Von news.de-Redakteur Christian Mathea - 29.06.2010, 11.32 Uhr

Autodiebstahl: Wie die Gangster vorgehen

Jahrelang sanken die Diebstahlszahlen bei Autos. Die Hersteller haben ihre Sicherheitstechnik verbessert. Doch genau in dieser Technik liegt das Problem, wenn sie einmal geknackt ist.

Früher stiegen die Diebe mit brachialer Gewalt in Autos ein, heute haben sie die Schlüssel oder eine Technik, die Türen einfach zu öffnen. Bild: dpa

Die Statistik spricht eine eindeutige Sprache. Nach mehr als zehn Jahren mit sinkenden Diebstahlszahlen werden wieder mehr Autos gestohlen. Dem Bundeskriminalamt zufolge wurden im Jahr 2009 in Deutschland 40.375 Fahrzeuge als vermisst gemeldet – ein Anstieg von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Besonders betroffen sind die Regionen Sachsen, Brandenburg und Berlin – dort stiegen die Zahlen um mehr als 30 Prozent. In einigen Gebieten Sachsens nahe der polnischen und tschechischen Grenze wissen die Bürger keinen Ausweg mehr und lassen versteckte Ortungstechnik in ihre Fahrzeuge einbauen. So können die Autos wenigstens per Satellit oder Funk geortet werden – meist in Schrauberhallen oder Automärkten in Tschechien, Polen, Bulgarien und Rumänien.

Weltweit stehen für 2009 bereits 1.585.355 Millionen gestohlene Fahrzeuge in der Fahndung bei Interpol. Beim Autokauf ist daher höchste Vorsicht geboten. Das vermeintliche Schnäppchen kann sich schnell als finanzieller Schicksalsschlag entpuppen, wenn das gute Stück anderen Orts gestohlen wurde.

Diebe arbeiten in Banden

Die Polizei geht davon aus, dass ein Großteil der Diebstähle osteuropäischen Banden zuzuordnen ist. Ganz oben auf der Liste der Diebe stehen Fahrzeuge der VW-Gruppe. «Ein möglicher Hintergrund dafür kann vermutlich sein, dass bei den verschiedenen Herstellern gleiche Bauteile wie die elektronische Wegfahrsperre eingebaut werden. So kann ein Dieb lediglich mit einem Tool diese Wegfahrsperre an Fahrzeugen der vier Hauptmarken überwinden», sagt Torsten Henkel, Polizeihauptkommissar in der Stadt Pirna nahe der sächsisch-tschechischen Grenze.

Auch beim ADAC hat man den Anstieg als Problem bereits erkannt: Pressesprecher Arnulf Thiemel vermutet, dass sich die Diebe in Sachen Autoelektronik immer besser auskennen und dementsprechend aufrüsten. «Wir wollen noch keine Panik verbreiten, aber wir müssen uns die Herausforderung ansehen», sagt er.

Dass Problem sei aber nicht ein Sicherheitsleck nur bei VW, sagt Adalbert Wendt, Experte für Sichereits- und Aufsperrtechnik. Die hohen Diebstahlzahlen bei Fahrzeugen des Konzerns liegen seiner Meinung nach an der Beliebtheit der Marken. Wenn es Diebe heutzutage auf ein Auto abgesehen hätten, dann könnten sie fast jedes Fahrzeug stehlen – egal, welches Herstellers. Wer einmal wisse, wie die Sicherheitstechnik funktioniere, habe leichtes Spiel.

Das bestätigt auch Detlev Burgartz, Experte für Abwehr und Aufklärung von Versicherungskriminalität: «Wenn ich eine Produktpalette eines Herstellers geknackt habe, dann weiß ich das meistens auch für die anderen», sagt er. Die Diebe holen sich die Informationen mittels Produktpiraterie im Werk oder über deren Zulieferer. Wenn das nicht funktioniert, dann leasen oder mieten sie ein Neufahrzeug und zerlegen es, um nachzuvollziehen, was der Hersteller an Sicherheitstechnik neu implementiert oder wo er an seinem Sicherheitskreislauf erheblich nachgearbeitet habe, sagt Detlev Burgartz.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Hersteller tun

Um dem Diebstahl und der Manipulation vorzugreifen, fordert der ADAC deshalb, dass die Fahrzeuge besser gegen Diebstahl und unbefugte Benutzung gesichert werden. «Die Technik sollte laufend angepasst werden, um Dieben und der Manipulation keine Chance zu geben», sagt Arnulf Thiemel.

Und was tun die Hersteller für höhere Sicherheit? Auf Anfrage heißt es dazu bei VW: «Volkswagen bietet bereits serienmäßig Wegfahrsperrensysteme an, die alle gesetzlichen Vorgaben erfüllen und neben den elektronischen Sicherungsmaßnahmen auch auf zuverlässige mechanische Sicherungen am Fahrzeug setzt», sagt Harthmuth Hoffmann.

Der Pressesprecher betont zudem, dass VW die gesetzlichen Vorgaben mehr als erfüllen würde: «Volkswagen orientiert sich beim Diebstahlschutz neben den Anforderungen der Gesetzgeber und der Versicherer der betroffenen Länder auch an strengen internen Anforderungen, die die gesetzlichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusätzlich übererfüllen.»

Doch die Ganster rüsten ebenso auf und werden immer dreister bei der Überlistung der Sicherheitstechnik.

Auch der Markt für Ersatzteile ist zunehmend betroffen

Der Überhang an Klauware und dessen schrankenloser Handel quer durch die EU entwickelt sich zu einem immer größeren Problem. Der Polizei fehlen die Möglichkeiten zur eindeutigen Identifizierung. «Die Gauner weichen mit dem Vertrieb der Klauware von Autos im Ganzen oder deren Teilen auf Internetplattformen aus», so der Geschäftsführer von r.o.l.a Solutions, Robert Eck, einem Spezialhaus für Echtzeitanalysen.

Damit würden auch die Risiken für die Fahrzeughersteller und deren Zulieferer steigen, wenn der illegale Zweitmarkt bald den Absatz von Neuteilen erreicht, der ja ohnehin durch die hohe Anzahl der Plagiate schon geschwächt sei, so Eck. Was das für die Produktsicherheit, Garantie und Produkthaftung eines Herstellers bedeutet, lässt sich nur erahnen.

Bei einem Unfall mit Todesfolge oder steigenden Diebstahlzahlen stünden die Hersteller schnell am Pranger, auch wenn sie für den Vertreib der Ware aus unklaren Quellen selbst keine Schuld tragen würden, betont Burgartz. Schon aus diesem Grund müsste die eindeutige Zuordnung von Teilen eines Autos verbessert werden.

Die Schadenshöhe steigt, die Aufklärungsquote sinkt

«Die momentane Situation bewirkt bei der Mehrheit der Deutschen, dass wir uns immer unsicherer fühlen und der Schaden zu Lasten der Bürger seit Jahren steigt», erklärt Burgartz mit einer Rechnung: «Hat ein Diebstahl 1995 die Kraftfahrtversicherer noch 6595 Euro pro gestohlenes Fahrzeug gekostet, so lag er 2008 bei 10.891 Euro.»

Das Verhältnis zwischen Schadenhäufigkeit und Schadendurchschnitt klafft demnach immer weiter auseinander, so dass aufgrund der Marktdurchdringung der Wegfahrsperre die Wirksamkeit der Wegfahrsperre gegen professionelle Täter hinterfragt werden muss. «Wenn das nicht funktioniert, dann müssen wir das Entdeckungsrisiko durch Ortungstechnik und Identifizierungsmerkmale verbessern», so Burgartz. «Neben den steigenden Diebstählen sinkt nämlich parallel von Jahr zu Jahr die Sicherstellung wiederaufgefundener Fahrzeuge (13 Prozent weniger in 2009), was zusätzlich die Versicherungswirtschaft und damit die Bürger belastet.»

Burgartz fordert deshalb eine bessere Zusammenarbeit aller Beteiligten: «Wenn Hersteller, Zulieferindustrie, Versicherungen, Vermieter, Leasingunternehmen, Automobilverbände und das Bundeskriminalamt sich wie 1993, zu Beginn der Diskussion der Wegfahrsperren, wieder an einen runden Tisch setzen würden, dann könnten vorhandene Sicherheitslücken auch schnell wieder geschlossen.»

Lesen Sie in einem weiteren Artikel, wie die Diebe in die Fahrzeuge gelangen und wie Sie sich davor schützen können.

sgo/reu/news.de

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