16.09.2009, 14.07 Uhr

Oberschenkelhalsbruch: Früher Todesurteil, heute heilbar

Man mag es kaum glauben, noch vor 50 Jahren kam die Diagnose Oberschenkelhalsbruch oftmals einem Todesurteil gleich. Heute sterben deutlich weniger Patienten an der Verletzung.

Mit dem Alter steigt das Sturzrisiko und damit nimmt auch die Gefahr von Knochenbrüchen zu. Bild: ddp

Die Deutschen werden immer älter, was auch neue Herausforderungen an die Chirurgie stellt. Denn: Gerade bei älteren Menschen kommt es immer öfter zu Knochenbrüchen, wie beispielsweise dem Oberschenkelhalsbruch.

Er ist einer der kräftigsten Knochen des menschlichen Körpers - und doch müssen rund 135.000 Menschen pro Jahr nach einem Bruch des Oberschenkels operiert werden. Die Kosten für das Gesundheitssystem belaufen sich auf mehr als 1,2 Milliarden Euro im Jahr. Besonders häufig trifft es ältere Menschen ab 65 Jahren: Ein Stolpern über das frei liegende Kabel oder die kleine Unebenheit auf dem Bürgersteig - für Jüngere ist das meist nur ein kleines Missgeschick, für einen alten Menschen kann sich danach das Leben tiefgreifend verändern.

«Es reichen in vielen Fällen ganz geringe Krafteinwirkungen, manchmal ein Sturz aus dem Bett, und der Oberschenkel ist gebrochen», berichtet, Hans Joachim Herberhold, Unfallchirurg im Asklepios Westklinikum Hamburg. Denn die Knochen werden im Alter poröser, etwa durch Krankheiten wie Osteoporose. «Viele ältere Patienten finden die Diagnose Oberschenkelbruch ganz schrecklich, denn sie haben Angst um ihre vielleicht gerade noch notdürftig aufrechterhaltene Selbstständigkeit.»

Leider stimmt das häufig: Auf den Bruch folgt für viele ein langer Leidensweg. Meist bricht nach Stürzen der Knochen nah an der Hüfte; die Patienten erhalten dann in der Regel ein künstliches Hüftgelenk, weil das alte nicht mehr richtig durchblutet wird. Auch wenn der Knochen an anderen Stellen verletzt ist, muss meistens operiert werden. Mit Hilfe von Schrauben, Nägeln und Metallplatten werden die Bruchstücke dann in die richtige Lage gebracht. Ist zu wenig Knochensubstanz vorhanden, kann es nötig sein, Gewebe aus dem Becken zu verwenden.

Nicht mehr der Anfang vom Ende

Zwar ist der Oberschenkelbruch dank verbesserter Behandlungsmethoden nicht mehr der Anfang vom Ende, wie man vor Jahren noch fürchtete. Aber noch immer sterben in Deutschland bis zu 25 Prozent der älteren Patienten innerhalb der ersten zwölf Monate nach der Operation. Von den Patienten, die im Anschluss daran bettlägerig werden, endet die Verletzung gar für jeden Zweiten mit dem Tod.

Denn selbst wenn der Bruch gut verheilt ist, drohen Langzeitfolgen: Obwohl Ärzte moderne blutverdünnende Mittel einsetzen, entstehen durch Bewegungsmangel immer wieder Komplikationen wie Druckgeschwüre, Thrombosen, Lungenentzündungen oder Herzinfarkte. Zwar können die Patienten in den meisten Fällen schon bald nach der Operation wieder laufen. Aber mancher traut sich kaum noch aus dem Bett - aus Angst vor einem erneuten Sturz.

Dabei können die Betroffenen einiges tun, um die Risiken zu senken: Wer nach dem Eingriff regelmäßig Gymnastik betreibt und auch schnell wieder vor die Tür geht, hat gute Chancen, in sein vorheriges Leben zurück zu kehren. «Bei der Genesung kommt es stark auf die Einstellung und den Lebenswillen des Patienten an», bestätigt Herberhold.

Stürze vermeiden lernen

Gleich am ersten Tag nach der Operation müssen die Patienten das verletzte Bein wieder voll belasten und am Gehwagen die ersten Schritte tun. Intensive Krankengymnastik und eine an den Krankenhausaufenthalt anschließende Rehabilitation sollen die Betroffenen wieder auf die Beine bringen. Die dadurch gestärkten Muskeln helfen etwa, Gangunsicherheiten zu überwinden - und stärken die Knochen: «Fortschreitende Osteoporose lässt sich verringern durch Bewegung, Gymnastik, kalziumreiche Ernährung und unter Umständen eine medikamentöse Therapie», rät Herberhold.

Ratsam ist es auch, künftigen Stürzen vorzubeugen. Erster Schritt: Stolperfallen in der Wohnung aufzuspüren und zu beseitigen. Auch falsche Kleidung wie zu lange Hosenbeine, offene Pantoffeln oder rutschige Socken können ältere Menschen leicht zu Fall bringen. Treppensteigen wird im Alter ebenfalls zum Risiko: Vor allem auf der ersten und letzten Stufe ereignen sich die meisten Stürze, warnt das Deutsche Rote Kreuz. Wer zudem das Gefühl hat, dass bei ihm bestimmte Medikamente oder auch Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck Gleichgewichtsstörungen auslösen, sollte darüber mit seinem Arzt sprechen.

Solche vorbeugenden Maßnahmen sollten nach Ansicht von Experten auch Ältere ergreifen, die noch nie hingefallen sind. Denn laut Statistik stürzt jeder Dritte ab 65 mindestens ein Mal im Jahr.

car/juz/news.de/ap

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