Von news.de-Redakteur Jan Grundmann - 09.02.2011, 11.16 Uhr

Alltag im Knast: Eine lange Weile hinter Gittern

Jetzt müssen sie lebenslang ins Gefängnis: Die JVA-Ausbrecher Heckhoff und Michalski wollten den «perspektivlosen Zuständen» im Knast entkommen. News.de hat sich den Alltag angeschaut: Es gibt dreimal Essen, TV, viel Zeit. Wer Glück hat, ergattert eine Arbeit im Knast.

Der deutsche Knast-Alltag: viel Zeit, wenig Beschäftigung.   Bild: dpa

Jetzt müssen sie vermutlich lebenslang hinter Gittern bleiben: Im Prozess hatten die JVA-Ausbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski gesagt, dass die Zustände und Abläufe im Aachener Knast sie zu der Flucht getrieben hätten. Ihnen habe jegliche Perspektive gefehlt, es geschehe dort nichts außer einem «Verwahren» der Häftlinge. Stimmt das wirklich?

«Vor ein paar Tagen bin ich 44 Jahre alt geworden. Ich habe nicht gefeiert, weil ich keinen Grund dafür gesehen habe. Wenn das hier vorbei ist, werde ich das wohl nachholen.» Es sind die emotionalen Worte eines Mannes, der sich in seinem Blog «Chris-bln» nennt. Er hat ein Tagebuch seiner Untersuchungshaft in der JVA Moabit geschrieben. Was er nicht nennt, sind die Gründe für seine U-Haft, seinen echten Namen. Sonst ist alles sehr detailliert. Chris nennt seinen Blog «Zimmer ohne Aussicht» - und die Einträge spiegeln seine trostlose Langeweile in dem roten, sternförmig aufgebauten Klinkerbau in Moabit wieder.

«Der Fernseher läuft und läuft und läuft»

Der Einzug: Die Doppelzelle misst acht Quadratmeter, hat ein Doppelstockbett aus Stahl, einen Tisch, einen Holzschrank, einen Sichtschutz für die integrierte Toilette, nicht sehr hoch. Und ein vergittertes Fenster, das erst bei 1,60 Meter beginnt. Chris muss sich auf Zehenspitzen stellen, um einen Blick ins Freie zu bekommen. Er bezieht sein Bett, schaltet die Nachrichten ein. «Aber schon beim Wetterbericht springe ich vom Stuhl auf. Wozu muß ich wissen, wie das Wetter wird? Ich sehe kaum den Himmel von meiner Zelle.»

Der erste Morgen: Nach einer unruhigen Nacht wird er um 6 Uhr geweckt - Alltag im Knast. Die Wärter laufen von Zelle zu Zelle, führen die «Lebendkontrolle» durch, teilen Frühstück aus. Brot, Konfitüre, Tee. «Seit inzwischen 24 Stunden bin ich nicht mehr selbstbestimmt. Und nun? Wozu mussten wir so früh aufstehen? Was passiert jetzt? Nichts.» Chris berichtet, wie ihm das erste Mal ein Toilettendrang überkommt. «Ich traue mich nicht zu drücken - Toni (offenbar der Zellengenosse von Chris, Anm. d. Red.) könnte es hören und ich würde mich dafür schämen.»

Die erste Dusche: Chris beschreibt, wie er zum Gruppenduschen geht: Der Justizbeamte schließt die Tür von außen ab, dann gibt es für sieben Minuten warmes Wasser. «Im Gegensatz zu den ausländischen Häftlingen machen nur wir Deutschen uns nackig. Die anderen gehen mit Unterhosen zum Duschen. Wie auch auf dem Hof, bleiben die Gruppen beieinander.»

Die ersten Tage: Es passiert nichts. Die Beschreibung von Chris klingt desillusioniert und gelangweilt. «Der Fernseher läuft und läuft und läuft. Egal was, Hauptsache Ablenkung.» Er philosophiert über das TV-Programm, über Reportagen, die Fernweh schüren. «Beim Gedanken an Draußen schießen mir Tränen in die Augen. Ich probiere, nicht an Eltern, Freunde, Familie zu denken.» Nur in den Beschreibungen der täglichen, gesetzlich zugesicherten Stunde Hofgang blüht er auf. Um danach wieder in ein Loch zu fallen.

Arbeit und Geld im Knast: «Der Wunsch nach Arbeit steht bei unseren Wünschen ganz oben, denn nur so kann man der Eintönigkeit von 23 Stunden Einschluss entkommen», schreibt Chris, nachdem er im Knast-Alltag angekommen ist. Ob Bäckerei, Küche, Werkstatt oder Druckerei: Wer einen der begehrten Arbeitsplätze im Knastbetrieb ergattert, darf raus aus der Zelle. Und kann sich etwas Geld verdienen, um im Knast-Shop einkaufen gehen zu können. Chris schreibt, es seien zwischen 40 und 60 Euro. Oder man hat Angehörige, die Geld auf das Häftlingskonto überweisen. Ein Fernseher muss übrigens gemietet werden. Gegen Geld. So wie Tabak. Es gibt auch einen Einkaufsservice. «Die Aldi-Ware zum Preis wie im KaDeWe wird von uns genossen, als hätten wir einen Cateringservice bestellt. Ein wunderbarer Abend!»

Der TV-Tagesrhythmus: «Mein Tag ist geordnet nach Essenszeiten, Hofgang und den passenden TV-Sendungen.» Vor allem der Fernseher ordnet laut Chris den Tag. «So bekommt der Tag eine Struktur und ich bin abends müde und kann einschlafen. Ein wichtiger Fakt, der alles etwas erträglicher macht. Ich kann nicht mal vor die Tür gehen. Ein paar Schritte laufen. Ich gehe nie spazieren. Jetzt würde ich gerne! Tja, erst wenn man etwas nicht mehr hat - erkennt man den Wert!»

Die JVA Moabit ist ein Männerknast mit 1290 Haftplätzen. Auf news.de-Anfrage erklärt die zuständige Berliner Senatsverwaltung für Justiz, dass sich Chris' Bericht um die U-Haft drehe. Grundlegende Aussagen - wie der 23-Stunden-Einschluss - seien demnach zutreffend. Andere Aussagen offenbar weniger - so könne jeder Gefangene, der es wünsche, eine Einzelzelle bekommen. Allerdings könne nicht jeder Häftling arbeiten, teilweise gebe es Wartezeiten. Den vorhandenen 395 Arbeitsplätzen stünden derzeit rund 1000 Inhaftierte in der JVA Moabit gegenüber.

JVA: Langeweile? Zeit zum Nachdenken!

Vollbeschäftigung - also Arbeit für alle Gefangenen - gibt es selten in deutschen Gefängnissen. Auch nicht in der JVA Leipzig. Die dortige Pressesprecherin Susann Mielke gibt Auskunft zur Frage nach der Langeweile. «Es gibt Gefangene, die können nur sehr schwer Zeit strukturieren und für sich sinnvoll nutzen. Dieses Problem haben einige Gefangene aber auch schon vorher gehabt», so Mielke.

Allerdings gebe es viele Angebote: Eine Bücherei mit 7000 Büchern, Sportkurse, Gottesdienst. Auch «Kreativzirkel und Spielzirkel» sind dabei, genau wie Seelsorger und Sozialarbeiter.

Eine hundertprozentige Zeitauslastung werde nie möglich sein, «ist ja auch im realen Leben nicht realistisch». Es sei aber auch wichtig, den Gefangenen eine gewisse Zeit des Nachdenkens und des Verinnerlichens zu geben, ohne diese völlig sich selbst zu überlassen. In der JVA befänden sich in fast allen Hafträumen TV- Geräte oder Radios, teilweise gehören diese den Gefangenen selbst oder der Anstalt. «Eine Playstation können die Gefangenen über den Einkauf erweben», sagt die Pressesprecherin.

In deutschen Knästen hat sich ein Paradigmenwechsel eingeschlichen. Das beobachten Knast-Anwälte. Früher gab es häufig vorzeitige Entlassungen, offenen Vollzug: Das wird zunehmend gestrichen. Lesen Sie auch unseren Artikel, warum die Gesellschaft Angst hat und Resozialisierung nicht mehr im Vordergrund steht.

Immer mehr Menschen hinter Gitter

In Deutschland waren Ende März 2010 insgesamt 60.693 Menschen im Knast. Laut Statistischem Bundesamt muss ein Drittel von ihnen eine Haft bis zu neun Monaten absitzen. Unter den Gesamtgefangenen sind auch 536 Sicherungsverwahrte, die nach dem Beschluss des EU-Gerichtshof für Menschenrechte freikommen sollen.

Die Zahl der Knackis hat in den vergangenen Jahren zugenommen – es sind ein Viertel mehr als noch im Jahr 1995. Auch wenn die RTL-Serie Hinter Gittern ein anderes Bild vermittelt: Der Anteil der Frauen beträgt nur gut fünf Prozent.

iwi/ivb/news.de

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