Von news.de-Redakteurin Katharina Peter - 08.04.2009, 12.48 Uhr

Stürze im Alter: Teufelskreis der Angst

Wer als Kind stürzt, steckt dies oft leicht weg. Wenn aber ältere Menschen das Gleichgewicht verlieren, kann das schwerwiegende Folgen haben. Somit ist die Angst vor Stürzen ein verbreitetes Phänomen und schränkt häufig die Lebensqualität ein.

Senioren die an Sturzangst leiden, verlieren häufig noch schneller ihre Mobilität. Bild: ap

Es ist ein Teufelskreis. Wer stützt, verliert nicht nur durch Verletzungen kurzfristig seine Mobilität. Auch die Angst vor einem neuen Sturz führt dazu, dass jemand sich weniger bewegt. "Als Vorsichtsmaßnahme sozusagen2, erklärt Physiotherapeutin Katja Richter vom Klinikum Osnabrück.

Doch die verminderte Bewegung und damit sinkende Fitness sowie die Angst selbst steigern in dieser Kombination die Wahrscheinlichkeit eines neuen Sturzes. Schließlich ist der Betroffene aus der Übung und noch unsicherer auf den Beinen. Betroffen sind viele. 67 Prozent aller Menschen über 60 Jahre stürzen einmal im Jahr, sagt Richter.

Bis zum 30. Lebensjahr halten sich Zugewinn und Verlust bei der motorischen Entwicklung die Waage, erklärt Richter. Anschließend würden die Verluste tendenziell immer weiter überwiegen. Das finde natürlich auf ganz unterschiedlichem Level statt. Abhängig sei dies von Veranlagung, Bewegung und allgemeinem Gesundheitszustand.

Durch Untersuchungen wurde erkannt, dass Depressionen, die im Alter sehr oft eine große Rolle spielen, und der Verlust von Mobilität in Wechselwirkung zueinander stehen. Denn die Depressionen können von dem Verlust, sich frei bewegen zu können, herrühren. "Aber sie können auch der Grund dafür sein", so Richter.

Was die Stürze im Alter besonders verstärke, sei aber auch die Einschränkung von kognitiver Fähigkeit. "Vieles wird nicht mehr richtig eingeschätzt", sagt Richter. Wie etwa eine Strecke, die sich jemand zutraut, noch zu laufen, obwohl er gar nicht mehr die Kraft dafür hat. Aber auch die Risikobereitschaft würde sich im Alter stark ändern. Diese falsche Einschätzung gehe in beide Richtungen. "Im Alter überschätzen, aber unterschätzen sich auch viele", so die Physiotherapeutin.

Die These, dass Mobilität und Depressionen, Sturzangst und tatsächliche Stürze sich gegenseitig bedingen, konnte Richter bisher nur durch ihre Erfahrung mit Patienten, nicht aber durch statistische Untersuchungen stützen, räumt sie ein. Denn eine Studie, auf die sie sich bezogen habe, untersuchte nur die Einschätzung von 219 Teilnehmern selbst. Die Probanden mit einem Durchschnittsalter von 82,4 Jahren hätten zwar Fragen beantwortet zu ihren Fähigkeiten, in der Wohnung gehen zu können, auf die Toilette zu gehen und darüber wie selbstständig sie baden und duschen, sich an- und auskleiden, aber auch essen und trinken könnten. So hätten einige der Probanden angegeben, sie könnten noch zwei Minuten ohne Probleme rennen oder zehn Minuten Dauerlauf bestreiten.

Angaben, die Richter stark anzweifelt. Denn: "Ich glaube nicht, dass sich die Teilnehmer wirklich im Klaren waren, was zwei Minuten zu rennen tatsächlich bedeutet." Auch wurden die Angaben nicht überprüft, indem die Teilnehmer eine Runde durch den Park joggen mussten oder selbstständig aufstanden und sicher zehn Meter zurückgelegt hätten.

Lebensqualität bedeute, möglichst lange selbstbestimmt leben zu können. Und dazu gehöre auch, sich frei und ohne Angst in den eigenen vier Wänden, aber auch auf der Straße bewegen zu können. Deshalb rät Richter den Sturzgefährdeten zur Prävention. So könnten sie etwa ein Gleichgewichtstraining absolvieren. Das helfe der Selbsteinschätzung und stärke das Selbstbewusstsein. Ein Sturztraining dagegen hält sie für den falschen Weg. "Ich kann nicht mit alten Menschen, die vielleicht ein künstliches Gelenk, Angst oder Osteoporose haben, üben, wie man am besten hinfällt", so die Expertin.

Eine etwas radikalere Form der Prävention hat Professor Gabriele Meyer von der Universität Witten untersucht. So werden etwa sturzgefährdete Senioren in Pflegeheimen durch sogenannte Freiheitseinschränkende Maßnahmen (FEM) abgesichert. Verschiedene Formen sind etwa Gurtfixierungen am Bett oder Rollstuhl sowie Bettgitter oder am Stuhl fixierte Tische.

Für eine Studien haben Meyer und ihr Team über zwölf Monate 2553 Pflegeheim-Bewohner, deren Pflegepersonal und Angehörige beobachtet. 30 Einrichtungen haben für diese Studie ihre Türen geöffnet. Zum einen hat die Studie ergeben, dass die Maßnahmen von den Pflegeheimen sehr unterschiedlich eingesetzt werden. Durchschnittlich gab es pro Pflegeheim 4,4 Bewohner mit einer FEM. Am häufigsten kamen Bettgitter zum Einsatz. Aber auch Gurte und Stühle mit Tischen haben sich als gängige, wenn auch seltene Maßnahmen herausgestellt. Die Bewohner, bei denen FEM angewendet wurden, zeichneten sich vor allem durch hohen Pflegebedarf, vorhergehende Knochenbrüche durch teilweise wiederholte Stürze und kognitive Beeinträchtigungen aus.

Obwohl die freiheitseinschränkenden Maßnahmen immer wieder in der Öffentlichkeit für Empörung sorgen, habe Meyer festgestellt, dass diese sowohl das Pflegepersonal als auch besonders die Angehörigen gutheißen. Allerdings sind viele Ärzte wesentlich kritischer eingestellt. «Das Dilemma ist, dass der freie Wille zwar beschnitten wird, aber die FEM sich als bewährtes Mittel zur Sturzprävention erwiesen haben», so Meyer. "Verletzungen werden vermindert, aber die Lebensqualität sinkt erheblich."

Die Menschen, bei denen FEM angewiesen werden, seien häufig nicht mehr in der Lage, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen. Aber Meyer musste bei der Untersuchung auch feststellen, dass die Akzeptanz der FEM bei den Angehörigen steige, je seltener sie die Bewohner der Pflegeheime besuchen. Die betroffenen Patienten selbst wurden nicht befragt.

car

Empfehlungen für den news.de-Leser