Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 10.02.2010, 19.17 Uhr

Trennung im Alter: Wenn die Ehefrau nicht mehr richtig tickt

Die meiste Zeit ihres Lebens haben sie miteinander verbracht. Trotzdem lassen sich immer mehr ältere Ehepartner nach langjähriger Beziehung scheiden. News.de spricht mit Professorin Insa Fooken über Gründe und Chancen von Trennungen im Alter.

«Was bedeuten wir uns eigentlich?»: Viele Paare haben im Lauf der Ehe ihre Gefühle füreinander verloren und gehen getrennte Wege. Bild: ddp

Früher galten Scheidungen lang verheirateter Ehepaare als exotische Einzelfälle. Das Tabu bröckelt aber – wie kommt das?

Insa Fooken: Dass das Tabu bröckelt, mag damit zusammenhängen, dass eine Scheidung auch nach langjähriger Ehe heute gesellschaftlich eher akzeptiert ist als noch vor einigen Jahrzehnten und dass die Bereitschaft sich zu trennen, auch wenn man es lange irgendwie miteinander ausgehalten hat, gestiegen ist. Es ist eben nicht mehr so, dass man sich an Pflicht- und Treuegebote gebunden fühlt. Vielmehr achtet jeder darauf, dass er seinem eigenen Glücksanspruch gerecht wird und sich selbst verwirklichen kann. Sich zu trennen gilt als normal; man kommt eher in Rechtfertigungsnot, wenn man in einer für einen selbst krank machenden oder unbefriedigenden Ehesituation bleibt. Manche Ehepartner haben sogar den Eindruck, dass sie sich rechtfertigen müssen, dass sie schon so lange und glücklich zusammen sind.

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Trennung im Alter, späte Scheidung - ist das ein neuer Trend?

Fooken: So neu ist der Trend gar nicht mehr. Dass immer mehr Ehen nach der Silberhochzeit geschieden werden, ist seit etwa 15 Jahren zu beobachten. Ich würde nicht unbedingt von einem Trend sprechen. Vielmehr stellt diese Entwicklung ein demografisches Abbild unserer Gesellschaft dar: Weil die Menschen immer älter werden, gibt es heute auf der einen Seite immer mehr Ehepaare um die 50 oder 60, die seit vielen Jahren beziehungsweise Jahrzehnten verheiratet und zusammen relativ alt geworden sind. Das sind oftmals Paare, die noch in der traditionellen Rollenverteilung aufgewachsen sind. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viel mehr Paare als früher, die sich nach langjähriger Ehe voneinander trennen. Das scheint auf dem ersten Blick ein paradoxes Phänomen zu sein; beide Aussagen stimmen aber.

Früher hat man zähneknirschend ausgeharrt

Geben sich Partner, die von der klassischen Rollenverteilung geprägt wurden, mehr Mühe, ihre Ehe zu retten oder zu erhalten?

Fooken: Man kann es so formulieren, dass die Bereitschaft zugenommen hat, die Flinte schnell ins Korn zu werfen, wenn etwas nicht gut läuft. Früher waren die Scheidungsbarrieren aber auch höher, sodass man schwierige Ehesituationen eher ausgehalten hat beziehungsweise aushalten musste. Und möglicherweise lebten viele ältere Ehepartner in dem Bewusstsein, dass es in einer Beziehung nun einmal Höhen und Tiefen gibt, dass es Phasen gibt, die belastend und anstrengend sind, dass man an Trennung denkt, sie aber nicht vollzieht. Das betrifft zum Beispiel die Frage des Umgangs mit außerehelichen Beziehungen: Da hat es früher oft ein zähneknirschendes Dulden oder Ausharren gegeben. Oder man hat ein Ultimatum gestellt, und der untreue Partner hat sich für die bestehende Ehe entschieden. So etwas kann man «sich mehr Mühe geben» nennen.

Sie haben Menschen befragt, die sich nach langer Ehe getrennt haben. Was war für Sie die erstaunlichste Erkenntnis?

Fooken: An unserer Studie haben drei unterschiedliche Geburtsjahrgänge teilgenommen: Personen, die um das Jahr 1930 herum geboren wurden sowie die Geburtenjahrgänge um 1940 und um 1950. Im Schnitt waren die Paare 26 Jahre verheiratet, bevor sie sich getrennt haben. Interessant war, dass die Jahrgänge 1930 und 1940 fast gleich lange Ehen hatten, was damit zusammenhängt, dass Angehörige des Jahrgangs 1930 aus zeitgeschichtlichen Gründen später geheiratet und stärker darauf geachtet haben, dass sie nach dem Kriegsende etabliert waren. Bei dem Jahrgang kam es oft vor, dass sich die Leute getrennt haben, formal aber verheiratet blieben – meist aus finanziellen Gründen. Beim Jahrgang 1940 war sehr interessant, dass es sich um eine Kriegskindergeneration handelt, die oft sehr lange in konfliktreichen und sehr schwierigen Ehebeziehungen ausgeharrt hat. Viele aus diesem Jahrgang haben, ohne dass es ihnen bewusst war, darauf gewartet, dass ihre alte Mutter stirbt, zu der sie eine enge Beziehung hatten. Erst danach konnten sie zum ersten Mal auf ihre Ehe schauen und feststellen, wie diese Beziehung lief, um dann eventuell die Entscheidung zu treffen, sich zu trennen.

Was kann sonst noch der Anstoß für eine Trennung im Alter sein?

Fooken: Es gibt eine Vielfalt von Gründen. Da gibt es das klassische Muster, dass - meistens der Mann – eine weitere Beziehung hat, dass sich die Ehepartner entfremden, dass die Kinder aus dem Haus sind oder dass die Eltern sterben. Vielen wird in solchen Situationen plötzlich klar, wie endlich das eigene Leben ist und dass sie Unvereinbarkeiten jahrelang beiseite geschoben und nur noch die Fassade ihrer Ehe aufrechterhalten haben. Meist kann man gar nicht sagen, dass der Bruch eine Ursache hat, meist handelt es sich um eine Gemengelage verschiedener langfristiger und chronisch wirkender Gründe, die zu einer wachsenden Unzufriedenheit und Entfremdung führen.

Männer verstehen die Welt nicht mehr

Wer ergreift häufiger die Initiative für eine Trennung im Alter: Frau oder Mann?

Fooken: Generell ist es so, dass eher die Frauen die Initiative für eine Trennung ergreifen, weil Frauen klare Verhältnisse wollen und Männer sich eher arrangieren können mit einer unerfüllten Ehe. Bei den langjährigen Ehen ist das aber nicht ganz so eindeutig wie bei jüngeren Beziehungen. Da kommt es auch vor, dass Männer den Schlussstrich ziehen, weil es eine andere Frau gibt, die Druck macht.

Gibt es Unterschiede in der Art und Weise, wie Frauen und Männer sich nach langer Ehe trennen?

Fooken: Männer trennen sich in der Tat oft erst, wenn sie eine neue Partnerin gefunden haben. Frauen, die sich trennen wollen, riskieren es auch einmal, alleine zu bleiben. Sie wirken dabei oft sehr viel radikaler. Es gibt einen Satz, der in der Studie von fast allen Männern geäußert und von fast allen Frauen über die Männer gesagt wurde - nämlich: «Da ist er aus allen Wolken gefallen.» Männer reagieren oft sehr überrascht, wenn sie mit Trennungswünschen ihrer Partnerin konfrontiert werden. Aus ihrer Sicht fallen ihre Ehefrauen urplötzlich aus der Rolle, die sie jahrzehntelang gespielt haben. Sie ticken nicht mehr richtig oder vertreiben sie (die Männer, Anm d. Red.) aus dem Paradies.

Ist es denn eine urplötzliche Entscheidung, wenn Frauen sich trennen wollen?

Fooken: Nein, im Gegenteil. Bei den Frauen ist es eher ein langer Gärungsprozess, es ist kein Schritt, den sie aus einer Laune heraus tun, sondern vielmehr eine logische Konsequenz. Männer erleben das als einen Bruch und verstehen die Welt nicht mehr. Die Männer schaffen die Umstände einer Trennung und die Frauen vollziehen sie, lautet eine Weisheit aus der Scheidungsforschung. Eine andere lautet: Die Frauen leiden vorher und beenden dann ihr Leid, trauern danach zwar noch, weil ein Lebensentwurf zu Ende geht. Sie sind dann aber auch diejenigen, die die Trennung als das Öffnen eines neuen Lebensraumes, als eine neue Freiheit sehen. Bei den Männern ist es so, dass sie vorher oft nichts mitkriegen und deshalb nicht leiden, aber mit der Trennung in ein Loch fallen. Deswegen kriechen sie gerne in einer neuen Beziehung unter, in der sie sich wieder aufgehoben fühlen können.

Wie erleben ältere Getrennte eine neue Partnerschaft?

Fooken: Dazu gibt es wenige wissenschaftliche Erkenntnisse. Aus der amerikanischen Scheidungsforschung lässt sich folgern: Die Chancen für eine nachfolgende Beziehung sind eigentlich auch nicht so gut. Denn man nimmt quasi eine schwierige Beziehungshypothek mit und macht eine Neuauflage der Fehler, die man vorher schon gemacht hat, oder man macht genau das Gegenteil, und das ist dann auch nicht sonderlich hilfreich. Allerdings: So einfach lassen sich die Erkenntnisse aus den USA nicht auf Deutschland übertragen, denn in den Vereinigten Staaten wird schneller geheiratet und schneller geschieden.

Man kann aber sagen: Die Chancen für eine gute neue Beziehung im Alter sind dann gut, wenn die alte Beziehung nicht wie ein Stachel im Fleisch steckt. Wenn man tatsächlich ein Stück reflektiert hat, was in der alten Beziehung falsch gelaufen ist und eine Zeit des autonomen Lebens hatte. Wenn man vor dem Hintergrund dieser Lebenserfahrung eine bewusste Entscheidung für eine neue Beziehung trifft, dann hat diese Beziehung eine gute Chance. Wenn man aber hinein stolpert unter das nächste Dach, unter das man flüchten kann, dann wird es schwierig. Oder wenn man aus einer Trotzreaktion heraus eine neue Beziehung eingeht, nach dem Motto «Jetzt zeige ich es allen mal», oder weil man denkt, man muss in einer auf Partnerschaft ausgerichteten Gesellschaft unbedingt schnell wieder einen Partner haben. Wenn die Gründe für eine neue Partnerschaft also fremdbestimmt sind, dann haben die Nachfolgebeziehungen eher schlechte Karten.


Dr. Insa Fooken ist Professorin für Psychologie an der Universität Siegen. 

iwi/reu/news.de

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