Sa., 26.05.12

Erklärbar unerklärlich 09.06.2011 Wenn Hellseher im Dunkeln tappen

Hellseher (Foto)
Michael Kunkel sammelt Prognosen von Wahrsagern und wertet sie aus: «Das meiste war so schwammig und allgemein formuliert, dass man nicht von Treffern sprechen kann», sagt der Mathematiker. Bild: dapd

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus

Eine Seherin hat die US-Behörden aufgeschreckt: Auf einem Grundstück sollten Kinderleichen liegen, sagte das Medium. Doch Polizisten fanden nichts. Dabei haben Wahrsager in den USA einen guten Ruf - die CIA hatte gar eine ganze Abteilung für sie.

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In einer Polizeistation in Texas klingelt das Telefon, eine Frau am Apparat: «In einem Haus liegen 30 Leichen, auch Kinder - verstümmelt.» Die Hellseherin will die Leichen gespürt haben und alarmierte die Polizei.

Als die Beamten mit Hubschrauber und FBI an dem Haus ankommen - mittlerweile haben auch Zeitungen und Fernsehsender die Sensation gewittert - entdecken die Ermittler zwar Blutspuren und einen üblen Geruch, aber keine Leichen.

Stundenlang durchsuchen Polizisten das Areal, Leichenspürhunde kommen zum Einsatz, berichtet der Houston Chronicle. Sie finden: nichts. Der Bewohner des Hauses, ein Fernfahrer, hat für den Geruch und das Blut einfache Begründungen. In einer abgeschalteten Tiefkühltruhe vergammelt gerade Fleisch und der Freund seiner Tochter hat sich vor einigen Wochen im Rausch die Pulsaden aufgeschnitten - daher das Blut und der Gestank. Ungewöhnlich und unheimlich. Mehr nicht. 

Maddie lebt wie eine Prinzessin in Marokko

Die Hellseherin hat sich geirrt, und es stellt sich wieder einmal die Frage: Was können Wahrsager? Und: Was können sie nicht?

Kurz nach dem Verschwinden von Maddie McCann schalteten sich auch hier Hellseher ein. Eine Frau aus Österreich, Rosalinde Haller, war der festen Überzeugung, Maddie befinde sich in Marokko, lebe bei einer Familie, die sie behandele wie eine Prinzessin. Maddie wurde bisher nicht gefunden.

Im Oktober letzten Jahres zeigte der Sender RTL die Sendung Das Medium. In drei Fällen nahm die in der Schweiz lebende Autorin und Sterbebegleiterin Kim-Anne Jannes Kontakt zu Verstorbenen auf. Großspurig versprach der Sender, das Medium werde wichtige Hinweise zum Tod des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel liefern. Es blieb bei einfachen Aussagen und Gerüchten.

1919 wurden Hellseher als Polizisten eingesetzt

Auch Untersuchungen, ob die Vorhersagen von Wahrsagern für ein neues Jahr stimmen, zeigen: Mehr als leere Worthülsen gibt es von der paranormalen Seite nicht. Allgemeine Aussagen werden oft in sensationell klingende Worthülsen verpackt - mehr nicht. 

Dabei hat die Zusammenarbeit der Staatsgewalt mit übersinnlichen Kräften lange Tradition. Schon 1919 versuchte ein Leipziger Polizeibeamter, Fälle mit einem bekannten Telepathen aufzudecken. Er war überzeugt davon, die Aufklärungsquote so steigern zu können. Der Polizist inszenierte mehrere Fälle, um den Erfolg der Methode zu testen - manchmal mit Erfolg, manchmal ohne.

Kurze Zeit später eröffnete in Wien ein «Institut für kriminaltelepathische Forschung», in Deutschland gab es eine ganze Schar von Hellsehern, die der Polizei bei ihren Kriminalfällen half. Die berühmteste von ihnen: Elisabeth Günther-Geffers, die nicht nur die Polizei für sich einnahm, auch die Zeitungen waren von ihr ganz angetan. In einigen spektakulären Fällen wurden Hellseher zu Rate gezogen: sie fanden Leichen, Hinweise - aber meist keine Täter.

Rund 50 Jahre lang standen Telepathen den Ermittlern zur Seite: Erst in den 1970er Jahren verließen sich die Kriminologen dann lieber auf ihre eigene Wissenschaft. Das so genannte Cold Reading - das Beobachten menschlicher Verhaltensweisen - nahm jedoch einen Teil der «hellseherischen» Arbeitsweisen auf.

20 Millionen Dollar für die eigene Hellseher-Truppe

In Indien hingegen, wo man dem Übersinnlichen gegenüber weiterhin aufgeschlossen ist, setzt der Geheimdienst seit 2004 Hellseher ein. Und die USA ließen im Kalten Krieg nichts unversucht und investierten 20 Millionen Dollar in das Projekt «Stargate», das mit Wahrsagern arbeitete. Der Erfolg: die Entdeckung eines U-Boots. Nach einigen Jahren entschied man sich, das Projekt einzustampfen: Experten empfahlen, kein Geld mehr für «diese Art von Spionage» auszugeben. Der berühmteste Hellseher aus dem Programm, Joseph McMoneagle, bekam Jahre später eine eigene Show in Japan.

In Texas, wo dutzende Polizisten das verdächtige Grundstück untersuchten, wird man in Zukunft wohl vorsichtiger mit dem Glauben an Hellseher sein. Nach der Suchaktion und dem großen medialen Interesse sagte ein Sprecher der dortigen Staatsanwaltschaft beschwichtigend: «Die Frau ist als psychisch krank bekannt.» Alle Aufregung: umsonst.

iwi/news.de/dapd
Leserkommentare (2) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • goldengirl
  • Kommentar 2
  • 19.09.2011 21:44
 

Auch Hellseher/innen sind letztendlich Menschen, die bei ihrer Arbeit selbstverständlich eine Fehlerquote aufweisen. Ganz davon abgesehen gibt es natürlich viele geldgeile Scharlatane. Ich persönlich weiß, daß die wenigen wirklichen Könner/innen, viel mehr helfen könnten, wenn sich nicht immer die Presse einmischen würde. Öffentlicher Druck ist Gift für diese Art von Tätigkeit.

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  • Grünpfeil
  • Kommentar 1
  • 09.06.2011 13:29
 

"Von Wahrsagen lässt sich wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen" - Georg Christoph Lichtenberg Das ist heute so aktuell wie vor 200 Jahren...

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