Autobiografie Die hübsche Seite der Alice Schwarzer

Alice Schwarzer (Foto)
Mehr als 40 Jahren liegen zwischen diesen beiden Fotos: Alice Schwarzer als 26-Jährige und als gestandene Frau von 68 Jahren. Bild: dpa-privat/news.de-Montage

Von news.de-Redakteurin Julia Pfeifer
Stumpfsinnige Männerhasserin? Von wegen. Alice Schwarzer ist eine leidenschaftliche Frau mit einem ausgeprägten Sinn für Humor. Ihre Biographie gibt erstmals Einblicke in das Privatleben der Frauenrechtlerin. Auch in ihre etwas andere Kindheit.

Was hatte sie sich nicht alles anhören müssen: «Hexe mit dem stechenden Blick», «Männerhasserin», «Schwanz-ab-Schwarzer». Doch statt sich verletzt und beleidigt zurückzuziehen, hat die Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer immer gekämpft, die Konfrontation gesucht und sich nie einschüchtern lassen.

Es ist fast schon unmenschlich, was die heute 68-Jährige in den vergangenen 40 Jahren geleistet hat. Sie war sowohl in Frankreich als auch in Deutschland maßgeblich an der Frauenbewegung beteiligt, hat den §218 («Abtreibungsparagraf») eingesetzt und mehrere Bücher geschrieben, die von Frauen und auch von Männern auf der ganzen Welt gelesen werden.

Sie hat vor über 30 Jahren mit EMMA eine Zeitschrift gegründet, von der ihre Kritiker glaubten, sie würde nach zwei, drei Ausgaben eingestellt werden. Und Alice Schwarzer hat sich eingemischt. Auch heute tut sie das noch. Zuletzt war sie wegen der Berichterstattung zum Kachelmann-Prozess in die Schlagzeilen geraten und musste wieder einmal Häme und Anfeindungen einstecken, weil sie es wagte, die Schuld Jörg Kachelmanns in Betracht zu ziehen. Als «Alt-Feministin» und «Ewig-Gestrige» wurde sie bezeichnet, vor allem von ihren Journalistenkollegen.

Alice Schwarzer
Flintenweib und Feministin

Alice Schwarzers «ultimative Waffe»

Alice Schwarzer hat auch das überstanden. Sie hat das getan, was sie immer tut. Sie hat es mit Humor genommen. Denn Humor, so Schwarzer, sei die «ultimative Waffe». Dass Alice Schwarzer davon etwas versteht, kann man in ihrer Biographie Lebenslauf nachlesen, die heute erscheint. Darin gibt sie, die sich normalerweise über ihr Privatleben äußerst bedeckt hält, erstmals Einblick in die Zeit, bevor aus Alice Schwarzer Deutschlands «Star-Feministin» wurde - eine Bezeichnung, die sie übrigens nicht mag.

Sie erzählt von ihrer ungewöhnlichen Kindheit im Wuppertal der Nachkriegsjahre. Die 1942 geborene Alice wird nicht von ihrer Mutter, sondern von ihren Großeltern aufgezogen. Genauer gesagt, von ihrem Großvater, den sie «Papa» nennt. Ihrer Großmutter geht Mütterlichkeit ab, wie vielen anderen Frauen in Alice Schwarzers Familie. Die Großeltern sind liberal, lassen ihr mehr durchgehen als die Eltern ihrer Freunde und Klassenkameradinnen.

Bruno - die große Liebe

Ihre Teenagerjahre unterscheiden sich dennoch nicht von denen anderer Kinder. Sie liebt Elvis und Rock'n' Roll, weint bitterlich, als Marilyn Monroe stirbt und schwärmt für den rothaarigen Volker. Später ist sie in einen Mann verliebt, der im Buch nur «M. » genannt wird. Sie hat mit ihm das, was man heute eine «On-Off-Beziehung» nennt, die erst beendet ist, als sie Bruno trifft. Bruno - es ist Liebe auf den ersten Blick. Ihrer Mutter schreibt sie: «Er ist die vollkommene Verkörperung meines Typs: groß, dunkel  mit einem sehr ausdrucksstarken Gesicht. Und er ist so geistreich, so charmant und höflich - und trotzdem irgendwie schüchtern.»

Mit Bruno ist Alice Schwarzer fast zehn Jahre zusammen, sie sprechen sogar über Kinder - eine Tochter soll es natürlich sein, die Alice Schwarzer auf die damals sehr renommierte Odenwaldschule schicken will. Mal sind Alice und Bruno hunderte Kilometer voneinander getrennt - wenn sie bei den Düsseldorfer Nachrichten volontiert oder für die Zeitschriften pardon und Film und Frau arbeitet. Mal leben sie auf engstem Raum zusammen, in einer Traumwohnung im Pariser Montparnasse-Viertel.

Alice Schwarzer und die Liebe zu Frauen

In Paris arbeitet sie als Korrespondentin, unter anderem schreibt sie für den Stern und den Spiegel. Sie trifft die Ikone der Linken, Jean-Paul Sartre, und später dessen langjährige Lebensgefährtin Simone de Beauvoir. Mit beiden wird sie befreundet sein, besonders mit Simone de Beauvoir, mit der sie eng für die französische Frauenbewegung zusammenarbeitet.

Ihren Kampf für Frauenrechte führt sie in Deutschland fort. Dafür verlässt sie Paris und damit auch Bruno. «Meine Rückkehr nach Deutschland bedeutet also die Trennung von Bruno. Doch die Kluft zwischen Einsicht und Gefühl ist groß. Und ich habe bis heute ein schweres Herz, wenn ich an diese Monate der Trennung denke.» In Deutschland verliebt sie sich erstmals in eine Frau, in Ursula.  Aber die Beziehung ist nicht so wie die, die sie mit Bruno hatte. Eine solche soll sie erst viele Jahre später eingehen. Auch wieder mit einer Frau, mit der sie auch heute noch zusammen ist. Wer sie ist, verrät Alice Schwarzer nicht: «Wir sind ein offenes Paar, aber kein öffentliches. Und so wird es bleiben.»

Von wegen - humorlose Männerhasserin

Bei der Lektüre von Alice Schwarzers Buch wird schnell klar, dass das Image, welches ihr dank schlechter und geschmackloser Berichterstattung und dummen Vorurteilen anhaftet, nichts mit der Realität zu tun hat. Die Frau, die Alice Schwarzer beschreibt ist keine stumpfsinnige Männerhasserin, die alles Männliche verdammt. Es ist eine Frau, die sich leidenschaftlich für Gerechtigkeit einsetzt und dabei immer gerecht ist und nicht selten Humor beweist.

Und mit noch einem Vorurteil räumt Alice Schwarzer auf. Frauenrechtlerinnen sind keineswegs unattraktiv. Alice Schwarzer hat immer großen Wert auf ihre Äußeres gelegt, hat Kostüme von Yves Saint Laurent und Dorothée Bis getragen und sich in ihrer Teenagerzeit die Röcke von ihrer Großmutter so eng schneidern lassen, dass sie beim Einsteigen in den Bus nicht die Treppen steigen konnte, sondern sich an der Stange hochziehen musste.

Titel: Lebenslauf
Autorin: Alice Schwarzer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 512
Preis: 22,99
Erscheinungsdatum: 15. September 2011 

car/wie/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Momo
  • Kommentar 1
  • 15.09.2011 20:08

Wenn ich eure Kommentare so lese, bedaure ich zunehmend, hetero zu sein. Ich hoffe doch sehr, nicht alle Männer denken so, sonst muss ich wohl ins Kloster gehen.

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