Kartenlegen «Wahrsagen ist nicht übernatürlich»

Sonia Maria Wagner weiß mehr über ihre Kunden als diese selbst: Wenn sie Karten legt, sieht die Wahrsagerin, wohin das Leben führt. Das kann man glauben oder nicht - ein Besuch bei der Wahrsagerin macht zumindest klar: Wir haben das Leben selbst in der Hand.

Hilfe oder Hokuspokus? Rechtsstreit um Kartenlegen (Foto)
Die Tarot-Karten sollen helfen, Entscheidungen zu treffen, sagt die Kartenlegerin. Bild: dpa

Der Stapel ist gar nicht schwer. 78 Karten, die das Leben verraten. Die zeigen, was einen Menschen bewegt und wohin es ihn führt. Oder zieht. So etwas müsste doch Gewicht haben. Aber sie liegen leicht in der Hand, sie sind abgenutzt und schön griffig, man könnte spontan eine Runde Rommé damit austeilen. Jetzt mischen, und anschließend abheben.

Dann nimmt Silvia Maria Wagner ihre Karten wieder zurück. Eigentlich säße sie dabei nicht hier, am runden kleinen Teetisch, sondern gleich nebenan, am großen, rechteckigen. Hier fragt sie ihre Kunden nach ihrem Anliegen, drüben befragt sie die Karten, wie es damit aussieht. Aber diesmal wird es keine richtige Session. Es ist nur ein «Was wäre, wenn» - und trotzdem ist da eine leise Beklemmung, als die Karten auf dem Tisch liegen. Jetzt wird der Kreis enger, nur mit Silvia Maria Wagner, den Karten - und der eigenen Zukunft. Hier könnte etwas passieren, was man eigentlich gar nicht wissen will.

Sie kann das ungute Gefühl verstehen. «Es scheint, als wäre die Zukunft festgelegt. Das muss man aber gar nicht so sehen.» Sira, wie sie sich als Wahrsagerin nennt, hat kein Problem damit, ihre Kunst zu öffnen. Es gibt keine Frage, die sie nicht beantwortet, sie wischt Zweifel nicht weg und versucht auch nicht, zu überreden. Manche ihrer Kunden glaubten gar nicht an ihre Fähigkeiten, gibt sie zu: «Ich habe viele Unternehmer als Kundschaft, die bitten mich, ‹sagen sie mir, was ich machen soll›. Die glauben nicht daran. Aber sie sehen, es funktioniert.»

Aus drei Karten liest sie, wie das Leben gerade aussieht

Doch wer die Kartenlegerin besucht, muss sich auf sie einlassen. Es bleibt gar nichts anderes übrig. Im Flur fordert sie auf, abzulegen, und im Wohnzimmer bietet sie Tee an, eine spezielle Hausmischung. Sie ist ganz zurückhaltend und doch sehr präsent. Und präzise. Hokuspokus passt nicht in diesen klar strukturierten Raum und nicht zu Silvia Maria Wagner, die auch gelernte Psychotherapeutin ist. «Ich hatte den Eindruck, dass ich damit mehr tun kann für die Menschen», begründet sie den Schritt, nur noch Karten zu legen. Vermischt hat sie die beiden Berufe nie.

Jede der Karten ist ein Stück Leben. «Die Welt» fällt beim Durchblättern zufällig in die Hand. Sie steht für Erfolg, der nach Außen hin sichtbar ist. Nicht der kleine, intime Erfolg, wenn man zum Beispiel ein Kind zur Einsicht bringt. Nein, der messbare Erfolg, wenn eine Prüfung geschafft oder ein Rennen gewonnen ist. Eigentlich geht es so: Wenn Sira die Karten wieder in der Hand hat, deckt sie eine nach der anderen auf. Drei zunächst. Das sind jetzt Die Welt, Der Narr, Das Scheitern. Das unberechenbare Scheitern bei einer Prüfung, könnte die Kartenlegerin daraus interpretieren.

Das wäre nun die Ist-Situation, mit der die Kundin zu ihr gekommen ist. «Wenn ich mir noch nicht so sicher bin, decke ich noch eine Karte auf oder noch ein paar. Ein Arzt macht, wenn er sich unsicher ist, ja auch weitere Untersuchungen», erklärt Wagner ihr Handwerk. Die übrige, dicke Stapel dient dann dazu, nach und nach einen Weg aufzuzeigen. Manche Kunden sind mit einem konkreten Anliegen da, sie wollen wissen, was ihnen beruflich blüht oder was die Liebe bereithält. «Andere wollen einfach mal hören, was ich sehe. Ich denke, fast jeder hat eigentlich ein Anliegen, das arbeitet sich mit der Zeit heraus. Aber ich finde es richtig, das nicht gleich zu unterbreiten, sondern erstmal Vertrauen zu fassen», sagt Silvia Maria Wagner, und wie in so vielen Momenten spricht da auch die Psychotherapeutin.

Doch eine Therapie sind ihre Sitzungen nicht, da ist sie deutlich. Das sei in einer Stunde nicht zu leisten, und das verspreche sie auch niemandem. «Aber es eröffnet Perspektiven, und Perspektiven sind wichtig, um sein Leben gestalten zu können.» Was Kartenlegen eigentlich ist, damit hat sich heute auch der Bundesgerichtshof beschäftigt. Genauer gesagt musste er entscheiden, ob dafür Geld kassiert werden darf. «Gelassen» sehe sie dem Urteil entgegen, sagt Sira, und sie hat sich nicht geirrt. Kartenleger dürfen für ihre Dienste Geld verlangen, befinden die Karlsruher Richter. Allerdings nur, wenn dem Kunden klar sei, dass sie damit «irrationale Leistungen» erkaufen, die einer «für Dritte nicht nachvollziehbaren Handlung entsprechen».

Die Karten zeigen nur, was wirklich wichtig ist

Silvia Maria Wagner setzt anders an. Sie gebe Hinweise, auf das Schicksal einzuwirken und zeige, wo jeder sein Leben gestalten kann. Wenn ein Misserfolg in einer Prüfung droht, könne man schließlich etwas dagegen tun. Und wenn eine unerwünschte Schwangerschaft bevorstehe, gebe es doch auch Methoden. Die Zukunft, die sie sieht, ist nicht absolut? Nicht unabänderlich? «Nein. Normalerweise nicht.» Die Entscheidungen liegen bei den Menschen selbst. Das ist eigentlich ihre wichtigste Botschaft: Jeder hat sein Leben in der Hand. Nur schreckliche Ereignisse sind nicht Gegenstand ihrer Vorhersagen. Die spart sie aus.

Für Sira gehören die Karten zum Leben. Ihre Mutter legte schon, sie selbst macht es gewerblich seit 25 Jahren. Es gehöre schon eine Begabung dazu, so wie eine Sängerin eine Stimme brauche. Aber auch eine Ausbildung, deshalb gibt sie selbst Kurse. Da rät sie ihren Schülerinnen (denn meist sind es Frauen), zu Übungszwecken morgens einfach mal eine Karte aufzudecken und zu beobachten, ob sie sich den Tag über erfüllt. «Wenn es zum Beispiel die Verzögerung ist, rechnen sie vielleicht damit, dass die Straßenbahn zu spät kommt.» Erst am Ende des Tages merken sie: Es war die Freundin, die den Kinobesuch verschoben hat. «Dann erkennt man sich und sieht, was einem wirklich wichtig ist. Die Karten haben immer einen sehr persönlichen Bezug.»

Und wenn es nicht klappt bei einer ihrer Sitzungen, die immerhin 120 Euro kosten? «Es kann vorkommen, dass ich falsch liege. Das ist sehr, sehr selten. Dann sage ich, dass ich keinen Zugang gefunden habe, trinke meinen Tee zu Ende und verabschiede den Kunden freundlich.» Ein Gefühl von Scheitern verspürt sie nicht. «Keinesfalls. Niemals.»

Für die Richter ist ihre Kunst übernatürliche Magie. «Nein. Es ist nicht übernatürlich. Jeder Mensch hat ein Bauchgefühl, und nicht alles, was wir nicht erklären können, ist übernatürlich.» Und die Karten? Ist es nicht Zufall, welche sie zuerst aufdeckt? Das wisse sie nicht. Sie vertraut einfach darauf? «Ich weiß, dass es funktioniert.»

jag/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Karin66
  • Kommentar 3
  • 16.01.2011 00:58

Ich finde, am Kartenlegen ist schon irgendwie etwas dran. Mir hat mal vor Jahren jemand die Karten auf eine ganz konkrete Frage gelegt (eine Bekannte, keine professionelle Kartenlegerin) - und diese hat sich tatsächlich erfüllt! Vielleicht gibt es ja auch so was wie die "selbsterfüllende Prophezeiung", aber so ganz von der Hand weisen kann man es eben nicht! Wobei ich nie so viel Geld für eine "echte" Kartenlegerin ausgeben würde...

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  • Bernd Rufus
  • Kommentar 2
  • 14.01.2011 19:10

der kartenschwachsinn und ähnlicher okkultismus regiert diese entartete welt im interesse der volksverblödung, mit der die macht der korruption erhalten wird und die völker versklavt werden.

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  • Detlef von Seggern
  • Kommentar 1
  • 13.01.2011 19:37

So ein Schwachsinn! Dies ist doch im Grunde genommen nur etwas, für abergläubische, wie auch in jeder Hinsicht, "leicht beeinflussbare" Menschen. Keiner kann die Zukunft, wie auch immer, so wie auch den Wertegang eines Menschen vorhersagen. Weder aus der Hand, den Karten, noch sonstwie. Dies ist doch alles Humbuk, und nichts weiter, als so manchen "Wissbegierigen" Bürger(in), Geld aus der Tasche zu ziehen.

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