Der Bundesbunker Geheimsache «Rosengarten»

Der Eingang zum ehemaligen Regierungsbunker in Marienthal in der Eifel. (Foto)
Der Eingang zum ehemaligen Regierungsbunker in Marienthal in der Eifel. Bild: ddp

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Wenn den Kalten Krieg eines prägte, dann die Angst vor einem Atomschlag. Auch die Bundesregierung war darauf vorbereitet und hatte sich in der Eifel einen Bunker bauen lassen. Der aber birgt bis heute so manches Geheimnis und manche unglaubliche Geschichte.

«Wo fängst Du an zu fragen, wenn keiner antworten will?» Vor diesem Problem stand Michael Preute, als er in den 1980er Jahren den Hinweis eines Bekannten bekam, in der Eifel solle es einen geheimen Bunker der Regierung geben. Preute, damals Journalist unter anderem für Stern und Spiegel, wurde neugierig, begann zu recherchieren und stieß auf die Geschichte seines Lebens. Die Geschichte des «Rosengartens», so der Codename der Anlage.

Gut 20 Jahre zuvor, 1960, hatten in der Nähe des Weinguts Marienthal an der Ahr, 20 Kilometer südlich der damaligen Hauptstadt Bonn, Arbeiter, Ingenieure und Beamte begonnen, eines der teuersten Bauwerke der bundesrepublikanischen Geschichte zu errichten - pikanterweise an der Stelle, wo im Dritten Reich ein KZ gestanden hatte, ein Außenlager Buchenwalds. Der Bau war streng geheim, sofern das bei einem Vorhaben dieser Größenordnung überhaupt möglich ist. So geheim aber, dass bis heute so manches Gerücht über den Regierungsbunker exisitiert. Fast alle wichtigen Angaben, die man über die Anlage finden kann, widersprechen sich.

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Preute spricht etwa davon, der Bau habe 5,7 Milliarden Mark verschlungen, andere Quellen sprechen von drei Milliarden, und auch die Anzahl der Arbeiter, die den Bunker in den Berg trieben, bewegt sich irgendwo zwischen einigen hundert und 20.000. Angeblich soll es sogar einen Tunnel vom Bunker bis zum Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe gegeben haben, wahrscheinlich aber handelt es sich um ein Missverständnis. Denn es gibt zwar einen Tunnel, er führt auch grob in Richtung Bonn, gemeint war jedoch vermutlich der Ausstieg im Weinbegebiet Hardtberg in Dernau.

Doch es gibt auch Fakten. Einen der ersten Anhaltspunkte für den Bunker findet man in einer Ausgabe des Spiegel vom 2. Juli 1958. Das Magazin vermeldet an diesem Tag: «Im Bundeskabinett werden Pläne zum Bau atomsicherer Unterkünfte für Stäbe der Regierung erörtert. Einer dieser Pläne sieht vor, die Regierungsbunker nahe der Benediktinerabtei Maria Laach in der Eifel zu errichten.»

Wirklich sicher aber war der Regierungsbunker nie, wie Preute herausgefunden hat. In seiner 2008 erschienen Gebrauchsanweisung für die Eifel schreibt er: «Dann hieß es, der Bunker sei absolut atombombensicher - aber nur so lange, bis ein alter, grauhaariger Handwerker mich ansah und murmelte: ‹Der Bunker ist doch für den Arsch, Junge, die verrecken doch alle, der ist doch nicht sicher bei Atombomben.›»

Und auch der Autor Jörg Diester (Geheimakte Regierungsbunker) fand 2008 heraus, dass der Bunker gerade einmal einer 20 Kilotonnen-Bombe, vergleichbar mit Hiroshima, standgehalten hätte. Er fand geheime Gutachten aus dem Jahre 1962, die bereits zu diesem Zeitpunkt mit 250 Mal stärkeren Waffen rechneten. Die aber hätten nicht nur den Bunker, sondern den gesamten Weinberg gleich mit vernichtet.

Der Handwerker, mit dem Preute gesprochen hatte, war eine von mehr als 100 Personen, die dem Journalisten während seiner mehrjährigen Recherche begegneten. Er recherchierte offen, ließ jeden zu Wort kommen, der meinte, etwas zu wissen, und fand mehr heraus, als den Geheimdiensten lieb war. In zwei heute vergriffenen Büchern schrieb er die Geschichte des Bunkers auf.

Heute ist der Regierungsbunker so gut wie zerstört, zu teuer wäre der Unterhalt gewesen, gerade einmal 200 Meter sind noch zugänglich und zu einem Museum umgebaut, das die Geschichte der Anlage erzählt und in diesem Jahr den Titel Europäisches Kulturerbe erhält. Zudem werden im Ahrtal auch kombinierte Tagestouren durch den Regierungsbunker und eine weitere Anlage angeboten.

Seit er öffentlich zugänglich ist, hat der «Rosengarten» bereits mehr prominenten Besuch bekommen als in den gut 40 Jahren zuvor. 2008 etwa besichtigte Bundespräsident Horst Köhler den Bunker, zum ersten Mal überhaupt betrat damit ein deutsches Staatsoberhaupt das Gelände. Bis dahin waren bei Übungen und Manövern immer Stellvertreter vor Ort gewesen, Soldaten, die den «Bundeskanzler-Üb» gaben. Auch über diese Übungen und die Instandhaltung des Bunkers hat Preute so manches in Erfahrung gebracht. Etwa, dass die Nahrungsvorräte im Bunker regelmäßig ausgetauscht wurden und die Gastwirte der umliegenden Orte sich dann diese preiswerten, guten Lebensmittel regelrecht bestellen konnten.

Was jedoch tatsächlich im Falle eines Atomschlags passiert wäre, ist bis heute nicht klar. Glaubt man Preute, begann die eigentliche Geschichte, die Geschichte des Ernstfalls, erst nach Veröffentlichung seines ersten Buches. Ihr wichtigster Protagonist: Werner Nührenberg, ein Brigadegeneral der Bundeswehr, der bei einem Manöver an eine geheime Akte gekommen sein will. Und was der Preute erzählt haben soll, klingt unglaublich, wie sich der Autor in Gebrauchsanweisung für die Eifel erinnert: «In der stand zu lesen, dass kein Regierungsmitglied jemals in Krise und Krieg den Bunker der Bundesregierung betreten würde. Stattdessen werde geübt, wie man die Bundsregierung samt allen Ministern und dem Bundeskanzler, samt allen Ehefrauen und Kindern mit der gesamten Flotte der Lufthansa nach Orlando/Florida ausfliegen würde.» Preute will für diese abenteuerliche Behauptung eine Bestätigung aus Orlando bekommen haben. Die Chefredakteure der Republik aber wollten die Geschichte nicht kaufen.

Zumindest ein Detail aber verrät, dass an der Schilderung Nührenbergs etwas dran sein könnte. Auf der A61 nämlich gibt es zwischen Meckenheim und Bad Neuenahr-Ahrweiler einen 1900 Meter langen Parkplatz, der nie freigegeben wurde. Er soll, so berichten Zeugen, als Autobahn-Behelfsflugplatz gedient haben. Von hier, so die Theorie, wäre die Regierung ausgeflogen worden.

Heute ist es im Ahrtal wieder fast wie früher. Es ist Gras über die Sache gewachsen. Immer noch verläuft über dem Berg der Rotweinwanderweg, eines der beliebtesten Ausflugsziele Deutschlands, das im Sommer heute wie damals völlig überlaufen ist. Und unten, im Berg, ruht ein Stück deutsche Geschichte, das trotz dutzender Artikel, tausenden von Zeitzeugen und den Büchern Michael Preutes immer noch so manches Geheimnis bewahrt hat.

mik/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 2
  • 03.07.2009 22:19

ich ergänze: wie wäre es mit dem Atommülllager Asse als europäisches Kulturerbe? es wird uns strahlend begleiten, auch dann noch, wenn es abgesoffen ist. Es sei denn, jemand in der EU kann der Idee zum Durchbruch verhelfen, Kultur zu definieren als etwas, was den Menschen nützt, sie vor Schaden bewahrt und ihrem Wohlbefinden dient.

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  • Kommentar 1
  • 03.07.2009 17:02

Und so etwas wird von der EU als "europäisches Kulturerbe" anerkannt? Das ist nicht nur widerlich, sondern ein deutliches Zeichen für den Verfall der Kultur unter "gesamteuropäischer" Ägide. Vielleicht hat der Bund der Steuerzahler noch ein paar Vorschläge für in-den-Sand-gesetzter "Kulturerbe-Stätten" - oder Kulturvernichtungs-Stätten?

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