Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein - 12.08.2009, 16.00 Uhr

Arte-Doku «Der Sommer 1939»: Die Hitze vor dem Sturm

Es gibt Jubiläen, die man am liebsten vergessen würde. Den 1. September 1939 zum Beispiel. Eine gut recherchierte und fast perfekte Arte-Dokumentation erinnert an den Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren und seine «heiße» Vorgeschichte.

Auch Marcel Reich-Ranicki erinnert sich im Film an die Wochen vor dem Kriegsausbruch. Bild: WDR/Arte

Eigentlich war der August des Jahres 1939 viel zu schön, um auch nur einen Gedanken an Krieg zu verschwenden. «38 Grad, es wird zu heiß, um etwas zu unternehmen», zitiert der Film aus dem Tagebuch eines polnischen Mädchens. Der deutsche Wetterdienst bestätigt: «Zunächst noch warm und schwül, später Abkühlung von Westen», schnarrt die Stimme über den Äther. Ganz Europa schwitzt – von London bis Warschau, von Rom bis Moskau. In diesen Augusttagen ist nur der Krieg kalt.

Die Hitze über dem Kontinent ist mehr als eine klimatische Randnotiz. Irgendwie ist sie auch ein Symbol für die bedrückende Stimmung, die auf Europa lastet. Allein: Die Menschen wollen die Gefahr nicht wahrhaben. Der letzte Weltkrieg liegt gerade 20 Jahre zurück. «Die Nerven des deutschen Volkes sind ermüdet», berichtet der amerikanische CBS-Reporter William Shirer nach Hause. Die Hitze betäubt die Sinne – und den Geist. Nicht nur in Deutschland. «Lieber ein Sklave sein als Krieg führen», schreibt ein französischer Schriftsteller. Und trifft damit die Stimmung der Mehrheit. Der Gedanke an Krieg wird in diesem Sommer weit weg geschoben. Nur der «wilde Mann in Berlin» will ihn, braucht ihn. Wenn auch nicht ganz so schnell, wie er schließlich kommt.

Nina Koshofer und Mathias Haentjes, die Autoren des Films, schaffen es, die Atmosphäre dieses hitzigen Sommers anschaulich, fast schon greifbar zu machen. Es gelingt ihnen durch eine Polyphonie der Stimmen, durch Zeitzeugen in ganz Europa, die lebhaft zu erzählen wissen, was in diesen Tagen vor sich ging. Der gemeinsame Nenner ihrer Berichte lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Naivität. Die Menschen in Europa saßen auf einem Pulverfass und merkten es nicht. «Für uns Briten war Polen eigentlich nur irgendein weiteres Land in Europa», erinnert sich der in Großbritannien bekannte Komiker Dennis Norden. So wie die Tschechoslowakei, die Hitler bereits zerschlagen, so wie Österreich, das der Führer «heim ins Reich» geholt hatte.

In der Downing Street in London fegt der britische Premierminister Neville Chamberlain in diesen Tagen die Scherben seiner Appeasement-Politik zusammen. «Das Leben ist nichts als ein langer Abtraum», schreibt er seiner Schwester. Chamberlain – britischer Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle – hat Hitler gewähren lassen, ist dem «schwärzesten Teufel» beim Münchner Abkommen im Herbst 1938 weit entgegengekommen. Im Sommer 1939 steht Polen auf dem Spiel. Es wird gepokert und gelogen. Die Nazis verbreiten die Mär von polnischen Übergriffen auf Danzig, das seit Versailles dem Völkerbund untersteht. Die Polen selbst nehmen die Lügen gelassen hin. Noch. Sie wähnen sich in Sicherheit. Frankreich und Großbritannien werden Warschau im Kriegsfall schon beistehen.

Und was macht Hitler? Deutschland braucht den Krieg – bald. Ein Fünftel des Bruttosozialprodukts steckt bereits in der Kriegsproduktion. Schulden zahlen die Nazis mit ungedeckten Wechseln. Hitler arbeitet gezielt auf den Krieg hin. Nur durch Raubzüge im Osten lässt sich vermeiden, dass die deutsche Wirtschaft in den Ruin schlittert. Die Herrschenden in Berlin sind nicht nur Verbrecher, sondern auch Dilettanten. Auf jedem Gebiet. An dieser Stelle hätte dieser sonst hervorragende Film noch deutlicher werden müssen.

Im August wird der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen. Er kommt für die Nazis wie eine Erlösung. Jetzt scheinen die Deutschen freie Hand für einen Überfall auf Polen zu haben. Großbritannien werde es nicht mehr wagen, Warschau zur Hilfe zu eilen. Glaubt Hitler. Eine fatale Fehleinschätzung. Denn Chamberlain hat seine Taktik geändert. Die Nachricht vom englisch-polnischen Vertrag über wechselseitigen Beistand trifft Hitler wie ein Hieb. «Hitler ließ Angst erkennen», erinnert sich Carl Jacob Burckhardt nach einem Besuch in der Reichskanzlei.

Für einen Rückzieher ist es zu spät. In den Morgenstunden des 1. September endet der «Nervenkrieg» (Marcel Reich-Ranicki). Der Zweite Weltkrieg beginnt mit Schüssen auf die Westerplatte in Danzig. Der Weltenbrand ist entfacht. Europa schlittert in einen Krieg, der die Weltpolitik bis heute prägt. Dummheit, Überheblichkeit und groteske Fehleinschätzungen haben ihn ermöglicht. Das zeigt der Film auf beeindruckende Weise. Nur: Es wäre wohl nicht anders gekommen, wenn es im Sommer 1939 nur geregnet hätte.

Der Sommer 1939, Arte, 12.8., 21 Uhr.

voc/news.de

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