Von Kathrin Hedtke - 23.07.2010, 07.04 Uhr

Bahn-Notfallmanager: Nie ohne Handy ins Bett

Hitze und ausfallende Klimaanlagen, Orkane, Unfälle: Bei der Bahn gibt es ständig kleinere und größere Notfälle. Für solche Momente sind die Notfallmanager da - sie müssen Abhilfe organisieren, auch nachts und am Wochenende. Der Job ist nicht ungefährlich.

Severin Disput ist Notfallmanager der Deutschen Bahn. Notfalls muss er auch mal mit dem Bolzenschneider ran. Bild: ddp

Als Severin Disput vor seinem Wohnzimmerfenster in Frankfurt am Main die schwarzen Wolken aufziehen sieht, geht er erst gar nicht ins Bett. Er zieht eine Regenhose an, legt sein Navi auf den Couchtisch - und wartet. Lange dauert es nicht: Als das Gewitter losbricht, klingelt sein Handy - nahezu pausenlos.

Durch das Unwetter sind in der Region Bäume auf die Gleise gestürzt, Blitze haben die Technik beschädigt. Severin Disput eilt hinaus in den Regen: Der 35-Jährige ist Notfallmanager der Deutschen Bahn (DB). In dieser Nacht hastet er von Einsatz zu Einsatz, mehr als eine Stunde Schlaf ist nicht drin.

«Zum Glück ist das keine normale Nacht», sagt der Bezirksleiter der DB Netz AG. Doch auch wenn kein Unwetter über das Rhein-Main-Gebiet fegt, hat der Notfallmanager alle Hände voll zu tun: Jugendliche, die Steine auf die Gleise werfen, oder Leute, die über die Schienen marschieren, sind nur zwei Beispiele.

Severin Disput geht nie ohne sein Handy ins Bett. Wenn er Bereitschaft hat, klingelt es jede Nacht zwei-, dreimal. «Es ist immer irgendwas», sagt er. Oft gehe es um technische Probleme, da sei es mit einer Auskunft getan. Doch etwa jede zweite Nacht muss er raus.

Die Oberleitung steht unter 15.000 Volt

Mit seinem Geländewagen mit Blaulicht fährt Severin Disput zum Einsatzort. Mitunter holt er aus seinem Kofferraum auch mal eine Axt und räumt kurzerhand selbst einen umgestürzten Baum vom Gleis. Doch am wichtigsten ist sein weißer Helm. «Erst der macht mich zum Leiter der Einsatzstelle DB», sagt Severin Disput.

Bei Notfällen ist er Ansprechpartner für Polizei, Feuerwehr und Sanitäter, organisiert den Ablauf der Rettungsmaßnahmen. Im Gegensatz zu den anderen Einsatzkräften kennt er sich mit den Besonderheiten des Eisenbahnbetriebs aus, weiß mit den Gefahren umzugehen. Die Oberleitung zum Beispiel steht unter 15.000 Volt.

Selbst wenn die Leitung abgeschaltet sei, könne noch immer Reststrom drauf sein. «Das ist anders, als wenn ich zu Hause die Sicherung rausnehme», betont er. Deshalb unternimmt er nie etwas, bevor er nicht ganz sicher ist. Der 35-Jährige schraubt eine Prüfstange zusammen, stapft damit über die Gleise und hakt sie in der Oberleitung ein. Das muss auch bei Dunkelheit klappen. «Die Prüfstange ist meine Lebensversicherung», sagt er. Erst wenn das grüne Lämpchen leuchtet, kann die Leitung geerdet werden. Auf Sicherheit würden sie bei der Ausbildung getrimmt, berichtet Disput.

Der Betriebsleiter des Bezirks Mitte hat die Ausbildung zum Notfallmanager zusätzlich gemacht. «Nur im Büro ist mir zu öde», sagt Disput. Als Notfallmanager kämen grundsätzlich nur Eisenbahner mit viel Erfahrung in Frage, sagt ein Bahnsprecher. In einem zehntägigen Seminar in Kassel würden die Teilnehmer auf ihre Einsätze vorbereitet. Neben einem Sicherheitstraining würden ihnen auch Grundlagen zur Stressbewältigung und psychologischen Erstbetreuung vermittelt. Alle zwei Jahre müssen die Notfallmanager an einer Fortbildung teilnehmen.

Beim Orkan Kyrill saßen Tausende fest

Das Konzept wurde mit der Gründung der Deutschen Bahn AG 1994 eingeführt. Als Staatsbetrieb hatte die Bahn vorher die Gefahrenabwehr als Behörde selbst geregelt. Doch seit der Privatisierung seien die Bundesländer per Gesetz dafür zuständig, sagt der Sprecher. Die Bahn stelle die Fachberater. Das Streckennetz ist bundesweit in 180 Notfallbezirke aufgeteilt, davon entfallen 16 auf den Regionalbereich Mitte. Die Grenzen sind so abgesteckt, dass der Notfallmanager in 30 Minuten am Einsatzort sein kann.

Einen schlimmen Unfall hat Severin Disput in seinen zehn Jahren als Notfallmanager nicht erlebt, «toi, toi, toi». Größere Unglücke gebe es bei der Bahn nur «sehr, sehr selten». Bei einer Handvoll Pannen sei er im vergangenen Jahr im Einsatz gewesen, berichtet der Fachmann. Züge waren liegengeblieben, meist war die Technik schuld. In so einem Fall entscheidet Severin Disput auch, was mit den Fahrgästen geschieht: Ob sie im Zug warten können, bis der Schaden repariert ist, oder ob ein Ersatzverkehr eingerichtet werden muss.

Als der Orkan Kyrill in Hessen wütete, saßen auf einen Schlag Tausende Passagiere am Frankfurter Hauptbahnhof fest. Was tun? «Viele konnten wir mit Hotelgutscheinen versorgen», berichtet der Notfallmanager. Für die anderen organisierte er gemeinsam mit der Feuerwehr eine Gulaschkanone zur Essensversorgung. Disput liebt seinen Job dafür, dass er so abwechselungsreich ist. «Man macht immer etwas anderes», sagt er. Dafür nimmt er gerne etwas Schlafmangel in Kauf.

che/hav/news.de/ddp

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