Schule in der DDR
«Widerspruch wurde nicht toleriert»

In der DDR war sie selbst Lehrerin, jetzt ist sie Leiterin des Schulmuseums Leipzig: Elke Urban spricht mit news.de ├╝ber Fahnenappell, ideologische Erziehung und dar├╝ber, was passierte, wenn Sch├╝ler dem vermittelten Weltbild widersprachen.

Eine nachgestellte DDR-Schulstunde im Schulmuseum Leipzig. Bild: ddp

Wer heute Filme ├╝ber Schule in der DDR sieht, sieht die roten und blauen Halst├╝cher der Pioniere und h├Ârt vom FahnenappellEine formell an das gleichnamige Milit├Ąrritual angelehnte Veranstaltung an DDR-Schulen, welche mehrmals im Jahr zu besonderen Anl├Ąssen, zum Beispiel dem ersten und letzten Schultag, stattfand. Dabei versammelten sich Lehrer und Sch├╝ler auf dem Schulhof, in der Aula oder in der Turnhalle zu einer Zeremonie. Die Zeremonie folgte milit├Ąrischen Regeln. So wurde ein- bzw. ausmarschiert und Kommandos wie ┬źAugen geradeaus┬╗, ┬źLinks rum┬╗ oder ┬źStill gestanden┬╗ verwendet. . Welche Rolle haben politisch-ideologische Elemente im Schulalltag tats├Ąchlich gespielt?

Urban: Der Fahnenappell war tats├Ąchlich typisch f├╝r den Schulalltag. Er wurde jedoch sehr unterschiedlich eingesetzt: Es gab Schulen, da fand so ein Appell nur zweimal im Jahr statt. Und es gab durchgeknallte Schulleiter, die jeden Montag einen durchgef├╝hrt haben. Typisch f├╝r jede Diktatur und Teil der ideologischen Beeinflussung in der DDR war auch, dass Herrscherbilder im Klassenzimmer hingen. Das musste nicht unbedingt immer der Staatsratsvorsitzende sein, es reichte auch ein Mitglied des Politb├╝ros.

FOTOS: Schule in der DDR Schule in der DDR

Es hei├čt, selbst in Sachaufgaben in Mathematikb├╝chern spielte der Sozialismus eine Rolle. In welchem Verh├Ąltnis standen Wissensvermittlung und politisch-ideologische Erziehung tats├Ąchlich?

Urban: Der Auftrag, die Kinder ideologisch zu erziehen, hat sich mehr oder weniger durch alle F├Ącher gezogen. Insgesamt wurden darauf etwa 20 bis 30 Prozent der Unterrichtsarbeit verwendet. Dazu geh├Ârte das Fach Wehrkunde, das 1978 eingef├╝hrt wurde, die Arbeit an den Nachmittagen in AGs, bei Pioniertreffen und FDJ-Guppenstunden. Und da geh├Ârten auch die Kampflieder dazu, die im Musikunterricht gesungen wurden. Oder der Fahnenappell. Oder das Handgranatenweitwerfen im Sportunterricht. Die gr├Â├čte Rolle spielte Ideologie nat├╝rlich in Staatsb├╝rgerkunde, in Deutsch und Geschichte, am wenigsten in den Naturwissenschaften. Da h├Ątte man nach 1989 relativ unbeschadet weitermachen k├Ânnen, vielleicht sogar mit den gleichen Schulb├╝chern, die systematisch sehr gut aufgebaut waren und in denen man lange nach Feindbildern suchen musste.

Wie haben Lehrer auf inhaltliche Gegenrede von Sch├╝lern reagiert, gerade in solchen F├Ąchern wie Geschichte und Staatsb├╝rgerkunde?

Urban: Diese Zwischenrufe hat es nicht gegeben. Und wenn, dann nur einmal – und nie wieder. Da hatten Lehrer in der DDR-Schule so viel Macht, dass sie das ein f├╝r allemal unterbinden konnten. Es gab in der DDR wenn ├╝berhaupt sicher nur eine Handvoll Lehrer, die diesen Widerspruch herausgefordert haben. So hat es nach dem Ende der DDR unter den Lehrern zu gro├čen Irritationen gef├╝hrt, als zum Beispiel im Deutschunterricht die Sch├╝ler zu einer eigenen Meinung aufgefordert werden sollten und nicht nur eine einzige vorgegebene Interpretation als richtig galt. Gegenrede auszuhalten und andere Meinungen zu akzeptieren – das haben die Menschen in der DDR nicht gelernt. Und das ist auch die Schuld der DDR-Schule.

Das hei├čt, es gab gar keinen Widerstand gegen das System der Schule der DDR?

Urban: Ich suche gerade h├Ąnderingend nach den Widerst├Ąndlern. Uns sind inzwischen einige F├Ąlle bekannt, die mit Schulverweisung geahndet wurden oder sogar mit Einweisung in die Psychatrie. Das sind aber sehr spektakul├Ąre Einzelf├Ąlle. Jenseits davon gab es sicher diese kleinen Momente des Mutes. So hat zum Beispiel ein Musiklehrer die christlichen Strophen des Liedes Der Mond ist aufgegangen singen lassen. Die standen nicht im DDR-Musikbuch, es stand aber auch nicht da, dass sie verboten waren. Da waren einige Lehrer im Kleinen sehr trickreich.

Geschichtslehrer mussten in der DDR ├╝ber viele historische Wahrheiten schweigen. Wie ging es denen dabei?

Urban: Wer in der DDR Geschichtslehrer werden wollte, der musste wissen, dass es dabei um Bekenntnisse geht, um Gut und B├Âse, um Klassenkampf. Im Unterricht gab es keine Quellenarbeit, keine Differenzierung. Und die Leute, die das dennoch gegen ihre innere ├ťberzeugung so studiert haben, weil sie einfach an Geschichte interessiert waren, kann ich nur bewundern. Allerdings waren die Geschichtslehrer, die keine ├╝berzeugten Genossen waren, auch die Minderheit.

Sie waren selbst Lehrerin in der DDR, haben den Beruf aber nur kurz aus├╝ben k├Ânnen. Was war das gr├Â├čte Problem am Lehrersein in der DDR?

Urban: Wenn die Lehrer von den Kriegstreibern in der BRD, den USA und Israel sprachen und der Sch├╝ler dann sagt: «Meine Oma in der BRD ist bestimmt kein Kriegstreiber, sondern schickt mir immer Schokolade, die viel besser schmeckt als hier» - dann hatte der Lehrer ein Problem, musste klug argumentieren und mit der Oma vielleicht eine Ausnahme machen. Wer weiter Lehrer bleiben wollte, musste sich immer mal wieder fragen, ob er das jetzt noch mitmacht. Immer wieder gab es Bekenntnisse, die unterschrieben werden mussten. Zum Beispiel, dass man die «Ma├čnahmen des 13. Augusts 1961» – heute sagen wir dazu Mauerbau, wie es damals nicht hei├čen durfte – gut finde. Ich glaube kaum, dass es da viele in der DDR gab, die das gut fanden. Das wurde als Bekenntnis abverlangt, auch von Studenten. Wer das nicht unterschrieben hat, der flog. Toleranz mit Leuten, die widersprochen haben, kannte der Staat nicht.

Welche Rolle spielte Leistung im Vergleich zu anderen Aspekten wie der Parteizugeh├Ârigkeit der Eltern, wenn man als Sch├╝ler vorankommen wollte?

Urban: Bis in die 1960er Jahre spielte der Beruf der Eltern eine Rolle, da wurden besonders die Arbeiter- und Bauernkinder bevorzugt und die aus b├╝rgerlichen Elternh├Ąusern benachteiligt. Das hei├čt, der Sohn eines Arztes konnte nicht Arzt werden – auch wenn es gelegentlich Ausnahmen gab. Parteigenossen hatten eine Sonderstellung und konnten oft auch studieren, wenn sie aus Akademiker-Familien kamen. Ab etwa 1970 galt, dass derjenige auf die Erweitere Oberschule (EOS) kam, der gute Zensuren hatte, also ein sehr guter Leistungsdurchschnitt spielte schon eine Rolle. Aber zus├Ątzlich sollte im Zeugnis m├Âglichst vermerkt sein, dass jemand «gesellschaftlich aktiv» war.

Womit wurde man «gesellschaftlich aktiv»?

Urban: Am besten durch Mitarbeit im GruppenratDie Pioniere einer Schulklasse bildeten eine Pioniergruppe und w├Ąhlten einen Gruppenrat. Der Gruppenratsvorsitzende (vergleichbar mit einem Klassensprecher) arbeitete mit den Lehrern zusammen. . Das hei├čt, man musste auf jeden Fall Pionier sein, um ├╝berhaupt in den Gruppenrat zu kommen. Der Nicht-Pionier hatte eigentlich keine Chance, auf die EOS zu kommen, auch wenn er nur Einsen hatte. Dennoch gab es einige Nicht-Pioniere und Nicht-FDJler auf der EOS. Das waren die Vorzeige-Exoten, die Margot Honecker, damals Ministerin der Volksbildung der DDR, brauchte, um auf Fragen von ausl├Ąndischen Journalisten regieren zu k├Ânnen. Wenn es hie├č: «Warum d├╝rfen denn Pfarrerskinder nicht studieren?», dann zog sie einen Zettel aus der Tasche und sagte: «Wieso denn? Der Pfarrersohn Soundso und die Pfarrerstochter Soundso darf schlie├člich studieren. Alle anderen, die das behaupten, wollen nicht studieren.» Aber Fakt ist – und das gibt Margot Honecker inzwischen selbst zu –, dass gerade Pfarrerskinder systematisch benachteiligt wurden.

Waren diese «Vorzeige-Exoten» auf der EOS ausgeschlossen? Hat ihre Herkunft unter den Sch├╝lern selbst eine Rolle gespielt?

Urban: Ich bin gerade dabei, ├╝ber Zeitzeugen herauszufinden, wie vielen Nicht-Pionieren es wirklich schlecht ergangen ist. Sicherlich waren die bei Veranstaltungen wie dem Fahnenappell ausgeschlossen, aber es haben bestimmt nicht alle Lehrer das b├Âse Spiel mitgespielt und auf denen herumgehackt. Es gibt nat├╝rlich die, denen die Schulzeit in traumatischer Erinnerung ist und denen alle Berufschancen verbaut wurden. Aber ich wei├č von vielen Lehrern, die zumindest in der Grundschule den Nicht-Pionieren freigestellt haben, zu den Pioniernachmittagen zu kommen. Zum Beispiel, wenn nichts Politisches auf dem Plan stand, sondern nur Basteln f├╝r die Weihnachtsfeier. Das finde ich eine wunderbare Sache, damit umzugehen, und das sind Handlungspielr├Ąume, die jeder Lehrer in der DDR hatte. Aber nicht jeder hat sie genutzt.

Sie sprechen von Nicht-Pionieren. Gab es denn ├╝berhaupt die M├Âglichkeit, in der DDR-Schule nicht Pionier zu werden?

Urban: Ja, klar. Die Eltern mussten nur einfach in der ersten Klasse nicht unterschreiben. Da sorgte nat├╝rlich f├╝r gro├čes Erstaunen, weil das die Ausnahme von der Regel war. Die Eltern wurden daraufhin mehrmals in die Schule eingeladen und mussten sich daf├╝r verteidigen, warum sie denn ihr Kind zum Au├čenseiter machen w├╝rden. Und das war tats├Ąchlich ein Problem: Eltern, die ihre Kinder nicht zu den Pionieren gelassen haben, machen sich heute zum Teil Vorw├╝rfe und fragen sich, ob sie ihnen nicht mehr geschadet als genutzt haben mit dieser aufgezwungenen M├Ąrtyrer-Position.

Waren die Kinder stolz darauf, Jungpionier und sp├Ąter Th├Ąlmann-Pionier zu werden?

Urban: Ja. Meine Tochter ist nach ihrer Einschulung mit Halstuch auch stolz in den Kindergarten gelaufen, nur um zu zeigen: «Seht mal, ich bin schon Pionier!» Ich kann das sehr gut verstehen und zweifele eher, wenn heute jemand behauptet, dass er das alles schon von Anfang an total bescheuert gefunden habe.

Gab es zwischen JunpionierenPioniere der ersten bis dritten Schulklasse und Th├Ąlmann-PionierenPioniere der vierten bis siebten/achten Klasse eine Hierarchie?

Urban: Ja, die wurde auch ganz bewusst eingesetzt. Die Lehrer haben im Unterricht zu den Kleinen gesagt: «Die Th├Ąlmann-Pioniere haben schon Gesetze und nicht nur so lasche Gebote wie ihr. Bei denen geht es schon um was». Und es war auch ein Unterschied, ob ich Gruppenratsvorsitzender mit drei roten Balken oder mit zwei roten Balken war. Die Hierarchie war ├Ąu├čerlich erkennbar und die Lehrer haben das ganz bewusst ausgespielt und Privilegien verteilt. Zum Beispiel sollten Vorsitzende daf├╝r sorgen, dass alle in der Klasse die Hausaufgaben gemacht haben.

Wie beurteilen Sie die heutige, oft auch verkl├Ąrende Sicht auf die DDR-Schule?

Urban: Man lernt heute selten Leute kennen, die differenziert zu urteilen gelernt haben. Entweder sie verharmlosen die DDR in der R├╝ckbesinnung pauschal oder sie verteufeln sie pauschal. Sie finden kaum Lehrer, die sich ├╝berhaupt damit auseinander gesetzt haben. Die mit den alten B├╝chern in der Hand nachgelesen haben: «Was habe ich denn ├╝berhaupt den Kindern beigebracht?»

Gibt es etwas, was Sie sich aus der DDR-Schule zur├╝ckw├╝nschen?

Urban: Was nach der Wende wirklich schief gegangen ist, ist die Vermischung der Lehrer zwischen West und Ost. H├Ątte das besser geklappt, h├Ątten die Lehrer aus der DDR gelernt, dass es noch etwas anderes als Frontalunterricht gibt. Und umgekehrt h├Ątten die BRD-Lehrer vielleicht gesehen, wie sich ostdeutsche Lehrer Respekt bei den Sch├╝lern verschaffen, ohne dass es in den Schulen hier ├╝berall zugeht wie in den Kasernen.

iwi/reu/news.de

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8 Kommentare
  • R.Buchwald

    23.05.2012 12:42

    - Erziehung minderj├Ąhriger Arbeitsscheuer- aus einer Verordnung der Volksbildung der DDR. Mehr braucht man dann dazu auch nicht mehr sagen. Sch├Ân f├╝r diejenigen welche eine sch├Âne Kindheit verbringen durften.

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  • Kerstin

    07.03.2011 17:59

    ich bin ein Kind von ├╝berzeugten Christen als Eltern,ich war weder bei den Pionieren noch in der FDJ,bin zwischen 1976-1986 in die Schule gegangen und habe in keinster Weise irgend welche Probleme mit Lehrern oder Direktoren auf politischer oder anderer Ebene gehabt.Die Nachmittage waren f├╝r alle da egal ob Pioniere oder FDJ und man konnte auch als nicht politisch begeisterter jederzeit mitkommen und an solchen Nachmittagen teilnehmen,nur hatte ich kein Interesse daran.Ich war in mehreren AGs dabei und habe mich in der DDR wohl gef├╝hlt was jetzt in der BRD leider nicht mehr der Fall ist. Sorry

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  • alfgarfield

    11.12.2010 12:29

    Antwort auf Kommentar 4

    eins hab ich noch: In Leipzig, im Schulmuseum steht man in einem Flur, wo links und rechts Bilder aufgeh├Ąngt sind. Die eine Seite zeigt Bilder aus den Kinder- & Jugendorganisationen der DDR. Die andere Seite zeigt Bilder aus dem Leben der Hitlerjugend, echt d├╝ster! Der Betrachter steht da, wie zwischen Licht & Schatten, im jetzt, in der BRD. Also weder im Licht, noch im Schatten, irgendwo dazwichen. Logischer Schluss: So gut wie es den Kindern und Jugendlichen in der DDR ergangen ist, wird es den jungen Menschen in der BRD nie ergehen. Es sei denn, die Regierung wird aus Gr├╝nen & PDS gebildet.

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