«Washington» Der schwärzeste Name der USA

Denzel Washington (Foto)
Auch der Schauspieler Denzel Washington trägt den Namen des Präsidenten. Bild: dpa

Von Jesse Washington
Sie tragen den Namen eines Sklavenhalters: 90 Prozent der Amerikaner, die mit Nachnamen Washington heißen, sind Schwarze. Doch der erste Präsident der USA ließ die Sklaven letztlich frei. Aber warum nahmen so viele seinen Namen an?

Der Name George Washington ist untrennbar mit Amerika verbunden - und nicht nur mit seiner Geschichte. Er beschreibt auch zahllose Straßen, Gebäude, Berge, Brücken, Städte und Menschen. Interessanterweise sind die meisten Amerikaner mit dem Nachnamen Washington schwarz. Die Volkszählung im Jahr 2000 ergab, dass 90 Prozent aller Träger des Nachnamens Washington afroamerikanischer Abstammung sind.

Die Geschichte des «schwärzesten Namens» der USA beginnt mit der Sklaverei. George Washington, der am 22. Februar 1732 geboren wurde, erbte von seinem Vater Land und zehn Sklaven. Beides vermehrte er in den kommenden Jahren kräftig. Über die Jahrzehnte erkannte er jedoch, dass die Sklaverei im Widerspruch zu den Freiheiten der neuen Nation stand und wurde schließlich zum Gegner der Sklavenhaltung.

Trotzdem. «Die Sklaven bildeten den Grundstein seines Vermögens» und er habe sich nicht von ihnen trennen wollen, wie der Autor der Biografie Washington: A Life, Ron Chernow, erklärt. Gemessen an den Gepflogenheiten seiner Zeit war Washington kein grausamer Sklavenhalter. Er erkannte die Ehen seiner Sklaven an und verkaufte auch keine einzelnen Familienmitglieder. Aber er ließ seine Sklaven auch hart arbeiten. Als Präsident fuhr er sie zwischen seinem Amtssitz in Philadelphia und seinem Landgut in Virginia hin und her. Damit entging er einem Gesetz, das allen Sklaven die Freiheit zugestand, die länger als sechs Monate in Pennsylvania lebten.

Erst im Testament bestimmte Washington die Freilassung

«Washington führte ein schizoides Leben», erklärt Chernow. «Theoretisch und auf dem Papier lehnte er die Sklaverei ab, aber trotzdem verfolgte er seine entflohenen Sklaven und versuchte, sie wiederzubekommen.» In den letzten Jahren seines Lebens kam Washington aber zu der Erkenntnis, dass «nur die Auslöschung der Sklaverei die Existenz unserer Union aufrechterhalten kann».

Und so verfügte Washington in seinem Testament, dass alle seine 124 Sklaven nach dem Tod seiner Ehefrau freigelassen werden sollten. Er ordnete auch an, dass die jüngeren Schwarzen eine Schuldbildung oder eine Ausbildung erhielten und stellte Geld für die Gesundheitsfürsorge bereit. Zwölf amerikanische Präsidenten waren Sklavenbesitzer. Washington ließ als einziger all seine Sklaven frei.

Doch warum tragen so viele Nachfahren von Sklaven den Namen des amerikanischen Staatsgründers? Es ist ein Mythos, dass alle versklavten Schwarzen den Nachnamen ihrer Besitzer annahmen. Manche wählten den Namen ihrer Plantage, andere entschieden sich für den Nachnamen des Eigentümers ihres ältesten bekannten Vorfahren. So mancher Nachname wurde auch willkürlich ausgesucht.

George Washingtons Testament wurde veröffentlicht und war vielen Schwarzen bekannt. Fühlten sie sich von ihm inspiriert und nahmen deshalb seinen Namen an? Erhofften sie sich Vorteile von diesem berühmten Namen? Taten sie es aus Hingabe zu ihrem Land? «Wir wissen es einfach nicht», sagt der Historiker Henry Wiencek, der ebenfalls ein Buch über George Washington verfasste.

Diskriminierungen wegen des «schwarzen» Namens

Die Zahlen sind jedenfalls bis heute eindeutig. Washington kam im Jahr 2000 auf Rang 128 der häufigsten Nachnamen in den USA. 90 Prozent dieser Washingtons waren schwarz, nur fünf Prozent waren weiß. Und viele Washingtons sind überrascht, dass sie überhaupt weiße Namensvettern haben.

Wie viele andere hat Shannon Washington aus New York nie einen weißen Washington getroffen. Sie steht ihren Nachnamen positiv gegenüber. «Er ist ein Zeichen dafür, wie weit wir gekommen sind», erklärt sie und will ihren Namen auch nach ihrer Hochzeit behalten.

Marcus Washington dachte nie viel über seinen Namen nach, während er als einer von wenigen Schwarzen in der Künstleragentur William Morris arbeitete. Doch dann reichte er eine Klage über 25 Millionen Dollar wegen Diskriminierung gegen seinen Arbeitgeber ein. «Ich bin sicher, dass für einige Menschen dort mein Name Assoziationen auslöste, dass ich schwarz bin», erklärt er. «Und das rief automatisch eine Voreingenommenheit hervor, was dazu führte, dass ich keine faire Chance erhielt.»

Eine Studie der Universität von Chicago fand 2004 heraus, dass Arbeitssuchende mit weiß klingenden Namen wie «Emily Walsh» 50 Prozent mehr Rückrufe von Arbeitgebern erhielten als Bewerber mit Namen wie «Lakisha Washington».

Stolz auf ultimativen amerikanischen Namen

Auch weiße Washingtons haben ganz eigene Erfahrungen mit ihrem Nachnamen gemacht. So erzählt der 85-jährige Larry Washington, die Reaktionen hätte sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Als er 1962 nach New Jersey zog, um dort am College zu lehren, suchte seine Familie zunächst per Telefon nach einem Haus - vergeblich. «Als wir dort hinfuhren, gab es viele Häuser», sagt Larry Washington. Daraufhin schärfte er seinen Kindern ein, sich immer persönlich vorzustellen.

Sohn Paul erlebte bis in die 1980er Jahre hinein Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Seitdem nicht mehr. Er ist Geologie-Professor und fragt sich heute, ob sein Namen ihm nicht hilft, Vorstellungsgespräche bei Universitäten zu bekommen, die auf der Suche nach einem schwarzen Geologen sind. Und ob es ihm schadet, wenn die Universitäten herausfinden, dass er weiß ist. Pauls Kindern schlägt eher Bewunderung entgegen für «den ultimativen amerikanischen Namen», wie sie erzählen.

Der Autor Chernow findet es bewegend, dass befreite Sklaven sich so sehr mit der amerikanischen Tradition und dem amerikanischen Traum identifizierten: «Ich glaube, dass George Washington sehr zufrieden damit wäre, dass so viele Schwarze seinen Namen angenommen haben.»

iwi/news.de/dapd

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