat in der DDR kamen zwei bis drei russische Soldaten. Das bedeutet: Es waren zwischen 350.000 und 500.000 russische Männer in der DDR stationiert. Diese Truppenstärke wurde erst am Ende reduziert. Insgesamt haben von 1945 bis 1994 etwa zehn Millionen Sowjetbürger Dienst in der DDR geleistet. Auch sie wurden von der Bevölkerung getrennt und lebten fast ausschließlich in riesigen Kasernen. Die Situation dort war äußerst problematisch. Die Soldaten wurden schlecht behandelt. Es gab immer wieder Übergriffe, Unfälle oder willkürliche Konfiszierungen. Das Verhältnis der Sowjetarmee zur DDR schwankte immer zwischen einer Demonstration der Stärke als Besatzungsmacht und dem Betonen der Freundschaft.

Wie war die Erfahrung, das Land nach Jahrzehnten verlassen zu müssen?

Poutrus: Die Streitkräfte wurden zu einem Hort unglaublicher Korruption. Es wurde alles verscherbelt, was nicht niet- und nagelfest war. Damals eine Waffe zu kaufen, war ein Kinderspiel.

Nach der Wende wurde auch Gewalt gegen Ausländer zu einem großen Problem in Ostdeutschland. Gab es das auch schon zu DDR-Zeiten?

Poutrus: Ja. Es hat Übergriffe von DDR-Bürgern gegeben. Diese Gewaltakte standen natürlich nicht in der Zeitung, man findet sie aber in den Berichten der Polizei und der Staatssicherheit. In fast allen Fällen sind die DDR-Behörden davon ausgegangen, dass die Ausländer den Streit angezettelt haben.

In Ostdeutschland geblieben sind fast nur die Vietnamesen. Woran liegt das?

Poutrus: Wie gesagt: Es wurde rigoros abgeschoben, was vor allem die Afrikaner betraf. Die Menschen, die wir heute sehen, die Zigaretten handeln oder Blumen und Obst verkaufen - das ist die kleine Zahl, die übrig geblieben ist. Manche von ihnen haben Asyl bekommen, andere leben illegal in Deutschland. Viele haben sich eine eigene Existenz aufgebaut, beispielsweise mit einem Imbiss. Das liegt zum einen daran, dass es unglaublich schwer ist, als Ausländer einen anderen Arbeitsplatz zu finden. Außerdem haben die Vietnamesen oft eine Selbstständigkeitsperspektive. Das ist bei Einwanderern häufig so: Die hängen nicht in Hängematten, sondern wollen sich etwas aufbauen. Da bleibt oft nur ein kleines Geschäft als Einstieg, in dem man bis zur Selbstausbeutung arbeitet. Oder die Jobs, die sonst keiner machen will.

Patrice Poutrus (48) ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Der Historiker hat sich vor allem mit den Themen Ausländer, Asyl und Flüchtlinge befasst.

jan/mik/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
Neueste Dossiers
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige