Wladimir Putin: Kreml-Lügen im Sekundentakt – wie Putin die Russen manipuliert
Wladimir Putin hat Russland nicht nur politisch, sondern auch medial umgebaut. Eine ARD-Dokumentation zeigt, wie der Kreml über Jahrzehnte ein Propaganda-System geschaffen hat, das mit Lügen, Angst und Feindbildern arbeitet.
Von news.de Redakteurin Anika Bube - Uhr
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- ARD-Dokumentation enthüllt die mediale Macht von Wladimir Putin
- Wie der Kreml unabhängige Fernsehsender ausschaltete
- Warum selbst Unterhaltungsshows, Musik und andere Teile des Alltags inzwischen von patriotischer Kriegsrhetorik durchzogen sind
Was passiert, wenn Fernsehen, Unterhaltung und Nachrichten nicht mehr informieren, sondern gezielt die Wirklichkeit formen? Eine neue ARD-Dokumentation zeigt, wie das Regime von Wladimir Putin über Jahrzehnte ein Propaganda-System aufgebaut hat, das tief in die russische Gesellschaft hineinreicht. Fünf prominente Russen, die inzwischen im Exil leben, berichten über die Mechanismen hinter der Kreml-Propaganda.
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Wladimir Putin: Fünf Exil-Russen packen in Doku über Kreml-Propaganda aus
In der Doku "Putins Propaganda – Wie der Kreml das Volk lenkt" kommen der Schriftsteller und Satiriker Viktor Schenderowitsch, die Publizistin Anna Narinskaja, die Schauspielerin Tschulpan Chamatowa, der Regisseur Andrej Chrschanowski und der Autor Iwan Filippow zu Wort. Sie alle leben seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Exil.
Einer der Ausgangspunkte der Doku ist die Geschichte des Fernsehsenders NTW. Der einst regierungskritische Privatsender geriet nach Putins Amtsantritt zunehmend unter staatlichen Druck. 2001 übernahm der Staatskonzern Gazprom den Sender; bis 2003 wurden laut rbb alle großen russischen Fernsehsender konsequent gleichgeschaltet.
Für den Satiriker Schenderowitsch war dies ein entscheidender Einschnitt. Er hatte für die populäre Puppensatire "Kukly" mehr als 100 Drehbücher geschrieben. In einer Folge mit dem Titel "Klein Zaches" wurde auch der damals noch junge Präsident Putin aufs Korn genommen. Die Sendung überlebte die zunehmende politische Kontrolle des Fernsehens jedoch nicht lange. Bereits 2001 wurde "Kukly" eingestellt.
Schenderowitsch erinnert sich in der Dokumentation an die massive mediale Präsenz des Präsidenten: "Gerade einmal eineinhalb Prozent der Bevölkerung kannten im Sommer zuvor seinen Namen", schildert Schenderowitsch. "Dreiviertel der Fernsehnachrichten drehten sich nur um Putin. Das war absolut beispiellos, ein massiver Angriff auf das völlig ungeschützte Gehirn des russischen Durchschnittsbürgers."
Aus einem ehemals pluralistischen Mediensystem entstand so Schritt für Schritt eine Landschaft, in der der Kreml die großen Fernsehsender kontrollieren konnte. Die Dokumentation verfolgt diese Entwicklung weiter – von der frühen Putin-Ära über die Ermordung der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja im Jahr 2006 bis zur Annexion der Krim 2014 und dem späteren Angriff auf die Ukraine.
Die Strategie des Kremls: Wenn Wahrheit keine Rolle mehr spielt
Eine zentrale These des Films lautet: Propaganda muss nicht unbedingt eine einzige Wahrheit durchsetzen. Es kann bereits reichen, Zweifel an jeder möglichen Wahrheit zu säen. Publizistin Anna Narinskaja beschreibt dieses Prinzip drastisch: "Dass es eine Wahrheit gibt, dass sie existiert, ist für einen Propagandisten wie ein Messer an der Kehle."
Die Methode besteht demnach darin, widersprüchliche Erklärungen und Behauptungen nebeneinanderzustellen, bis für das Publikum kaum noch erkennbar ist, was tatsächlich passiert ist. Der rbb beschreibt diese Strategie als ein System, das unterschiedliche, auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen zugeschnittene Wirklichkeiten erzeugt. Am Ende werde die Realität selbst verwischt.
Ein besonders drastisches Beispiel ist die Geschichte vom sogenannten „gekreuzigten Jungen". 2014 verbreitete das russische Staatsfernsehen die Behauptung, ukrainische Soldaten hätten in Slowjansk einen dreijährigen Jungen gekreuzigt. Spätere Recherchen ergaben, dass es für die Geschichte keine Belege gab; sie wurde als Falschmeldung entlarvt. Solche Geschichten sollten nicht nur schockieren. Sie konnten zugleich Feindbilder schaffen und die Unterstützung für den Krieg fördern.
Kisseljow und Solowjow: Die Stimmen der russischen TV-Propaganda
Die Dokumentation nimmt auch zwei der bekanntesten Gesichter des russischen Staatsfernsehens unter die Lupe: Dmitri Kisseljow und Wladimir Solowjow. Kisseljow moderiert die Sendung "Westi nedeli" beim staatlichen Sender Rossija 1 und gilt als eine der prägenden Figuren der russischen Fernsehpropaganda. Im März 2014 sagte er, Russland könne die USA "in radioaktive Asche verwandeln". Die Aussage wurde damals vielfach dokumentiert. Auch Solowjow tritt regelmäßig mit besonders aggressiver Rhetorik auf. In der Dokumentation wird gezeigt, wie aus politischen Talkshows regelrechte Propaganda-Bühnen wurden, auf denen Feindbilder gegen die Ukraine und den Westen verbreitet werden. Ein Zeitzeuge beschreibt Solowjow als begnadeten Schauspieler, der "monströse Dinge voller Widersprüche" jedes Mal mit absoluter Überzeugung vortrage.
Damit wird ein weiteres Prinzip der Kreml-Propaganda deutlich: Emotionen sind wichtiger als nüchterne Information. Wut, Angst, Stolz und die Vorstellung einer existenziellen Bedrohung sollen das Publikum erreichen – und politische Zweifel möglichst verdrängen.
Putins Propaganda dringt bis in die Unterhaltung vor
Doch die Propaganda endet nicht bei Nachrichten und politischen Talkshows. Nach Darstellung der Dokumentation reicht sie inzwischen bis in Unterhaltungssendungen hinein. So tauchen kriegsverherrlichende Inhalte auch in der Spielshow "Feld der Wunder", dem russischen Pendant zum deutschen "Glücksrad", auf. Ein Panzersoldat präsentiert dort seine Kampfauszeichnungen. Der Sänger Shaman wiederum begeistert mit ultrapatriotischen Liedern wie "Ich bin Russe" ein großes Publikum. Autor Iwan Filippow sieht darin eine Entwicklung, die viele Vertreter der liberalen russischen Gesellschaft unterschätzt hätten: "Wir dachten, das Fernsehen hätte an Bedeutung verloren, weil wir im neuen Zeitalter des Internets leben."
Statt an Einfluss zu verlieren, habe sich das Fernsehen vielmehr in den Alltag vieler Menschen eingebrannt. Filippow beschreibt den permanenten Propagandastrom sinngemäß als eine Art Hintergrundmusik, an die sich die Zuschauer gewöhnt hätten.
Auch soziale Netzwerke sind laut rbb inzwischen Teil dieses Systems. Presse, Fernsehen und soziale Medien werden demnach genutzt, um Feindbilder zu schaffen, Zustimmung zu organisieren und bestimmte Wirklichkeiten zu formen.
Vom Ukraine-Krieg zum "heiligen Krieg"
Besonders deutlich wird die Entwicklung bei der Darstellung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Während die Kreml-Propaganda zunächst mit klassischen Feindbildern arbeitete, wird der Krieg zunehmend moralisch und sogar religiös überhöht. Der Gegner wird dabei nicht einfach als politischer Kontrahent dargestellt, sondern als Verkörperung des Bösen.
Solowjow bringt diese Sichtweise in der Dokumentation auf den Punkt: "Krieg ist von Natur aus heilig. Wir stellen uns dem absoluten Bösen entgegen." Die ARD-Dokumentation zeigt damit eine Propaganda-Maschinerie, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte entwickelt hat. Sie begann mit der Kontrolle großer Medienhäuser und reicht heute bis zu sozialen Netzwerken, Unterhaltungssendungen und der ideologischen Rechtfertigung des Angriffskrieges. Der entscheidende Unterschied zu früher: Propaganda muss nicht mehr unbedingt eine einzige Geschichte erzählen. Es genügt, die Grenzen zwischen Wahrheit, Lüge und Meinung so weit zu verwischen, dass Zweifel selbst zum politischen Werkzeug werden.
Die komplette Dokumentation "Putins Propaganda – Wie der Kreml das Volk lenkt" von Regisseur Artem Demenok finden Sie als Video-on-Demand in der ARD-Mediathek.
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bua/sfx/news.de
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