Friedrich Merz in Sachsen-Anhalt: Distanzierter Bundeskanzler vor wütenden Bürgern abgeschottet

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war Friedrich Merz erneut auf Wahlkampftour unterwegs - und blieb dabei zu Wählern und der Presse betont auf Distanz. Heftiger Kritik entging der Bundeskanzler trotzdem nicht.

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Bei seinem Besuch in Sachsen-Anhalt ging Bundeskanzler Friedrich Merz Wählern und der Presse demonstrativ aus dem Weg und ließ sich abschirmen. (Foto) Suche
Bei seinem Besuch in Sachsen-Anhalt ging Bundeskanzler Friedrich Merz Wählern und der Presse demonstrativ aus dem Weg und ließ sich abschirmen. Bild: Hendrik Schmidt/dpa/dpa
  • Friedrich Merz erneut auf Wahlkampftour vor Sachsen-Anhalt-Wahl
  • Bundeskanzler abgeschottet von Wählern und Presse in Leuna
  • Buh-Rufe bei null Bürgerkontakt: Bundeskanzler schlägt geballte Wut entgegen

Am 6. September 2026 entscheiden knapp 1,7 Millionen Wahlberechtigte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt,ob sich das politische Gefüge im Land und womöglich auch in der Bundesrepublik verschiebt. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg könnte mit der AfD eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei an die Regierungsmacht kommen und die bisherige Landesregierung unter CDU-Ministerpräsident Sven Schulze ablösen.

Sachsen-Anhalt wählt neuen Landtag - Friedrich Merz macht Wahlkampf ohne Wählerkontakt

Ein solches Szenario will CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz tunlichst verhindern: Nachdem Merz bereits am 31. August in Sachsen-Anhalt unterwegs war, begab sich der Bundeskanzler am 3. September erneut in den Wahlkampf. Den direkten Kontakt zu Bürgern und Presse mied der 70-Jährige jedoch und ließ sich bei seiner Stippvisite in Leuna rigoros abschirmen. Fragen von Journalisten waren bei beiden Auftritten nicht vorgesehen – erlaubt waren lediglich gemeinsame Statements vor laufenden Kameras zusammen mit Ministerpräsident Sven Schulze.

Friedrich Merz in Sachsen-Anhalt: Unbeliebter Kanzler trotz Abschottung ausgebuht

Der Hintergrund der Vorsicht dürfte in den aktuellen Umfragewerten liegen: Die AfD führt in Sachsen-Anhalt mit enormem Vorsprung und könnte bei der Landtagswahl am Sonntag sogar eine absolute Mehrheit erreichen. Die CDU kommt derzeit auf rund 20 Prozent. Am Geiseltalsee bei Braunsbedra wurde Merz trotz aller Abschottung von etwa 150 Bürgern mit "Hau ab"-Rufen empfangen.

Bundeskanzler meidet Bürgerkontakt vor wegweisender Sachsen-Anhalt-Wahl

Seinen ersten Auftritt absolvierte Merz am Montag in der Harzstadt Quedlinburg, dem Geburtsort von Ministerpräsident Sven Schulze. Dort traf er sich ausschließlich mit Landtagsabgeordneten und kommunalen Amtsträgern – gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger blieben außen vor. Am Donnerstag folgte der zweite Termin im Chemiestandort Leuna. Gemeinsam mit Schulze besichtigte Merz die UPM-Bioraffinerie, wo er sich mit der Unternehmensleitung und dem Betriebsrat austauschte. Abgesehen von einigen wenigen Beschäftigten der Anlage kam der Kanzler auch hier keinem Wähler nahe. Bei beiden Terminen lief die Kommunikation nach dem gleichen Muster ab: Merz und Schulze gaben gemeinsame Erklärungen vor den Kameras ab, Nachfragen der anwesenden Pressevertreter waren jedoch ausdrücklich nicht zugelassen. Ein klassischer Wahlkampf mit offenem Bürgerdialog sah anders aus.

Friedrich Merz positioniert sich gegen die AfD - Milliarden-Investition als Argument gegen Stimmen für die Rechtsextremen

In Leuna richtete Merz seine Attacke gezielt auf die europapolitischen Positionen der AfD. "Wer möchte, dass Deutschland ein offenes und liberales Land bleibt, und wer möchte, dass Sachsen-Anhalt ein interessanter, auch europäisch interessanter Standort bleibt, der darf am Sonntag nicht die AfD wählen", erklärte der Kanzler.

Als Anschauungsobjekt diente ihm die direkt hinter ihm liegende Bioraffinerie des finnischen Konzerns UPM, der am Standort 1,3 Milliarden Euro in die Umwandlung von Holz zu Basischemikalien investiert hat. Wer wie die AfD den EU-Binnenmarkt und den Schengen-Raum verlassen wolle, stelle solche Großprojekte "von Grund auf infrage", warnte Merz. Angesichts von US-Zöllen und dem Handelsungleichgewicht mit China sei die Vertiefung des europäischen Binnenmarktes die entscheidende Chance für Deutschland. Die AfD hatte allerdings in ihrem Bundestagswahlprogramm 2025 keinen expliziten EU-Austritt gefordert, steht der Union aber grundsätzlich skeptisch gegenüber.

Friedrich Merz zwischen Scharfschützen, Deutschlandfahnen und "Hau ab"-Rufen

Nach dem Firmenbesuch in Leuna fuhr Merz am Donnerstagabend weiter zum Geiseltalsee bei Braunsbedra, um dort in vertraulicher Runde mit ausgewählten CDU-Vertretern über die bevorstehende Wahl zu sprechen. Doch die Geheimhaltung scheiterte: Rund 150 Menschen hatten von dem Besuch erfahren und sich vor der Touristinformation postiert – teilweise in Deutschlandfahnen gehüllt und mit Bier in der Hand, wie die "Bild" berichtete.

Scharfschützen sicherten das Gebäude ab – laut CDU-Wahlkämpfern mittlerweile "das neue Normal" bei Merz-Besuchen in Sachsen-Anhalt. Bei seiner Ankunft ignorierte der Kanzler die Wartenden weitgehend. Als er gegen 20.10 Uhr das Gebäude verließ, gab es nur ein kurzes Winken – kein Gespräch, kein Selfie. Stattdessen schallten ihm "Hau ab"-Rufe entgegen. Doch nicht alle teilten diese Stimmung: "Die, die hier brüllen, sind nicht die Mehrheit. Sie sind nur lauter", sagte eine Anwohnerin der "Bild".

Friedrich Merz meidet das Bad in der Menge nach öffentlichen Anfeindungen

Die konsequente Abschirmung des Kanzlers markiert einen deutlichen Bruch mit der Tradition früherer Regierungschefs. Zeiten, in denen ein Helmut Kohl oder eine Angela Merkel auf Marktplätzen Händeschüttelnd durch die Menge gingen, scheinen endgültig vorbei zu sein. Dass die Strategie der Distanz nicht ohne Grund gewählt wurde, zeigte sich bereits vor den Sachsen-Anhalt-Terminen: In Kühlungsborn an der Ostseeküste war Merz bei einem Wahlkampfauftritt in Mecklenburg-Vorpommern von Passanten ausgepfiffen und beschimpft worden.

Für Friedrich Merz war der Abend am Geiseltalsee der letzte Wahlkampftermin in Sachsen-Anhalt. Am Sonntag entscheiden die Wählerinnen und Wähler über den neuen Landtag. Bereits am 20. September steht dann die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern an – wo der Kanzler ebenfalls keine ungetrübte Stimmung erwarten dürfte.

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/news.de/dpa/stg

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