Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 06.08.2010, 11.16 Uhr

Kiwis und Deutsche: Warum Neuseeländer so seltsam sind

Auf Wellington ist Verlass. Wenn zwischen Ölpest, Selbstmordattentaten und Fußball mal was Lustiges passiert, dann garantiert in Neuseeland. Peter Rider ist seit drei Tagen Botschafter in Berlin und hilft news.de, einer seltsamen Anziehung auf den Grund zu kommen.

Fast jeder Neuseeländer hat Maori-Blut. Bild: dpa

Die aktuellste Meldung aus Neuseeland ist von 7.05 Uhr. Ein Mann steht vor Gericht, weil er seine Frau misshandelt haben soll. Doch er behauptet, nur einen traditionellen Volkstanz mit ihr vollführt zu haben. Nun müssen die Richter diesen Tanz auf Video anschauen, bevor der Prozess weitergeht.

Nur vier Millionen Menschen leben auf den zwei großen und 700 kleinen Inseln neben Australien, aber sie schaffen es alle paar Tage, mit irgendwelchen Eigenartigkeiten in den deutschen Nachrichten zu stehen. Am 26. Juli konnten wir hinter der Ortsangabe «Wellington» lesen, dass ein 15-Jähriger einen Sturz aus dem 16. Stock überlebte, erst im Mai war ein Golfspieler 30 Meter von einer Klippe gestürzt und danach auch nicht tot. Derzeit fährt ein Neuseeländer auf einem Jet-Ski um die halbe Welt, um gegen Krebs zu kämpfen. Doch nicht nur überleben, auch sterben mag man dort unten offenbar nicht normal. Am 1. Juli erfuhren wir vom anderen Ende der Welt, dass ein 88-Jähriger in seinem eigenen Bett von einem Auto totgefahren wurde.

FOTOS: Neuseeland Das Land der verrückten Meldungen

Vier Millionen Neuseeländer, das sind ungefähr genauso viele Menschen wie in Berlin leben. Berlin ist Haupt-, Szene-, Weltstadt, aber so viel Kurioses wie aus Wellington folgt selten auf die OrtsmarkeAls sogenannte Ortsmarke wird der Name eines Ortes journalistischen Beiträgen vorangestellt - in Zeitungen, aber auch im Radio . Zum Beispiel: "Berlin. Bundespräsident Christian Wulff empfängt heute den neuen neuseeländischen Botschafter Peter Rider." Berlin. Peter Rider hat es trotzdem hergezogen, seit Dienstag ist er der oberste Vertreter Neuseelands in Deutschland - und damit der ideale Ansprechpartner, um der Eigenartigkeit auf den Grund zu gehen.

Deutsche kommen in Neuseeland auch nicht besser weg

Doch der niegelnagelneue Botschafter will gar nichts hören von Männern, denen ihr Hund in den Po schießt oder 14 Schafen und vier Viehdieben in einem Mazda. Auch der besoffene Autofahrer, der einen Unfall baut und, während er eingeklemmt auf die Polizei wartet, erstmal noch ein Bier zischt, lässt ihn unbeeindruckt.

Denn Peter Rider hat sich auf seinem Schreibtisch zurechtgelegt, was Neuseeland so über Deutsche weiß. Kürzlich wurde einer zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er 44 lebende Geckos in seiner Unterwäsche durch den Zoll schmuggeln wollte. Und Rider erinnert auch an den deutschen Touristen, der 2008 den neuseeländischen Franz-Josef-Gletscher mit seinem Sprayer-Namen verziert hatte und dann eineinhalb Tage lang den Gletscher schrubben musste. Das sitzt, der neue Botschafter ist gut vorbereitet. Die Neuseeländer halten uns also für genauso irre wie wir sie.

Doch Peter Rider wäre nicht der Botschafter und damit hauptamtlich für Völkerverständigung zuständig, wenn er das so stehen ließe. Er zählt auf, was deutsche Medien sonst noch so aus seinem Land berichtet haben in den letzten sechs Monaten in Sachen Politik, Sport, Wirtschaft, Forschung, Tourismus, Tiere und räumt am Ende sogar ein, dass der von seinem Hund in den Po geschossene Neuseeländer ebenso skurril ist wie der deutsche Spinner mit den Geckos.

Die Einwohner Berlins auf der Fläche von Großbritannien

Rider ist erst seit zwei Monaten im Land und sein Deutsch noch gebrochen, doch er spürt schon die Magnetwirkung zwischen Neuseeländern und Deutschen. «Sie denken tatsächlich, Neuseeland sei anders – und das macht es attraktiv.» 60.000 deutsche Touristen fliegen jedes Jahr in sein Land, junge Deutsche hüten neuseeländische Kinder, und 700 Studenten kamen allein im letzten Monat - so viele wie aus keinem anderen Land der Welt. Schließlich ist sein Land auch so unberührt wie kein anderes, erst vor 200 Jahren wurde es kolonialisiert, das südpazifische Maori-Blut mischte sich mit dem reservierten Charme der Briten - und das alles bei immer gutem Wetter.

Diese Mixtur sei tatsächlich irgendwie freier, «weniger reguliert», wie Rider es nennt. «Die Leute sehen ein bisschen anders aus. Sie haben immer Sommerklamotten an.» Zur Schule ist er früher barfuß gelaufen, und noch heute trifft er die Leute in seinem Dorf im Norden des Landes ohne Schuhe im Supermarkt. In einem Land, in dem sich die Einwohner Berlins über die Fläche von Großbritannien verteilen, machen sich die Leute einfach nicht so eine Platte, was die anderen denken. Und ein deutsches Dauerbrennerthema geht ihnen völlig ab: die Nachbarschaft. «Es gibt nicht so viele soziale Regeln. Am Sonntag stehen alle um 9 Uhr auf und fangen an zu hämmern und ihr Brennholz zu schlagen. Ich liebe die Sonntage hier!»

Der neue Botschafter hat aber auch eine angenehme Gemeinsamkeit festgestellt: Der Freizeitwert der deutschen Großstädte findet er genauso gut wie in seiner dünn besiedelten Heimat - anders als in London oder Singapur. Im Berliner Grunewald, wo er seit zwei Monaten zuhause ist, hat er Natur - und keine Probleme mit hämmernden Nachbarn: «Es ist wie zuhause – aber irgendwie besser.»

sck/reu/news.de

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