Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 05.11.2011, 10.47 Uhr

Gegen Einsamkeit: Verliebt in die Gummipuppe

Einsamkeit ist hart, für Frauen wie Männer. Dabei lebt in fast jedem zweiten deutschen Haushalt nur eine Person. Doch während Frauen sich eben anders beschäftigen, fehlt Männern der regelmäßige Sex. Manche behelfen sich mit Puppen. Die sagen zwar nicht Ja, aber auch nie Nein.

Natürlich auch in romantischen Momenten und dem, was danach kommt. Bild: Dollpark

Die erste hat seine Mutter ihm gekauft. Sie heißt Melanie. Thomas liest ihr vor, massiert sie und geht mit ihr ins Bett. Inzwischen vergrößert Annika Thomas' kleine Familie, die zum Großteil aus Silikon besteht. Der Mann im Haus ist glücklich mit seinen beiden Frauen. «Ich habe das Gefühl, wenn jemand mich nicht leiden kann, weist er mich ab. Weil sie mich in keinster Weise abweisen, habe ich das Gefühl, dass mir etwas zurückgegeben wird.»

Thomas sagt das in einer Lars und die Frauen seine «heißblütige» Brasilianerin Bianca. Die Überspitzung im Film hat jedoch auch ihren wahren Kern, denn tatsächlich sind gerade lebensechte Silikonpuppen für ihre Besitzer echte Partnerinnen. Dass auch die Vaginas lebensecht gestaltet sind, versteht sich dabei von selbst.

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Michael Wendt ist der einzige, der in Deutschland solche Puppen baut und verkauft. Und nicht nur die. Sein Unternehmen Doll Park stellt auch Torsos her, die aus richtigen Abdrücken von waschechten Frauen gegossen wurden. Amy Missionary, wie der Name andeutet perfekt für die Missionarsstellung geeignet, hat zum Beispiel auch ein bisschen Zellulitis. «Das verkauft sich am besten, die Leute wollen es lebensecht.» Modell lag übrigens eine Pornodarstellerin.

Zu den Puppen kam Wendt wie die Jungfrau zum Kinde. Vor 13 Jahren wollte er seine Frau an seiner Faszination für das Internet teilhaben lassen und erklärte ihr an einem plastischen Beispiel, wie schnell und praktisch es ist: «Wenn ich dir jetzt einen Dildo bestellen wollte...» Er gab einfach mal auf gut Glück www.gummipuppen.de ein – und siehe da, die Domain war frei!

«Ich hab gedacht, das muss ich jetzt machen, obwohl ich nie was mit Gummipuppen zu tun hatte.» Geld für die Domain zusammengeliehen, schnell noch ein günstiger Shop installiert, und am nächsten Tag waren drei Bestellungen da. Seitdem macht er nichts anderes mehr, die Firma wächst kontinuierlich. Unangenehm war ihm sein Gewerbe, in das er so zufällig hineingeschlüpft ist, nie. Kürzlich ist der große Dollpark bei Neustadt in Holstein fertig geworden, ein schnieker Glaspalast, in dem auch Kunden empfangen werden.

«Auf dem Erotikmarkt gibt es sehr viel Schrott», sagt Wendt. Statt Japan-Ramsch will er gute Qualität auf den Markt bringen. Reines, gesundheitlich unbedenkliches Silikon. Nur den Dildo, der lässt sich noch immer nicht über www.gummipuppen.de bestellen.

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Silikonpuppen-Liebhaber sind intelligent und sensibel

Die meisten Kunden kaufen ihre Puppe und melden sich nie wieder, deshalb weiß Michael Wendt gar nicht so viel über sie. Ein Fall aber hat sich ihm ins Gedächtnis gebrannt, ein Berliner, der sich die Puppe direkt ins Sterbebett seiner Frau legen ließ. Die Leiche war nicht mehr da, doch es war noch ihr von der Versicherung zur Verfügung gestelltes Krankenbett, in das der Ersatz aus Silikon gebettet wurde. Das hat ihn nachdenklich gestimmt.

«Die Silikonpuppen-Liebhaber sind nicht diese geilen Böcke, die nur eine schnelle Nummer wollen, sondern sehr sensible und intelligente Menschen», schließt Wendt aus seinen Erfahrungen. Warum die eine Puppe brauchen? «So ganz bin ich auch noch nicht dahinter gekommen. Manchmal sind es richtig knackige Kerle, da frage ich mich selbst, ‹Was willst du hier?›.»

Tatsächlich bringt seine Arbeit den Dollpark-Betreiber gelegentlich ins Grübeln. Er wagt nicht auszuschließen, dass er selbst irgendwann mal mit einer Silikonpuppe zusammenlebt. Beim Jogging komme er immer am Altenpflegeheim vorbei, wo die alten Leute auf der Terrasse sitzen, «und ich habe mir angewöhnt, immer mal zu winken. Die grüßen so gerne zurück. Und ich denke, wenn ich denen eine Puppe hinsetzen würde, wie glücklich sie wären. Das hat nicht viel mit Sex zu tun. Vielleicht sitze ich da auch irgendwann.»

Sexualität und Gemeinschaft liegen eben eng zusammen, vor allem bei Männern, und beides sind Grundbedürfnisse. So ist ein Teil von Wendts Arbeit auch echte Lebenshilfe. Wenn ein Heimleiter anruft und sagt, er brauche einen Masturbator für einen Jugendlichen, der irre wird, wenn er nicht masturbiert. Oder eine Mutter, die sich Gedanken machen muss, wie sie mit der Sexualität ihres behinderten Sohnes umgeht. «Das sind Bereiche, wo das Schmier- und Schmuddel-Image weg ist», sagt Wendt, der sich über mangelnde Nachfrage nicht beklagen kann. Wenn er nach den Verkaufszahlen der klassischen Gummipuppen geht, «dann müsste jeder Mann über 18 mindestens drei davon im Schrank haben».

jag/cvd/news.de

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