Von news.de-Redakteur Jan Grundmann - 18.02.2011, 09.36 Uhr

Inzest: Es bleibt in der Familie

Mythos Inzest: Das Missbrauchsdrama im Westerwald bringt auch den Sex zwischen Blutsverwandten ans Tageslicht. Der Konflikt ist so alt wie die Menschheit. Doch Alpendörfer wären ohne Inzest ausgestorben, einige Religionen betreiben ihn noch heute.

Detlef S. aus Fluterschen: Auch seine eigene Tochter soll er jahrzehntelang missbraucht haben.  Bild: dpa

Der Fall ist abartig und in der Bundesrepublik einmalig: Detlef S., das unscheinbare Familienmonster aus Fluterschen, soll Tochter und Stiefkinder über Jahrzehnte hinweg sexuell missbraucht, geschlagen, für Orgien verliehen haben. Mit der Stieftochter hat er sieben Kinder gezeugt, gestand der 48-Jährige vor dem Landgericht Koblenz.

Neben aller Perversität und Abgründigkeit wirft das Drama Licht auf eines der letzten Tabus in Deutschland. Detlef S. gestand auch den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch seiner leiblichen Tochter. Die heute 18-Jährige brach vor Gericht immer wieder in Tränen aus und im Zeugenstand zusammen, als sie über den Missbrauch durch den eigenen Vater sprach. Doch dann sagte sie: «Ich liebe meinen Vater noch immer sehr. Ich hasse ihn nicht.»

FOTOS: Inzest Eine schrecklich perverse Familie

Cleopatra, Ödipus, Nero: Inzest überall

Jetzt ist es Detlef S., der seine Tochter missbrauchte. Im vergangenen Jahr wurde ein argentinischer Familienvater verhaftet, der mit seiner Tochter neun Kinder gezeugt hat. Zuvor ging der Inzest-Horror bei Familie Fritzl aus dem österreichischen Amstetten um die Welt.

Das Phänomen des Geschlechtsverkehrs zwischen Verwandten ist so alt wie die Menschheit. Cleopatra, ägyptische Königin, entstammte einer Geschwisterehe. Die Griechen hatten ihre Sage über Ödipus, den Königssohn von Theben. Der heiratete und schwängerte seine ihm unbekannte Mutter - und stach sich nach der Entdeckung die Augen aus.

Im alten Rom soll Kaiser Nero mit seiner Mutter geschlafen haben. Trotz Verbots. Der europäische Adel vermählte und schwängerte sich fast ausschließlich selbst. Denn der Pöbel sollte nicht in den durchlauchten Kreis. Sigmund Freud baute seine Psychologie vor allem auf Inzest  auf. Und noch immer steht in Deutschland der Beischlaf unter Familienangehörigen ersten Grades unter Strafe, Paragraf 173 Strafgesetzbuch.

Warum? Der biologische Aspekt dürfte dominieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder an Krankheiten und Missbildungen leiden, steigt mit zunehmendem Verwandtschaftsgrad der Eltern. Denn das Erbgut von Blutsverwandten ist ähnlich.

Gleiches Blut, gleiche Gendefekte

«Jeder Mensch trägt fünf bis sechs ungünstige Mutationen in seinen Erbanlagen», erklärt Humangenetikerin Sabine Rudnik-Schöneborn im news.de-Gespräch. Diese fünf bis sechs defekten Gene werden rezessiv vererbt. Sie sind im Erbgut, brechen aber nicht aus. Sie werden durch die Generationen gereicht und kommen nicht zum Vorschein. Die Kinder sind gesund - bis plötzlich ein Baby krank oder missgebildet zur Welt kommt.

Dazu müssen die Eltern denselben Gendefekt haben, der im Kind dominant wird. Resultat können Fehlbildungen oder Entwicklungsstörungen der Kinder sein: etwa Herzfehler, offener Rücken, Muskelschwund und geistige Behinderungen. Oder Mukoviszidose, an der eins von 1600 bis 2000 Neugeborenen erkrankt.

Das Risiko, das zwei Menschen mit demselben Gendefekt aufeinandertreffen und das Kind geschädigt ist, besteht bei allen Menschen. «In der Normalbevölkerung liegt der Anteil bei drei Prozent», so Humangenetikerin Rudnik-Schöneborn. Allerdings schnellt das Risiko in die Höhe, wenn das Erbmaterial baugleich ist - bei Blutsverwandten also.

Zeugen Cousin und Cousine ein Kind, verdoppelt sich rein statistisch das Risiko für kranke Kinder auf sechs Prozent, sagt Rudnik-Schöneborn, die solche Blutsverwandten im Universitätsklinikum Aachen berät und in der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik die Kommission zu ethischen Fragen leitet. «Cousin und Cousine haben ein Achtel ihrer Erbanlagen gemeinsam.»

Inzest in Regions- und Religionsgemeinschaften

Beim Inzest-Drama im Westerwald ist das Risiko weitaus höher. Denn Detlef S. und seine 18-jährige Tochter haben die Hälfte ihre Erbanlagen gemeinsam. «Das Risiko steigt, je näher die Verwandten sich stehen», so die Professorin. Die genaue Risikohöhe bei Nachkommen zwischen Vater und Tochter will sie nicht schätzen, andere Experten schon. Das Krankheits- und Behinderungsrisiko schieße auf 30 bis 50 Prozent in die Höhe, schätzt der Würzburger Humangenetiker Tiemo Grimm im Focus-Interview.

Allerdings ist die menschliche Geschichte voller Inzest. Schließlich gibt es Eisenbahnen und Autos noch nicht so lange. In Bergdörfern gab es lange keine Mobilität. Die Nachkommen blieben in der Gemeinschaft - und zogen nicht etwa in die Großstadt. Es kam auch selten Besuch. So blieb der Genpool beschränkt. «In Finnland gibt es völlig andere Krankheiten als im Rest von Europa», sagt Rudnik-Schöneborn. Krankheiten, die die Ostsee nicht überquert haben. Weil die Finnen keine Boote hatten. Und sie in ihren Gemeinschaften isoliert lebten.

«Allerdings kann das menschliche Genom gut damit umgehen», so die Humangenetikerin. So praktizieren Religionsgemeinschaften noch heute Inzest - etwa die Amish oder die Hutterer in den USA. Unter Letztgenannten hat sich gar eine eigene Blutgruppe entwickelt, Forscher nennen sie Waldner positiv.

Für Detlef S. dürfte es egal sein, wie negativ Inzest sich nun auf das Genmaterial auswirkt. Angeklagt ist er wegen der Pein, die er seinen Stiefkindern und seiner eigenen Tochter angetan hat: sexueller Missbrauch und grausame Gewalt. Das Urteil soll am 17. März fallen.

mat/reu/news.de

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