Sa., 04.02.12
Wieder vereint

Ausländer in der DDR «Nach der Wende wurde es ganz bitter»

Von news.de-Redakteur Frank Meinzenbach

Artikel vom 22.11.2009

Knapp 200.000 Ausländer lebten beim Fall der Mauer in der DDR: Studenten aus Mosambik, Gastarbeiter aus Vietnam, Wissenschaftler aus Kuba. Experte Patrice Poutrus erklärt, wie schwierig die Situation für sie war - und heute noch ist.

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, in Ostthüringen. Dort gab es große Fabriken, in denen viele Vietnamesen und Afrikaner gearbeitet haben. Aber im Alltag hatte ich fast nichts mit ihnen zu tun. Haben die in einer Parallelwelt gelebt?

Poutrus: Wir leben alle in einer Parallelwelt. Moderne Gesellschaften sind nur vermittelt miteinander verbunden. Wenn Politiker glauben, sie müssten in die Lebenswelt der Bürger eindringen können wie in ihre eigene Lebenswelt, dann haben sie etwas nicht verstanden. Das ist ein totalitärer Anspruch. In der DDR wurden Ausländer grundsätzlich von der Lebenswelt der DDR-Bürger ferngehalten. Das ist übrigens in Übereinstimmung mit den Partnerländern geschehen, und auch die Mehrzahl der DDR-Bürger hat das so gewollt. Kaum einer wollte gerne Vietnamesen oder Mosambiker in der Schlange in der Kaufhalle treffen.

Es gab also ein offizielles Kontakt-Verbot?

Poutrus: Kontakte zwischen Ausländern und DDR-Bürgern wurden jedenfalls mit doppeltem Misstrauen beäugt. Zum einen machte man sich bei der Staatsseite verdächtig, denn die Kontaktaufnahme konnte als Fluchtwunsch interpretiert werden. Zum zweiten waren Kontakte zu Ausländern bei vielen DDR-Bürgern verpönt. Aber ein echtes Verbot gab es nur im kleinen Rahmen, beispielsweise in den Wohnheimen, in denen die Ausländer untergebracht waren. Dort durfte nach 22 Uhr niemand mehr rein. Aber das wurde natürlich nicht immer eingehalten.

Trotzdem gab es auch Freundschaften, Affären, Ehen und Kinder. Welche Konsequenzen hatte das für Frauen und Männer?

Poutrus: Ausländische Frauen, die in der DDR schwanger wurden, mussten entweder zurück in ihre Heimat oder abtreiben. Diese Regelung wurde erst 1987 fallen gelassen. Damals ist sogar den DDR-Behörden klar geworden, dass diese Bestimmung unmenschlich ist. Ehen mussten von beiden Staaten genehmigt werden. Das war nicht leicht, aber auch nicht unmöglich. In solchen Fällen wurde ganz viel Druck ausgeübt - von staatlicher Seite, aber auch im persönlichen Umfeld.

Was passierte nach der Wiedervereinigung mit den Ausländern in der DDR?

Poutrus: Die Vertragsarbeiter wurden nach der Wende nach Hause geschickt, um nicht zu sagen: ausgewiesen. Wer hier bleiben wollte, hatte nur zwei Möglichkeiten: politisches Asyl – worauf die Chancen relativ schlecht standen - oder Illegalität. Deshalb war der Mauerfall für die Ausländer in Ostdeutschland auch kein Grund zum Feiern. Für viele von ihnen hat mit der Wende ein ganz bitteres Kapitel angefangen. Aber auch westdeutsche Ausländer, die in den 1980er Jahren eine Anerkennung für ihre Kultur erkämpft hatten, gerieten nach der Wende gesellschaftlich massiv unter Druck. Die Atmosphäre wurde feindlicher: Entweder, ihr seid so, wie wir euch wollen, oder ihr müsst gehen.

In der DDR wurde immer von Völkerverständigung gesprochen. Die Menschen in den östlichen Nachbarstaaten sollten Brüder und Schwestern sein. Ist das nicht zynisch?

Poutrus: Das hatte einen doppelten Boden. Die Völkerfreundschaft des Sozialismus ist ein hohes, vielleicht überhöhtes Ideal. Das Problem damals wie heute ist, dass Ausländer nie als Individuum, sondern immer gleich als Vertreter ihres Landes behandelt werden. Es gibt Kriminelle auf beiden Seiten, aber wenn ein Ausländer ein Verbrechen begeht, steht gleich eine ganze Bevölkerungsgruppe mit ihm unter Anklage. In der DDR kam noch etwas hinzu: Rassistische Vorurteile haben sich lange gehalten, weil es keine öffentliche Debatte darüber gab. Zudem wurden die Gastarbeiter häufig als SED-nah gesehen und wurden von DDR-Gegnern in der Bevölkerung deshalb abgelehnt.

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