Von news.de-Redakteurin Fabienne Rzitki - 28.01.2011, 10.04 Uhr

Lipödem: Fettzellen außer Kontrolle

Dicke Beine übersät mit schlimmen Dellen – das ist das hässliche Gesicht des Lipödems. Betroffen sind vorwiegend Frauen, die stark unter ihrem Äußeren leiden und Angst haben, dass die Beine immer dicker werden. Noch schlimmer: Die meisten Patientinnen bekommen nicht die dringend nötige Hilfe.

Dicker Hintern - nicht immer ist Übergewicht der Hauptschuldige. Bild: dpa

Schätzungen zufolge leiden fünf bis zehn Prozent aller Frauen an einem Lipödem. «Dabei handelt es sich um eine Krankheit mit einer umschriebenen Fettvermehrungauf bestimmte Zellen im Körper beschränkte Fettvermehrung an den Beinen, die vor allem Ober- und Unterschenkel betrifft», erklärt Professor Dr. Wilfried Schmeller, Facharzt für Dermatologie an der Hanse-Klinik in Lübeck, einer Fachklinik für LiposuktionFettabsaugung .

Flüssigkeit sammelt sich in den Beinen und es bilden sich krankhafte, unansehnliche ÖdemeSchwellung des Gewebes aufgrund einer Einlagerung von Flüssigkeit . Sie verursachen Druck- und Spontanschmerzen. Die Frauen sind berührungsempfindlich, klagen über ein Spannungsgefühl in den Beinen. Vor allem abends und an heißen Tagen machen ihnen die Beine zu schaffen. Überdies neigen Betroffene häufig zu blauen Flecken, die schon bei kleinen Stößen auftreten.

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Besonders auffällig: Der Oberkörper der Frauen ist meist schlank, Po und Beine sind dagegen sehr kräftig ausgeprägt und passen optisch nicht zum Rest des Körpers. Das Fatale: Die Krankheit ist chronisch und wird mit der Zeit immer schlimmer. Fettvermehrung und Wassereinlagerungen in den Beinen nehmen weiter zu, die Schwellungen werden immer sichtbarer.

Unterschiedliche Schweregrade

«Zu Beginn ist die Haut noch glatt, das Unterhautgewebe eben und gleichmäßig. Im zweiten Stadium treten deutliche Unebenheiten der Hautoberfläche aufgrund von Knotenbildungen in der Unterhaut auf. Im dritten Stadium finden sich große Deformationen am stark geschwollenen Bein», sagt der Experte. Teilweise können im fortgeschrittenen Stadium - durch hängende Fettlappen an den Oberschenkel- und Knie-Innenseiten - auch Gehbehinderungen auftreten. «Haut und Unterhaut sind dann deutlich verhärtet und im Extremfall besteht ein ‹Elefantenbein›», erklärt Schmeller.

Die Ursachen sind noch nicht geklärt. Vermutet wird, dass hormonelle Einflüsse eine große Rolle spielen, da das Lipödem erst nach der Pubertät oder nach einer Schwangerschaft auftritt. «Wir wissen, dass Frauen vor der Periode oder bei einer Hormonbehandlung vermehrt Ödeme einlagern können», sagt Dr. Christian Schuchhard von der Klinik Pieper in St. Blasien-Menzenschwand. Zudem wird angenommen, dass die Neigung zu einem Lipödem anlagebedingt - also vererbbar - ist. «In vielen Familien, aber nicht in allen, sind die Mutter oder Großmutter ebenfalls betroffen», sagt Schmeller.

«Die Erkrankung ist immer noch vielen Leuten unbekannt - sowohl Betroffenen als auch Ärzten und Physiotherapeuten.» Deshalb wurden und werden noch immer unsinnige Therapien wie Diäten, Training der betroffenen Körperstellen oder Medikamente empfohlen. In vielen Fällen dauert es sehr lange, bevor eine exakte Diagnose gestellt wird.

Diäten und Sport helfen nicht

Das liege vor allem am schleichenden Krankheitsverlauf. Die Beschwerden würden zunächst ignoriert. Deshalb hätten viele Betroffene einen jahrelangen Leidensweg ohne Behandlung hinter sich, bevor sie zum Arzt gehen. «Es gibt deutliche Zeichen für ein Lipödem: Im Zuge der Pubertät ist eine deutliche Gewichtszunahme an der Hüfte und den Oberschenkeln zu erkennen», so Schuchhard. Mädchen, die sich über eine unerklärbare Gewichtszunahme in diesen Bereichen wundern, sollten alarmiert sein.

Die Frauen leiden stark unter ihrem optischen Erscheinungsbild und den Schmerzen. Selbst können die Betroffenen jedoch wenig gegen die Krankheit ausrichten, denn «das Fett in den Beinen lässt sich - im Gegensatz zum Fett bei Übergewicht - nicht durch Sport oder Diäten reduzieren», betont Schmeller. Das führt zu noch mehr Frustration, die sich schließlich in übermäßigem Essen und Gewichtszunahme äußert. Daher «besteht oft gleichzeitig mit dem Lipödem ein Übergewicht oder eine Adipositas». Schätzungen zufolge betrifft das etwa 75 Prozent der Patientinnen. Die Frauen entwickeln infolgedessen nicht selten Depressionen.

Fettabsaugen - Fluch und Segen

Das Lipödem ist nicht heilbar. Wird es jedoch früh erkannt, können Ödeme durch das Tragen von Kompressionsstrümpfen vermieden werden. Sind Ödeme vorhanden, werden diese «durch eine konservative TherapieBehandlung eines Krankheitszustandes mit Hilfe medikamentöser Therapie(en) und/oder physikalischen Maßnahmen beseitigt», sagt Schmeller. «Diese erfolgt als physikalische Entstauungsbehandlung.» Dabei handelt es sich um eine Kombination aus manueller Lymphdrainage, Krankengymnastik und dem Tragen von Kompressionsstrümpfen.

Zu Beginn der Krankheit wird die Behandlung zweimal täglich für 45 bis 60 Minuten über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen angewendet. Pro Tag und je Bein kostet das etwa 40 Euro, die die Krankenkasse bezahlt. «Ein Aufenthalt in einer Fachklinik ist nicht nötig», so Schuchhard. Nach der Therapie müssen die Frauen flachgestrickte Kompressionsstrumpfhosen tragen – ihr Leben lang. Eine kostet 400 bis 500 Euro.

Ist das Lipödem schon weit fortgeschritten, kann eine Fettabsaugung den Frauen helfen. Mittels Spezialsonde wird das krankhaft vermehrte Unterhautfettgewebe abgesaugt. «Das stellt die normale Körperform wieder her. Zusätzlich kommt es zu einer weiteren Besserung der Beschwerden», sagt Schmeller. Ein Teil der Operierten würde danach keine Entstauungstherapie mehr benötigen - für die Betroffenen ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität. Das Haar in der Suppe: Je nach Befund müssen die Patientinnen zwischen 3000 und 5000 Euro für die Operation auf den Tisch legen.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten der Absaugung nur in den seltensten Fällen, bedauert Schmeller: «Dies liegt daran, dass die Leistung Liposuktion nicht im Leistungsspektrum der Kassen enthalten ist. Nur in sehr wenigen Einzelfällen erstatten sie die Kosten auf Kulanzbasis. Ein Anrecht auf die Kostenübernahme besteht somit leider nicht.» Lediglich die physikalische Entstauungsbehandlung bezahlen die Kassen. Frauen, die sich das Fettabsaugen nicht leisten können, müssen weiter leiden.

sis/ham/sua/ivb/news.de

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