Von news.de-Mitarbeiter Tobias K├Âberlein - 07.09.2009, 17.17 Uhr

Lavinia Wilson im Interview: «Ein gewisser Brainfuck macht mir Spa├č»

Eigentlich ist sie eine Indie-Ikone, abonniert auf Arthouse-Filme. Jetzt ist die Berlinerin bei ProSieben zum ersten Mal in einem lupenreinen Sci-Fi-Thriller zu sehen. News.de traf sie zum Interview.

Schauspielerin Lavinia Wilson. Bild: dpa

Kreuzberg um die Mittagszeit: Wash-and-Go-Wetter, es regnet in Str├Âmen. Die B├Ąnke in der Kneipe, die Lavinia Wilson f├╝r das Gespr├Ąch ausgesucht hat, sind noch fast leer. Sie kommt f├╝nf Minuten zu sp├Ąt. Ihre Haare sind nass. Die 29-J├Ąhrige wohnt um die Ecke – zusammen mit ihrem Freund und Kollegen Barnaby Metschurat (Solino). Gerade waren sie f├╝r ein paar Tage in den Alpen. Nachdem sie einen Fr├╝chtetee bestellt hat, erz├Ąhlt die Schauspielerin von ihrem Missgeschick. Beim Wandern ist ihr eine Kuh auf den Fu├č getreten. Jetzt plagt sie eine Entz├╝ndung. Lavinia Wilson lacht den Schmerz weg. Sympathisch. Kann losgehen.

Sie haben sich bisher vor allem durch Arthouse-Filme einen Namen gemacht. Welchen Reiz hat da ein Genre-Film wie Tod aus der Tiefe?

FOTOS: Lavinia Wilson Von der Indie-Ikone zur Sci-Fi-Queen

Lavinia Wilson: Ich hatte einfach mal Lust auf so einen Film. Vor allem machte es Spa├č, selbst S├Ątze zu sagen, die man schon hundertmal in amerikanischen Actionfilmen geh├Ârt hat. Die Kamera f├Ąhrt auf dich zu (sieht den Interviewpartner mit gespieltem Ernst an): «Du meinst, es gibt verschiedene Erreger?» (lacht). Es ist schon eine Herausforderung - wenn ich mir ein gewisses Ma├č an Selbstironie erlaube - mir ernsthaft vorzustellen, dass ich auf der Suche nach meiner Tochter bin, die im Meer von einem Einzeller-Muttertier gefangen gehalten wird. Das erfordert ein hohes Ma├č an Selbstmanipulation, macht aber auch viel Spa├č.

Der Film wirkt – ob gewollt oder nicht – ein bisschen wie eine Selbstparodie ...

Wilson: Das war schon so gewollt, bis zur v├Âlligen ├ťbertreibung zu gehen und trotzdem einen unterhaltsamen Film zu machen, der den Zuschauer mitrei├čt. Eine ironische Distanz zum Genre ist ganz bewusst vorhanden.

Die Gefahr ist gro├č, dass diese Ironie vom Zuschauer nicht verstanden wird.

Wilson: Das stimmt, man muss sich darauf einlassen. Mir gef├Ąllt an dem Film, dass er auch in all seinen ├ťbertreibungen konsequent ist und sich etwas traut. Das ist kein Film, der sich an irgendeiner Vorstellung von Konsens entlang hangelt. Und nat├╝rlich ist er sehr anders als die Filme, die ich bisher gemacht habe. Obwohl: Die Schlusssequenz in der Tauchglocke ist schon wieder nahe dran am Arthouse-Kino (lacht).

Sie haben einmal gesagt, dass es Filme gibt, die Sie machen, um Ihre Miete bezahlen zu k├Ânnen ...

Wilson: Ja, das sind in der Regel relativ langweilige Fernsehprojekte. Tod aus der Tiefe geh├Ârt aber nicht in diese Kategorie. Hier hat mich wirklich die Konsequenz interessiert, mit der dieses Projekt vorangetrieben wurde. F├╝r mich ist der Film viel interessanter als die x-te Familienkom├Âdie oder der n├Ąchste Whodunit-Krimi.

In n├Ąchster Zeit sind Sie ungew├Âhnlich oft im Fernsehen zu sehen ...

Wilson: Ja, dieses Jahr kommen noch f├╝nf Filme. Ein Tatort ist dabei und auch ein ZDF-Thriller. In Lenz, einer experimentellen Verfilmung der Erz├Ąhlung von Georg B├╝chner, habe ich auch eine kleine Rolle ├╝bernommen, weil mein Freund Barnaby Metschurat mitmacht, mit dem ich seit neun Jahren zusammen bin. Wir haben seit Julietta (2001) nicht mehr zusammen gespielt. Ein Film wie Lenz war der perfekte Moment, sich das wieder einmal zu trauen.

Warum? Hatten sie Bedenken, dass es nicht funktioniert?

Wilson: Spielen ist etwas sehr Intimes. Obwohl man als Schauspieler bei sich selbst bleibt, behauptet man doch etwas. ├ťberspitzt gesagt: Man l├╝gt. Und auch wenn ich wahrscheinlich die ganze Welt super anl├╝gen kann, wusste ich nicht, ob ich das bei Barnaby auch k├Ânnte. Ich hatte die Bef├╝rchtung, dass sich aufgrund dieser ├ťberlegung alles verkrampft und pl├Âtzlich eine Blockade da ist. Diese Angst hat sich zum Gl├╝ck aber als unbegr├╝ndet erwiesen.

Sie sind eher im dramatischen Fach zu Hause. Warum haben wir Sie noch nie in einer lupenreinen Kom├Âdie gesehen?

Wilson: Ich arbeite daran. Lust habe ich schon, aber Kom├Âdien entsprechen irgendwie nicht der Art des Spielens, die ich mir ├╝ber die Jahre angeeignet habe. Es m├╝sste also schon etwas Schlaues sein, am besten eine ganz schr├Ąge Rolle in einem subversiven Film.

Haben Sie eigentlich beim Dreh immer noch Ihre B├╝cher f├╝r die Uni dabei? Sie studieren Philosophie an der Fernuni Hagen.

Wilson: Ich bin seit drei Wochen scheinfrei und bereite mich jetzt auf die Abschlusspr├╝fungen vor. In meinem ersten Nebenfach Geschichte geht es um Frauen in der Antike. F├╝r die Magisterarbeit rechne ich aber noch zwei weitere Jahre ein. Weil ich mit dem Studium keine Karriere anstrebe, stehe ich nicht so sehr unter Zeitdruck.

Trotzdem erfordert ein Studium neben dem Beruf viel Selbstdisziplin. Wo nehmen Sie die her?

Wilson: Das liegt am Stoff. Ich habe mit dem Studium begonnen, um nachzusehen, ob mein Hirn noch da ist und funktioniert. Bei der Arbeit f├╝r das Fernsehen merkt man das ja nicht immer. So ein Ausgleich ist schon sehr hilfreich.

Was sagen Ihre Kollegen dazu?

Wilson: Da gibt es unterschiedliche Reaktionen. Viele sind beeindruckt, andere abgeschreckt. Ich laufe jetzt aber auch nicht ├╝ber den Set und nerve alle mit dem kategorischen Imperativ. Schwierig wird es nur dann, wenn Leute aufgrund meines Philosophie-Studiums Lebenshilfe von mir erwarten. Als ob ich ihnen deshalb vermitteln k├Ânnte, was der Sinn des Lebens ist. Es ist doch eher so: Je mehr ich wei├č, desto weniger traue ich mir zu, irgendeine Aussage mit absolutem Wahrheitsanspruch zu machen (lacht).

Haben Sie innerhalb der Philosophie besondere Interessen?

Wilson: Ein gewisser Brainfuck macht mir schon Spa├č. Die Zeittheorie finde ich spannend. Au├čerdem habe ich vor kurzem begonnen, mich in die Diskursanalyse einzuarbeiten. Und nat├╝rlich bin ich weiterhin ein Fan der alten Griechen. Die hatten einen gro├čartigen Humor, auch wenn das nicht immer so deutlich wird. Ich warte aber immer noch auf den Moment, an dem ich ein Buch aufschlage und einen Ansatz finde, bei dem ich mich aufgehoben f├╝hle. Das ist mir bisher noch nicht passiert.

Das Studium gibt dem Leben auch eine Struktur. Was machen Sie denn, wenn Sie damit fertig sind?

Wilson: Vielleicht Kinder kriegen? (lacht) Nein, ehrlich: Das werde ich sehen, wenn es soweit ist. Pl├Ąne zu schmieden ist eine wunderbare Besch├Ąftigung. Ich mache auch wahnsinnig gerne Listen. Das Sch├Ânste daran ist, dass ich alles jederzeit wieder v├Âllig umwerfen kann.

In ihren Filmen haben Sie schon alle m├Âglichen psychischen Grenzerfahrungen ausgelotet. Was soll da eigentlich noch kommen?

Wilson: Es geht immer noch tiefer. Ich merke gerade, dass mir jetzt immer ├Âfter auch Mutterrollen angeboten werden. Anscheinend habe ich den Sprung vom M├Ądchen zur Frau geschafft. Das ist sehr angenehm und eine beruhigende Vorstellung. Die Rollen werden spannender, je ├Ąlter man wird. Mir fallen da noch eine Menge abgefahrener Charaktere ein. Vielleicht spiele ich mal eine fitnesswahnsinnige Umweltaktivistin (lacht). Das w├Ąre doch endlich eine tolle Rolle f├╝r eine Kom├Âdie.

Lavinia Wilson (29) gab ihr Kinodeb├╝t bereits mit elf Jahren in Sherry Hormanns Leise Schatten. Seitdem ist sie regelm├Ą├čig in TV- und Kinoproduktionen zu sehen, darunter auch Krimi-Reihen wie Der letzte Zeuge und Tatort. 2005 erhielt Wilson den Max-Oph├╝ls-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin f├╝r ihre Nebenrolle in dem Film Allein.

voc/kat/news.de

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