Phosphor: Das Lebenselixier geht zur Neige

Wasser, Erdöl, Phosphor: Auf diese drei Rohstoffsäulen baut die moderne Zivilisation. Doch der Dreiklang ist in Gefahr. Nicht nur Wasser und Öl bereiten Kopfzerbrechen. Auch Phosphor geht zur Neige - mit verheerenden Folgen für die Menschheit.

Die Schätzungen sind sehr unterschiedlich, wann die Phosphorvorkommen zur Neige gehen. Fakt ist: Ohne Phosphor ist der Mensch nicht überlebensfähig. Bild: ddp

Während die Bedeutung des Wassers als Lebenselixier jedem klar ist und er auch die Rolle des Erdöls erklären kann, haben die meisten mit der Bedeutung des Phosphors so ihre Schwierigkeiten. Selbst in der Landwirtschaft hat er oft einen negativen Namen: Über die Flüsse gelangt er in die Meere und bringt dort die Algen zum Blühen. Sie sinken nach diesem Stadium zum Meeresboden, wo sie verwesen. Auf diese Weise wird dem Wasser der Sauerstoff entzogen, und das Meeresgebiet stirbt ab.

Das Negativ-Image sollte überdacht werden, denn es zeichnet sich langsam ein Ende der Phosphorvorkommen ab - mit all den Konsequenzen für die wirtschaftliche, politische und soziale Ordnung. Schon in wenigen Jahrzehnten könnte das Lebenselixier einer intensiven Landwirtschaft zur Neige gehen. Es könnte dann in eine Phosphor-Krise münden und ähnlich wie das oft beschworene, aber bisher noch nicht beobachtete globale Ölfördermaximum, auch «Peak Oil» genannt. Beim Öl bedeutet das: Wenn erst die Hälfte der Vorräte aus der Erde geholt ist, geht die Produktion schon zurück, wie sich in einzelnen Förderländern zeigte. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt nicht mehr.

Für den Phosphor sieht die Lage wie folgt aus: Zurzeit wird er hauptsächlich aus Gesteinen in Form von Phosphat gewonnen. Die weltweit bekannten Reserven werden auf knapp 17 Millionen Tonnen Phosphatgestein geschätzt und würden rein rechnerisch 115 Jahre reichen. Problematisch ist aber deren Qualität. So weisen beispielsweise die Lagerstätten in Marokko deutlich höhere Konzentrationen des Schwermetalls Kadmium auf als in der EU zulässig.

Europa ist auf Import angewiesen

Während China und die USA sich eigener reicher Phosphorquellen erfreuen, gibt es in Europa nur eine einzige Mine im finnischen Siilinjarvi. Somit ist Europa auf den Import von Phosphordüngern angewiesen wie bei keinem anderen Rohstoff. Deutschland beispielsweise führt 80 Prozent des Phosphatgesteins aus Israel ein.
Ob das auch in Zukunft so weitergeht, ist fraglich, denn die Weltbevölkerung wächst und in Schwellenländern wie China und Indien steigt mit rapide wachsendem Wohlstand der Fleischkonsum, weshalb diese Staaten ihre Landwirtschaft mit Dünger weiter intensivieren müssen. Unter diesen Bedingungen, so die Berechnungen Arno Rosemarins vom Stockholm Environment Institute, könnten die Vorräte schon in 50 Jahren aufgebraucht sein.

Noch bedrohlicher sieht das die Rohstoffexpertin Dana Cordell von der University of Technology in Sidney: In gut 20 Jahren werde es keinen Phosphor für Dünger mehr geben, warnt sie. Zumindest keinen erschwinglichen. Wesentlicher Faktor für die jetzt schon unvermeidbaren Preissteigerungen bei den Phosphatdüngern sind die aktuellen Förderkapazitäten der erschlossenen Minen, die einer stark gestiegenen Nachfrage gegenüberstehen. Ähnlich wie beim Kali müssen neue Minen erschlossen und aufgegraben werden, was Zeit und Geld kostet. Auch gehen die Geologen davon aus, dass es immer schwieriger wird, die verfügbaren Lagerstätten zu erschließen.

Das mag sein, aber die australische Berechnung berücksichtige nur die Reserven, so die Kritik Simone Röhlings vom Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Schaut man sich dagegen die tatsächlichen Ressourcen an, also jene Lagerstätten, die zwar heute noch nicht wirtschaftlich ausgebeutet, aber in Zukunft unter veränderten Bedingungen in Reserven übergeführt werden können, ergäbe sich ein anderes Bild: «Die Ressourcen enthalten deutlich mehr Reserven»,so schätzt Johan Ebenhöch, Produktionsleiter für Mineraldünger beim Chemieunternehmen BASF: «Reserven und Ressourcen zusammengenommen reichen noch 300 bis 400 Jahre.»

Elementar wichtig für den Körper

Das Problem: Phosphor ist anders als Öl durch nichts zu ersetzen. «Es ist essentieller Bestandteil biologischer Strukturen, wie der DNS, der Knochen, des ATP, um nur einige Beispiele zu nennen», sagt Professor Ewald Schnug von der Bundesforschungsanstalt für Kulturpflanzen - Julius Kühn-Institut (JKI), Braunschweig. Ohne Phosphat hätten wir weder Knochen noch Zähne. Es würde kein Muskel, kein Nerv, kein Hormon und damit auch keine Fortpflanzung funktionieren, denn es gäbe kein Erbgut.

Die Zeit läuft unerbittlich, «denn wenn es ohne Phosphor generell in der Nahrungsmittelproduktion problematisch wird, trifft es als erste und am härtesten die Entwicklungsländer», warnt Schnug. «Der Streit um eine essentielle Ressource wie bei Trinkwasser und Öl mit allen Folgen für den jetzt schon zerbrechlichen globalen Frieden wäre unausweichlich.»

sca/kat/ivb/news.de

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