Sa., 26.05.12

Psychologie der Haare 09.09.2009 Frisierter Spiegel der Seele

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Kein Körperteil lässt sich zur Selbstinszenierung so sehr manipulieren und modellieren wie die Haare. Bild: ddp

Von news.de-Redakteurin Katharina Peter

Ob lang oder kurz, wellig, kraus oder glatt, dick oder dünn, blond, schwarz, rot oder sogar blau: Haare sind einfach nicht zu übersehen und spielen eine große Rolle in der Wahrnehmung. «Nichts ist derart informationsträchtig», sagt Psychologe Dr. Ronald Henss.

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Denn Haare helfen das Gegenüber einer Gruppe oder Eigenschaft zuzuordnen und ein Urteil zu fällen. Sie geben Auskunft über Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand, signalisieren den sozialen Status und ordnen kulturell ein. Aber auch über die Persönlichkeit kann die Haarpracht einiges verraten. «Aber», so warnt Henss, «es gibt zwar grobe Regeln, aber keine simplen Gesetze, nach denen ein Mensch aufgrund seiner Haare aufzuschlüsseln ist.»

Haar, oder besser gesagt Fell und seine Zeichnung dient auch im Tierreich dazu, Zuordnungen vorzunehmen, erklärt Henss. Bei den Menschen treffe dieses in verstärktem Maße zu, weil sie im Gegensatz zu den Tieren gelernt haben, ihre Haarmasse zu bändigen und zu manipulieren. «Haare sind zwar tote Materie, sodass sie völlig schmerzfrei abgeschnitten werden können. Dennoch wachsen sie ständig nach», sagt Henss.

Deshalb sei selbst eine radikale Veränderung des Erscheinungsbildes, etwa durch Färben oder Abschneiden, immer wieder reversibel. «Das ist mit keinem anderen Teil des Körpers möglich», so der Psychologe. «Wenn man sich einen Arm abschneidet, dann ist das auch eine radikale Veränderung, aber der wächst nicht nach.» Deshalb sagt auch nicht so sehr die natürliche Haarfarbe oder Beschaffenheit etwas über die Persönlichkeit aus, sondern, welches Bild jemand daraus modelliert, um auf eine bestimmte Weise wahrgenommen zu werden.

So wurden Haare in der Weltgeschichte immer wieder benutzt, um eine kulturelle Zugehörigkeit auszudrücken. Vergleicht man etwa die typischen Frisuren in der altägyptischen Malerei mit den leicht gewellten Kurzhaarschnitten der römischen Kaiser, der etwas wilder und zotteliger wirkenden Kopfbedeckung der Wikinger oder den langen glatten Haaren der nordamerikanischen Ureinwohner, dann ist klar, dass Haare immer schon dazu gedient haben, sich in einem bestimmten Kulturkreis anzupassen, seine Zugehörigkeit zu signalisieren oder sich abzugrenzen.

Ausdruck von Konformität oder Protest

Diese Signale verändern sich ständig und können sowohl Konformität als auch Protest ausdrücken. «Ein Mann mit langen Haaren galt im Mittelalter als frei», sagt Henss. «In den 1960er und 1970er Jahren signalisierte er damit eine intellektuelle Haltung, die sich gegen die ältere Generation auflehnte. Heute könnte ein Mann mit langen Haaren, abhängig davon in welchem sozialen Umfeld er sich bewegt, wieder komisch wirken.» Diese Unterschiede und auch Subgruppierungen unterliegen zudem Modeerscheinungen und können sich schnell ändern.

Die kursierenden Allgemein-Tipps, wie man seine Haarpracht für ein Bewerbungsfoto herrichten sollte, um ein Vorstellungsgespräch zu ergattern, hält Henss für wenig hilfreich. «Man muss sich ansehen, welche Regeln innerhalb der Gruppe gelten, in die man einsteigen möchte», so der Haarpsychologe. Denn was etwa in einer Werbeagentur als besonders kreativ und positiv gelten kann und vielleicht den entscheidenden Sympathiepunkt bringt, ist für den Job in einer Bank eher hinderlich.

Besonders Frauen transportieren viel ihres Selbstbildes über die Haare. «Haare sind in der Wahrnehmung von Frauen eine starke sexuelle Komponente», sagt Henss. So käme es auch nicht von ungefähr, dass in einigen Kulturen die Frauen ihre Haare verbergen müssen, um die Männer nicht der Versuchung auszusetzen. Glänzende lange wallende Haare hätten eine besondere sexuelle Anziehungskraft. Geht die Geschmeidigkeit verloren, werden die Haare stumpfer, kürzer und ergrauen vielleicht auch noch, nimmt diese Attraktivität ab, sagt Henss. In Deutschland habe man beobachtet, so Henss, dass «unter jungen Frauen noch die Langhaarfriseur verbreitet ist, der praktische Kurzhaarschnitt in der Ehe Einzug hält und im Alter keine Frau mehr lange Haare hat.» Auch die Offenheit der Frisur oder die Strenge des Knotens im Nacken transportieren Signale.

Trauma Haarausfall

Während ein Großteil der Männer sich irgendwann in ihrem Leben damit abfinden müssen, dass sich der Schopf lichtet und sie sich ihrem Schicksal ergeben, ist für Frauen der Verlust von Haaren ein Trauma. «Damit verlieren sie einen Teil ihrer Weiblichkeit», erklärt Henss. Zumal der Haarausfall bei Frauen meist auf eine Krankheit hindeutet und beim Betrachter den Instinkt auslöst, besser Abstand zu halten.

Global gesehen hat der weit überwiegende Anteil der Menschen eine dunkelbraune bis schwarze Haarfarbe. Doch in Europa ist die Wahrnehmung eine andere. «Wir leben hier auf einer Insel der Variationen», sagt Henss. Vor etwa 100.000 Jahren sei erst in den nördlichen Ländern die blonde Haarfarbe entstanden, die sich zum Paradebeispiel für weibliche Sexualität entwickelt hat. «Das hat auch einen guten Grund», so Henss. Denn: Zum einen sind Frauen tendenziell blonder als Männer. Zum anderen dunkeln natürlich blonde Haare über die Jahre nach, sodass ein helles frisches Blond als attraktive Kombination aus weiblicher Sexualität und Jugend wahrgenommen wird. «Deshalb färben sich so viele Frauen auch blond», so der Experte.

Wer rote Haarpracht trägt, kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. «Rotblond, besonders in Kombination mit blasser Haut, kommt meist sehr schlecht weg», so der Psychologe. «Denn dieser Haarfarbe wird die Eigenschaft zugeschrieben, dass die Menschen überempfindlich sind.» Ist die Farbe dagegen leuchtend und feurig rot, dann vermutet der Betrachter eher einen leidenschaftlichen Charakter.

Glattes Haar ist wesentlich positiver belegt als krauses, wie es etwa bei afrikanischstämmigen Menschen der Fall ist. «Das wirkt einfach immer stachelig und drahtig», erklärt Henss. «Damit kann man nicht so viel anfangen. Die Variationsmöglichkeiten beim Frisieren sind viel eingeschränkter oder um einiges aufwendiger.» Ein weiterer Aspekt, den Henss hinter der Ablehnung, etwa der Afrokrause, vermutet: «Vom Haar lässt sich der Unterschied zwischen männlich und weiblich nicht mehr so leicht ablesen, wie bei glattem Haar.»

juz/news.de
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