Mo., 13.02.12
Wieder vereint

Ausländer in der DDR «Nach der Wende wurde es ganz bitter»

Artikel vom 22.11.2009

Warum wollten beispielsweise die Vietnamesen trotzdem in die DDR?

Poutrus: Die DDR war in den 1980er Jahren für viele junge Vietnamesen eine einmalige Chance, aus der dramatischen Mangelsituation in ihrer Heimat herauszukommen. Teilweise wurden sogar Schmiergelder gezahlt, damit man in die DDR durfte. Man darf nicht vergessen, dass das Land noch stark unter dem Erbe des Vietnamkriegs gelitten hat. Die Menschen wollten ordentliche Arbeit, sie wollten mehr Geld als in ihrer Heimat verdienen und haben natürlich auch ihre Familien zu Hause unterstützt.

Gab es dafür kein Verständnis bei den DDR Bürgern?

Poutrus: Es ist etwas schwieriger: Knappe DDR-Güter nach Vietnam zu schicken, kam natürlich bei der DDR-Bevölkerung nicht gut an. Für viele war das eine Provokation nach dem Motto: Die kaufen uns alles weg. Die DDR-Behörden haben diese Stimmung auch noch aufgegriffen und unterstützt. Es gab Fälle, in denen Engpässe offiziell auf Ausländer geschoben wurden. Das fand teilweise auch den Weg in die DDR-Zeitungen.

Wie war ihr Aufenthalt geregelt, wie lange blieben die Ausländer in der DDR?

Poutrus: Mit Vietnam gab es ein offizielles Abkommen. Die Vietnamesen wurden in der DDR ausgebildet und blieben dann vier Jahre als Arbeiter im Land. Als die wirtschaftliche Lage in der DDR immer schwieriger wurde, trat der Ausbildungsaspekt aber zunehmend in den Hintergrund. Es gab Arbeitermangel - und den versuchte man mit Ausländern zu lindern. Letztlich mussten die Vertragsarbeiter in Berufen arbeiten, die die Ostdeutschen nicht machen wollten. Das waren harte, häufig auch gesundheitsschädliche Berufe. Meistens in der Chemie- oder in der Textilindustrie, die damals heillos veraltet waren. Für viele Vietnamesen war das eine Enttäuschung, denn sie waren auch in die DDR gegangen, um etwas zu lernen.

Wie sah es bei den russischen Soldaten aus, die mit Abstand das größte Ausländer-Kontingent stellten?

Poutrus: Das war eine riesige Zahl. Auf jeden NVA-Soldat in der DDR kamen zwei bis drei russische Soldaten. Das bedeutet: Es waren zwischen 350.000 und 500.000 russische Männer in der DDR stationiert. Diese Truppenstärke wurde erst am Ende reduziert. Insgesamt haben von 1945 bis 1994 etwa zehn Millionen Sowjetbürger Dienst in der DDR geleistet. Auch sie wurden von der Bevölkerung getrennt und lebten fast ausschließlich in riesigen Kasernen. Die Situation dort war äußerst problematisch. Die Soldaten wurden schlecht behandelt. Es gab immer wieder Übergriffe, Unfälle oder willkürliche Konfiszierungen. Das Verhältnis der Sowjetarmee zur DDR schwankte immer zwischen einer Demonstration der Stärke als Besatzungsmacht und dem Betonen der Freundschaft.

Wie war die Erfahrung, das Land nach Jahrzehnten verlassen zu müssen?

Poutrus: Die Streitkräfte wurden zu einem Hort unglaublicher Korruption. Es wurde alles verscherbelt, was nicht niet- und nagelfest war. Damals eine Waffe zu kaufen, war ein Kinderspiel.

Nach der Wende wurde auch Gewalt gegen Ausländer zu einem großen Problem in Ostdeutschland. Gab es das auch schon zu DDR-Zeiten?

Poutrus: Ja. Es hat Übergriffe von DDR-Bürgern gegeben. Diese Gewaltakte standen natürlich nicht in der Zeitung, man findet sie aber in den Berichten der Polizei und der Staatssicherheit. In fast allen Fällen sind die DDR-Behörden davon ausgegangen, dass die Ausländer den Streit angezettelt haben.

In Ostdeutschland geblieben sind fast nur die Vietnamesen. Woran liegt das?

Poutrus: Wie gesagt: Es wurde rigoros abgeschoben, was vor allem die Afrikaner betraf. Die Menschen, die wir heute sehen, die Zigaretten handeln oder Blumen und Obst verkaufen - das ist die kleine Zahl, die übrig geblieben ist. Manche von ihnen haben Asyl bekommen, andere leben illegal in Deutschland. Viele haben sich eine eigene Existenz aufgebaut, beispielsweise mit einem Imbiss. Das liegt zum einen daran, dass es unglaublich schwer ist, als Ausländer einen anderen Arbeitsplatz zu finden. Außerdem haben die Vietnamesen oft eine Selbstständigkeitsperspektive. Das ist bei Einwanderern häufig so: Die hängen nicht in Hängematten, sondern wollen sich etwas aufbauen. Da bleibt oft nur ein kleines Geschäft als Einstieg, in dem man bis zur Selbstausbeutung arbeitet. Oder die Jobs, die sonst keiner machen will.

Patrice Poutrus (48) ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Der Historiker hat sich vor allem mit den Themen Ausländer, Asyl und Flüchtlinge befasst.

jan/mik/news.de
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