Rettungsdienste alarmiert: Radikale Änderung bei der Notfallversorgung geplant
Der Bundestag entscheidet am Donnerstag über den größten Umbau der Notfallversorgung in Kliniken in Deutschland seit Jahren, doch Experten und Rettungsdienste schlagen Alarm. Das ist bisher bekannt.
Erstellt von Ines Fedder - Uhr
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- Bundestag stimmt über umfassende Reform der Notfallversorgung ab
- Neue Ersteinschätzung soll überfüllte Notaufnahmen entlasten
- Patienten mit vorherigem Anruf könnten bei gleicher Dringlichkeit bevorzugt werden
- Rettungsdienste und Kliniken warnen vor Finanzierungslücken und unnötigen Doppelstrukturen
Am Donnerstag stimmt der Bundestag über die umfassendste Neugestaltung der Notfallversorgung seit Jahren ab. Die Reform soll grundlegend verändern, wie Patientinnen und Patienten in akuten Situationen medizinisch versorgt werden. Hintergrund ist eine massive Überlastung der Klinik-Notaufnahmen: Allein 2024 verzeichnete das Statistische Bundesamt rund 13 Millionen ambulante Notfallbehandlungen in deutschen Krankenhäusern.
Künftig sollen Ärzte und Leitstellen stärker als bisher steuern, welche Patienten wohin geschickt werden. Das erklärte Ziel: Menschen mit leichteren Beschwerden sollen die Notaufnahmen nicht länger blockieren. Wer tatsächlich dringend Hilfe benötigt, soll dadurch schneller behandelt werden. Doch Rettungsdienste und Kliniken üben scharfe Kritik an dem Vorhaben – vor allem wegen offener Finanzierungsfragen.
Wer vorher anruft, wird bevorzugt behandelt
Herzstück der Reform ist die Zusammenführung der Notrufnummer 112 mit der Bereitschaftsdienstnummer 116117. Wer künftig eine dieser Nummern wählt, erhält zunächst eine medizinische Ersteinschätzung am Telefon oder digital. Auf dieser Grundlage wird entschieden, ob ein Rettungswagen den Patienten direkt in die Notaufnahme bringt – oder ob eine Behandlung in einer Notdienstpraxis oder regulären Arztpraxis ausreicht.
Besonders brisant: Patienten, die sich vorab telefonisch über die 116117 gemeldet haben, sollen bei gleicher medizinischer Dringlichkeit bevorzugt drankommen. Konkret bedeutet das etwa: Erscheinen zwei Personen mit einer vergleichbaren Verletzung in der Klinik, wird derjenige zuerst versorgt, der zuvor angerufen hat. Das System soll Anreize schaffen, den neuen Ersteinschätzungsweg auch tatsächlich zu nutzen.
Neue Notfallzentren sollen Patienten gezielt steuern
Ein weiterer zentraler Baustein des Gesetzes sind die sogenannten Integrierten Notfallzentren. Diese vereinen drei Komponenten unter einem Dach: die klassische Notaufnahme, eine Notdienstpraxis sowie eine gemeinsame Anlaufstelle für die Ersteinschätzung. Angesiedelt werden sie unmittelbar in oder an Krankenhäusern.
Die Idee dahinter: Bereits beim Eintreffen in einem solchen Zentrum wird fachlich beurteilt, ob ein Patient tatsächlich die Ressourcen einer Notaufnahme benötigt – oder ob eine Versorgung in der angeschlossenen Praxis die bessere Option darstellt. Auf diese Weise sollen Notaufnahmen gezielt von weniger dringenden Fällen befreit werden, während schwer erkrankte oder verletzte Menschen schneller an die Reihe kommen.
Linnemann verteidigt Reform als "Notfall-Wegweiser"
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) stellt sich hinter das Vorhaben. "Wer einen Notfall hat, soll schnell Hilfe bekommen. Das ist zentraler Anspruch unseres Gesundheitswesens", sagte er gegenüber "Bild". Ob tatsächlich ein Notfall vorliege, werde künftig fachlich entschieden – sowohl telefonisch über die 116117 als auch direkt in den Integrierten Notfallzentren. "Die Patienten kommen so an die richtige Stelle. Die Notaufnahmen werden entlastet und können sich auf die Fälle konzentrieren, die schnelle Hilfe brauchen", so der Minister.
Unterstützung kommt auch aus der CSU. Der Gesundheitspolitiker Hans Theiss zeigte sich überzeugt: "Die Reform wird dazu führen, dass jeder Patient schneller dahin kommt, wo er hin muss."
Rettungsdienste und Kliniken warnen vor Finanzierungslücken
Trotz der politischen Rückendeckung stößt die Reform auf erheblichen Widerstand. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz und die Johanniter sehen die Gefahr, dass die Rettungsdienste infolge des Umbaus nicht ausreichend finanziert werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt zudem davor, dass durch die neuen Strukturen unnötige Doppelungen im System entstehen könnten – sie spricht von drohenden "Parallelstrukturen".
Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft äußert deutliche Bedenken. Deren stellvertretende Vorsitzende Henriette Neumeyer kritisierte gegenüber "Bild": "Zentrale Forderungen der Krankenhäuser bleiben im vorliegenden Gesetzentwurf unberücksichtigt." Insbesondere mangele es an einer gesicherten Finanzierung für die Behandlungen in den geplanten Notfallzentren. Ob der Bundestag am Donnerstag trotz dieser Einwände zustimmt, gilt als wahrscheinlich.
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