Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 05.07.2010, 11.36 Uhr

Tatort & Co.: Warum wir Krimis lieben

Die Deutschen sind treue Zuschauer. Vor allem den Tatort, der ihnen seit 40 Jahren verlässlich am Sonntagabend serviert wird, belohnen sie mit großer Zuwendung. Medienpsychologe Jo Groebel erklärt im Gespräch mit news.de, warum das so ist.

Die Deutschen sind treue TV-Zuschauer - vor allem, wenn ein Krimi läuft. Bild: news.de/Istockphoto (Montage)

Verbrechen lohnen sich. Jedenfalls im deutschen Fernsehen. Kaum ein Format beschert den Senderchefs, ganz gleich ob öffentlich-rechtlich oder privat, derart konstant hohe Quoten. Bestes Beispiel: der Tatort, der seit nunmehr 40 Jahren im Ersten läuft und die erfolgreichste deutsche Krimiserie ist.

Dem Wiener Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) sahen am Sonntagabend 5,94 Millionen Zuschauer (20,7 Prozent Marktanteil) beim Ermitteln zu. Weniger als sonst, denn im Durchschnitt schalten laut Media Control 7,92 Millionen ein. Trotzdem konnte der Tatort im Vergleich zur Konkurrenz seinen Spitzenplatz behaupten. Die Romanze aus der Reihe der Inga-Lindström-Verfilmungen im Zweiten sahen 4,94 Millionen (17,2 Prozent), die RTL-Abenteuerkomödie In 80 Tagen um die Welt interessierte 2,91 Millionen Menschen (10,4 Prozent) und die Sat.1-Krimiserie Navy CIS 2,72 Millionen (9,7 Prozent).

FOTOS: Die beliebtesten Krimis Ein Herz für Verbrecher

Täglich könnte man rund 19 Stunden lang Mord und Totschlag konsumieren. Das Format verfügt damit über die mit Abstand meiste Sendezeit im fiktionalen TV-Angebot, weit vor den zweitplatzierten Komödien und Sitcoms. Doch woher rührt diese Popularität?

Am Ende ist die Welt wieder in Ordnung

Laut dem Medienpsychologen Jo Groebel sind es zwei zentrale Elemente, die den Krimi so faszinierend machen. Sie können grundlegender nicht sein und geraten im Krimi in Widerstreit: das Gute und das Böse. «Weniges bedient das menschliche Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit so stark wie ein rechtschaffener Krimi. Am Ende wird der Fall in aller Regel gelöst, das Gute siegt über das Böse, der Verbrecher muss sühnen», sagt Groebel. Eine symbolisch ins Wanken gebrachte Ordnung werde dank des konsequenten Aufklärungswillens des Ermittlers binnen 45 oder 90 Minuten wieder in Ordnung gebracht. Das Gute, der Rechtsstaat, siegt immer am Sonntag, der Tatort ist das Märchen für Erwachsene.

TV-Krimis sind auch deshalb so beliebt, weil beim Krimischauen archaische Urinstinkte geweckt werden. «Unser Körper ist darauf gepolt, reflexhaft auf mögliche Gefahren zu reagieren, erklärt Groebel. «Wenn ein lauter Schuss erschallt, dann reagieren wir sofort körperlich, sind auf der Hut.» Dieser Nervenkitzel werde als sehr angenehm empfunden. «Denn ganz gleich, ob wir einen Krimi im Fernsehen schauen oder lesen, wissen wir: Uns kann nichts passieren, wir sind zu Hause auf der Couch in Sicherheit.» Außerdem: Menschen mögen Geheimnisse. Und Krimis sind in der Regel so aufgebaut, dass man sich die Frage stellt «Wer ist es gewesen?». «Auch hier wird ein Urinstinkt des Menschen angesprochen: die Neugier», sagt der Medienpsychologe.

Speziell den Tatort zeichne aus, dass er einen hohen Wiedererkennungseffekt habe, «weil die Region mit hineinkommt - das Verbrechen lauert nebenan - und die handelnden Personen wiederkehren». «Der Tatort-Kommissar, Der Alte oder Polizeiruf-110-Ermittler sind für den Zuschauer so etwas wie gute Freunde», sagt Groebel. «Sie erzeugen bei uns Gefühle wie Vertrauen und Verlässlichkeit.» Dazu trägt auch die Titelmelodie bei – eine Art Schicksalssymphonie des deutschen Fernsehabends. Die Tatort-Hymne stammt von dem Jazzmusiker Klaus Doldinger. Ganz spontan sei sie ihm eingefallen, als man ihm im Schneideraum den Vorspann gezeigt habe: «das Augenpaar, das Fadenkreuz, die Beine eines flüchtenden Mannes», sagte er einmal in einem Interview.

Deutscher Föderalismus in Krimiform

Im Tatort, diesem Epos des deutschen Föderalismus in Krimiform, erzählt und erkennt sich Deutschland seit 40 Jahren selbst. Die deutsche Wirklichkeit hat dem Tatort die Bilder geliefert, und die Bilder des Tatort haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Der Proletarier Schimanski. Die junge Nastassja Kinski, die in Reifezeugnis ihren Lehrer verführt. Die Schlote des Ruhrpotts, das archaische Schwabenland, die Gesangseinlagen von Manfred Krug und Charles Brauer. Und dann der Alltag der Ermittler: Wohngemeinschaften, geschiedene Väter, alleinerziehende Mütter. Das Leipziger Polizisten-Duo war sogar mal miteinander verheiratet und muss jetzt zusammenarbeiten. «Der TV-Krimi im Allgemeinen und der Tatort im Speziellen eignet sich hervorragend dazu, sich mit einzelnen Personen zu identifizieren – ob das nun der Kommissar ist oder der Mörder», sagt Groebel.

Und wenn man will, kann man jeden Tag Tatort gucken, in irgendeinem Dritten läuft immer einer. Selbst Taxi nach Leipzig, der allererste Tatort vom November 1970, wird gerne wiederholt. Deutsche Gegenwart in Endlosschleife. Bisweilen wiederholen sich dabei die Straftaten, es gab schon zwei Pädophiliefälle an aufeinanderfolgenden Sonntagen. Die einzelnen Sender müssen ihre Tatort-Pläne nun beim WDR, wo die Filme koordiniert werden, anmelden. Mit Delikt und mit Milieu.

Die goldenen Regeln für einen guten Krimi

Groebel findet einen Tatort gelungen, «wenn er die Mentalität einer Region trifft und die Gefühle der Leute echt sind, wenn er aufregende mit ruhigen Phasen kombiniert, eine gewisse Intelligenz aufweist und optisch ein Genuss ist». Es gibt, was die goldenen Regeln für Tatorte angeht, das sogenannte Witte-Papier, benannt nach Gunther Witte, dem ehemaligen WDR-Fernsehspielchef und Erfinder des Tatorts. Der hatte einst notiert: Gegenwart, keine Rückblenden, keine wilden Kamera-Aktionen. Die Leiche am Anfang, der Mörder am Schluss.

Märchen enden immer mit dem Satz «Und wenn sie nicht gestorben sind». Der Tatort endet immer mit dem Abspann. Klaus Doldinger spielt die Tatort-Melodie gerne als Zugabe bei seinen Konzerten, und dazu werde immer wild getanzt. Es sei «ein anfeuernder Schluss», so Doldinger, eine Musik, die «Mut für die Zukunft» ausdrücke. Josephine Schröder-Zebralla, die beim Rundfunk Berlin-Brandenburg als Redakteurin für den Berliner Tatort zuständig ist, erzählt, manchmal würden Regisseure ankommen und ein anderes Ende verlangen. Aber das sei unmöglich, vieles am Tatort sei einfach eine feste Größe. «Man weiß, was kommt, und es soll so bleiben, wie es ist.»

kru/ivb/news.de

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