Von news.de-Redakteur Sebastian Haak - 16.11.2009, 05.57 Uhr

Arbeiten in den Niederlanden: «Netto bleibt oft mehr übrig»

Etwa 150.000 Deutsche verlassen jedes Jahr das Land, viele auf der Suche nach einem neuen Job. Dabei aber gibt es Stolperfallen: Wie man die in den Niederlanden umgeht, erklärt Christian Pick im Gespräch mit news.de.

Arbeiten in den Niederlanden - der Weg über die Grenze ist kurz. Bild: ddp

Welche Chancen haben deutsche Bewerber auf dem niederländischen Arbeitsmarkt?

Pick:Grundsätzlich sehr gute, allerdings sind diese von einigen Faktoren abhängig. Niederländische Sprachkenntnisse und eine fundierte Ausbildung sind von Vorteil und erhöhen die Chancen beträchtlich.

Und welche bürokratischen Hürden gilt es zu überwinden, um dort arbeiten zu dürfen?

Pick: Eigentlich keine, da im Rahmen der Freizügigkeit innerhalb der EU keine Hemmnisse für EU-Bürger gelten dürfen. Man meldet sich bei der Gemeinde an, beantragt eine Sozialversicherungsnummer und sucht sich eine Krankenversicherung.

Unterscheiden sich Bewerbungen in den Niederlanden vom Aufbau her von denen in Deutschland?

Pick: In den Niederlanden sind Bewerbungsmappen mit Lichtbild und einer Sammlung aller Arbeitszeugnisse und Abschlüsse völlig unbekannt. Man bewirbt sich kurz und knapp per E-Mail mit seinem Lebenslauf und einem Motivationsbrief und gibt gegebenenfalls Referenzen an. Dieser Lebenslauf kann in deutscher Sprache aufgestellt sein, das Motivationsschreiben sollte aber nach Möglichkeit in niederländischer oder englischer Sprache erstellt werden. Eine Übersicht der wichtigsten Punkte haben wir auf unserer Seite veröffentlicht.

Wie sieht der Lebenslauf formal aus?

Pick: Der Lebenslauf unterscheidet sich in einigen Punkten: ein Lichtbild ist ungebräuchlich. Zudem werden üblicherweise Referenzen angegeben.

Und inhaltlich?

Pick: Es ist üblich, dass man in seinem Lebenslauf die einzelnen Berufsstationen umfassender beschreibt: Was habe ich konkret gemacht, hatte ich Personal- oder Umsatzverantwortung?

Initiativbewerbungen können in Deutschland ja durchaus erfolgreich sein. Wie sieht es damit in den Niederlanden aus?

Pick: Auch in den Niederlanden ist es ein probates Mittel, um sich von der Masse der Bewerber abzuheben.

Angenommen, ein Bewerber wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Wo stehen hier die Fettnäpfchen?

Pick: Spricht man kein Niederländisch, sollte man sich hierfür am Anfang des Gespräches entschuldigen und nicht wie selbstverständlich Deutsch sprechen. Ein paar vorbereitete Sätze auf Niederländisch tragen zu einem positiven Gesprächsbeginn bei. Es wird absolut nicht erwartet, dass man alles weiß oder auf alles eine perfekte Antwort hat. Genau dies kann sogar im schlimmsten Fall als Besserwisserei ausgelegt werden. Besser ist es, auch mal nachzufragen. Man sollte zeigen, dass man sich vorab mit dem Unternehmen beschäftigt hat und in groben Zügen weiß, was einen in den Niederlanden erwarten wird.

Unterscheidet sich der Dresscode von dem hierzulande?

Pick: Grundsätzlich sind Niederländer etwas legerer gekleidet, häufig sieht man männliche Geschäftsleute ohne Krawatte oder Frauen in Jeans. Für das Vorstellungsgespräch würde ich jedoch ein formelles Äußeres empfehlen, damit ist man auf der sicheren Seite.

Welche Fragen einen Bewerber im Vorstellungsgespräch erwarten

Was erwartet einen Bewerber sonst noch bei einem Vorstellungsgespräch? Welche Fragen kann er erwarten?

Pick: Es kann sein, dass drei bis vier Gesprächsrunden geführt werden, da der niederländische Arbeitgeber sich ein möglichst genaues Bild machen möchte, wen er sich ins Unternehmen holt und ob diese Person zum Rest seiner Belegschaft passt. Aus diesem Grunde werden nach der ersten Runde auch häufig die zukünftigen Teamkollegen zu den weiteren Gesprächen hinzugezogen. Rechnen sollte man auch mit der Frage, ob man sich mit den Niederlanden als Wohn- und Arbeitsland auseinandergesetzt hat. Ein: «Ich habe in Deutschland keinen Job gefunden» als einzige Motivation wird nicht gerne gehört.

Woher kann ein Bewerber erfahren, welche Gehälter in seiner Branche üblich sind?

Pick: Grundsätzlich sind die Bruttogehälter etwas niedriger als in Deutschland - circa zehn Prozent. Allerdings liegen auch die Abzüge niedriger, sodass netto häufig mehr übrig bleibt. Man sollte zudem wissen, dass ein Urlaubsgeld in Höhe eines Monatsgehaltes gesetzlich verankert ist und dass fast alle Arbeitgeber eine Betriebspension anbieten. Weiterhin werden die Krankenkassenbeiträge nur vom Arbeitnehmer getragen und vom Nettogehalt bezahlt. Positiv ist jedoch, dass die Beitragssätze unabhängig vom Einkommen nur zwischen 85 und 150 Euro liegen.

Und danach? Wie viel Zeit muss man bis zu einer Entscheidung einrechnen? Und sollte man zwischendurch nachfragen, was aus der Bewerbung geworden ist?

Pick: Das ist unterschiedlich. Ich würde am Ende des Gespräches immer nachfragen, bis wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist. Weiter rate ich, nach dem Gespräch eine E-Mail zu schicken und sich für das Gespräch zu bedanken und sein ungebrochenes Interesse zu bekunden. Auch damit hebt man sich von dem Durchschnittsbewerber positiv ab.

Christian Pick ist Leiter der Rechts- und Personalberatung der Deutsch-Niederländischen Handelskammer. Er arbeitet in Den Haag.

ham/reu/news.de

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