Dmitri Medwedew im Portrait: Scharfmacher in Putins Schatten – so mächtig ist der Ex-Kremlchef wirklich

Dmitri Medwedew galt einst als moderner, westlich orientierter Hoffnungsträger Russlands. Heute sorgt er mit Atomdrohungen und wüsten Beschimpfungen für Schlagzeilen. Doch wie viel Macht steckt tatsächlich hinter dem lauten Auftreten des Putin-Vertrauten?

Von news.de Redakteurin - Uhr

Dmitri Medwedew ist lauter als Putin, aber wie viel Macht hat er wirklich? (Foto) Suche
Dmitri Medwedew ist lauter als Putin, aber wie viel Macht hat er wirklich? Bild: picture alliance/dpa/Pool Sputnik | Ekaterina Shtukina
  • Dmitri Medwedew war von 2008 bis 2012 russischer Präsident und galt im Westen zunächst als möglicher Modernisierer
  • Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine tritt der frühere Kremlchef zunehmend als radikaler Kritiker des Westens auf
  • Experten sehen in seinen Provokationen auch den Versuch, trotz begrenzten eigenen Einflusses politisch relevant zu bleiben

Diplomatisch, weltgewandt, mit Jura-Promotion und dem ersten postkommunistischen Lehrbuch für Zivilrecht im Lebenslauf: Er war einmal der Mann, der Russland in die Moderne führen sollte. Doch mittlerweile beschimpft Dmitri Medwedew westliche Staatschefs als "Kakerlaken" und "Gesindel", droht mit taktischen Atomwaffen und vergleicht Friedrich Merz mit Goebbels.

Der Wandel des ehemaligen russischen Präsidenten vom liberalen Hoffnungsträger zum verbalen Scharfmacher gehört zu den bemerkenswertesten politischen Metamorphosen der vergangenen Jahre. Auf seinem russischsprachigen X-Account folgen ihm mittlerweile mehr als 3,7 Millionen Menschen – angezogen von einer Rhetorik, die selbst dem Kreml gelegentlich zu weit geht. Doch hinter dem Krawall steckt laut Experten vor allem eines: der Versuch eines Mannes, der einst die Nummer eins war, irgendwie politisch relevant zu bleiben.

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Vom Professorensohn zum Kreml-Zögling: Die Karriere von Dmitri Medwedew

Medwedews Wurzeln sind alles andere als rau: 1965 in Leningrad geboren, wuchs er als Einzelkind eines Maschinenbau-Professors und einer Sprachlektorin auf. An der Staatlichen Universität Leningrad studierte er Jura, promovierte 1990 und lehrte anschließend fast ein Jahrzehnt lang an seiner Alma Mater. Die entscheidende Weichenstellung kam durch einen gemeinsamen Mentor: Sowohl Medwedew als auch Putin wurden vom späteren Reformbürgermeister Anatoli Sobtschak unterrichtet, der beide in den Neunzigerjahren ins Petersburger Rathaus holte. Als Putin Ende des Jahrzehnts nach Moskau wechselte und dort rasant aufstieg, zog er seinen Vertrauten nach. Es folgte eine steile Karriere: Posten in der Präsidialverwaltung, der Vorsitz im Gazprom-Aufsichtsrat ab 2000, dann 2005 die Ernennung zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten, bis Medwedew 2008 schließlich Putin im höchsten Staatsamt ablöste.

Als Medwedew 2008 aus verfassungsrechtlichen Gründen Putin im Präsidentenamt ablöste, gab er sich als smarter Modernisierer. Der adrett auftretende Jurist suchte den Neuanfang mit westlichen Partnern und verhinderte ein umstrittenes Mediengesetz. Signale, die im Ausland als Zeichen einer möglichen Öffnung Russlands gedeutet wurden. Doch schon damals zeigte sich die Kehrseite: Kurz nach seinem Amtsantritt führte Russland Krieg gegen Georgien, und Medwedew erkannte zwei abtrünnige georgische Gebiete an. Ein Schritt, den der Westen scharf verurteilte.

2012 war das Intermezzo an der Spitze vorbei. Wladimir Putin kehrte ins Präsidentenamt zurück, Medwedew übernahm den Posten des Ministerpräsidenten. Eine Rolle, die er bis Januar 2020 ausfüllte, bevor er zum Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates und Chef der Regierungspartei "Einiges Russland" wurde.

"Atlantische Impotente" und erfundene SS-Verwandte: Medwedew eskaliert mit Rhetorik

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 drehte Medwedew rhetorisch vollständig auf. Seitdem überzieht er westliche Politiker mit einer Flut aus Schmähungen und Drohungen. Den ukrainischen Präsidenten Selenskyj nannte er ein "freches Schwein", ein "unschön alterndes Europa" gehört noch zu seinen milderen Formulierungen.

Besonders brisant: In einem Vortrag vor jungem Publikum präsentierte Medwedew Fotos deutscher Politikerinnen und Politiker – darunter Baerbock, Pistorius und von der Leyen – neben Schwarzweißbildern angeblicher Verwandter aus Wehrmacht und SS. Die Faktenchecker von "Correctiv" wiesen nach, dass die Hälfte dieser behaupteten Verwandtschaftsverhältnisse schlicht falsch war. Sogar Putin selbst distanzierte sich und erklärte, die heutige Generation der Deutschen könne nicht die volle Verantwortung für die Verbrechen Nazideutschlands tragen.

Politologen enthüllen Strategie hinter Medwedews Provokationen

Dass Medwedews verbale Eskapaden nicht die offizielle Linie widerspiegeln, machte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bei einem Online-Briefing unmissverständlich klar: "In jedem Land haben die Mitglieder der Staatsführung verschiedene Meinungen über aktuelle Ereignisse. Am wichtigsten ist aber die Position von Präsident Putin. Denn in unserem Land formuliert der Staatschef die Außenpolitik, also Präsident Putin."

Die im deutschen Exil lebende Politologin Jekaterina Schulmann ordnet Medwedews Rolle auf YouTube noch deutlicher ein: "Es gibt einfach Personen, deren Aufgabe es ist, auf dem Tisch Kasatschok zu tanzen und das Publikum im Lande und außerhalb abzulenken, während wichtige Leute wichtige Dinge tun." Ähnlich sieht es der unabhängige russische Politologe Alexander Kynew: Medwedews grenzwertige Posts seien schlicht "ein Mittel, auf der politischen Agenda zu bleiben" – realer Einfluss stecke nicht dahinter.

Medwedews Strategie ist so durchsichtig wie wirkungsvoll: Je weiter er von der tatsächlichen Macht entfernt ist, desto lauter wird er. Über vier Millionen Follower auf X belohnen seinen Kurs der permanenten Provokation. Auf die Frage von "Al Jazeera", warum er derart scharfe Töne anschlage, antwortete er selbst entwaffnend: "Die Dinge werden da vielleicht manchmal nicht ganz diplomatisch ausgedrückt", doch Bürger verdienten Informationen "in einer verständlichen, einfachen Sprache, ohne Doppeldeutigkeit und diplomatische Tricks."

Die Realität hinter dem Spektakel ist ernüchternd: Als Vizechef des Nationalen Sicherheitsrates und Parteivorsitzender von "Einiges Russland" trägt Medwedew zwar klangvolle Titel. Doch die Außenpolitik bestimmt einer und das ist nach wie vor Wladimir Putin.

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