Plötzlicher Herztod Sportlerherzen in Gefahr

Plötzlicher Herztod: Athleten müssen besser vorsorgen (Foto)
Für Piermario Morosini kam jede Hilfe zu spät. Anders als Fabrice Muamba konnte er nicht mehr reanimiert werden. Bild: dpa

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
In den vergangenen Wochen starben ungewöhnlich viele Profisportler an plötzlichem Herztod. News.de hat nach den Ursachen geforscht und nachgefragt, wie es eigentlich um die Betreuung der deutschen Kaderathleten bestellt ist.

Starbootsegler Timo Jacobs (29, † 13. Mai 2012 ) wachte am Morgen nach einem Wettkampf einfach nicht mehr auf; Schwimm-Weltmeister Alexander Dale Oen (23, † 20. April 2012) sackte tot unter der Dusche zusammen; die venezolanische Volleyballerin Veronica Gómez (26, † 14. April 2012) befand sich nach einer Verletzung gerade in der Regeneration, als sie plötzlich starb; der italienische Fußballprofi Piermario Morosini (26, † 14. April 2012) fiel am gleichen Tag einfach auf dem Spielfeld um; genau wie der englische Fußballer Fabrice Muamba (24) von den Bolton Wanderers, dessen Herz 78 Minuten lang nicht mehr schlug.

Doch Muamba hatte Glück. Der 24-Jährige war im Pokalspiel gegen Tottenham Hotspur einfach kollabiert. Wie durch ein Wunder konnte Muamba reanimiert werden. «Was mir widerfahren ist, ist mehr als ein Wunder», sagte der frühere englische U21-Nationalspieler. Er habe mittlerweile zahlreiche Tests absolviert. «Aber es ist immer noch nicht genau klar, was meinen Kollaps verursacht hat. Vielleicht werden wir es nie wissen», sagte Muamba. Er habe bei dem Zusammenbruch keine Schmerzen gespürt, «nur ein seltsames Gefühl, das schwer zu erklären ist».

Tragische Todesfälle
Abstürze, Herzinfarkte und Abflüge

In Deutschland sterben jährlich mehr als 100.000 Menschen an einem plötzlichen Herztod, einige Hundert trifft es beim Sport. «Es ist doch eher selten», sagte Tim Meyer, seit elf Jahren Mannschaftsarzt der deutschen Nationalelf. Die Vielzahl der Todesfälle durch plötzliches Herzversagen bei Profisportlern in jüngster Vergangenheit hält Meyer «am ehesten für eine zufällige Häufung». Der Mediziner sagt auf news.de-Anfrage: «Es lassen sich keine externen Faktoren erkennen, über die die Fälle zusammenhängen könnten.»

Auch Doping kann eine Ursachen sein

«In der Regel», sagt Meyer, «treten solche Fälle auf, weil eine Herzerkrankung nicht erkannt wurde, gar keine sportmedizinische Untersuchung stattfand oder nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen wurden.»

Dass die tödlichen Herzstillstände bei Profisportlern auch mit Doping oder Medikamentenmissbrauch direkt zusammenhängen, schließt Meyer zumindest nicht aus. Gerade aus früheren Jahren seien Todesfälle auf der Basis von Stimulatienmissbrauch (Aufputschmittel) bekannt. Doch diese Substanzen würden heute kaum noch eingesetzt. «Denkbar sind zum Beispiel Herzinfarkte als Folge von Epo-Missbrauch oder Blutdoping. Allerdings sind bislang keine Befunde bekannt geworden, die das belegen», sagt Meyer. «Meines Erachtens spielt Doping keine ursächliche Rolle bei der überwiegenden Mehrzahl der plötzlichen Herztodesfälle von Sportlern.» Und auch Überlastung, wie zunächst vermutet, sei zwar ein Problem im Leistungssport, könne ein gesundes Herz jedoch nicht zum Flimmern oder zum Stillstand bringen.

Medizinische Grunduntersuchungen sind freiwillig

Professor Meyer, Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes, der auch bei der Europameisterschaft im Sommer Philipp Lahm & Co. wieder als Mannschaftsarzt betreuen wird, nimmt daher auch die Sportler selbst stärker in die Pflicht. «Das existierende medizinische Untersuchungssystem für Leistungssportler in Deutschland ist sehr gut», sagt Meyer. «Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) übernimmt für alle Bundeskaderathleten seiner Verbände eine jährliche Vorsorgeuntersuchung. Verbesserungsfähig ist jedoch noch die Wahrnehmung dieses Angebots durch die Athleten.»

«Es könnte auch hilfreich sein, wenn mehr Verbände es so machen würden wie beispielsweise der DFB: Spielberechtigung nur bei Nachweis einer angemessenen Untersuchung der medizinischen Tauglichkeit für den Leistungssport», sagt Meyer. Jährliche sportmedizinische Grunduntersuchungen finden in 25 vom DOSB lizenzierten Untersuchungszentren statt. Die trainingsbegleitende sportmedizinische Betreuung erfolgt ganzjährig an den Olympiastützpunkten beziehungsweise durch die Verbandsärzte. Vor dem Hintergrund des in Deutschland geltenden Rechts der freien Arztwahl sind die jährlichen sportmedizinischen Grunduntersuchungen jedoch freiwillig.

Online-Datenbank soll plötzliche Herztode aufklären

Laut Olav Spahl, als Ressortleiter verantwortlich für die Olympiastützpunkte, sind im Jahr 2011 3181 Bundeskader im Rahmen der jährlichen Grunduntersuchung untersucht worden. «Die Nutzung in den einzelnen Verbänden ist sehr unterschiedlich», sagt Spahl auf news.de-Anfrage. Als in dieser Hinsicht vorbildlich hebt er den Deutschen Ski-Verband, den Bob- und Schlittenverband, den Schützenbund, den Segler-Verband, den Ruder-Verband und den Deutschen Kanu-Verband hervor. Im Umkehrschluss heißt das jedoch wohl, dass in den übrigen 28 olympischen Verbänden des DOSB noch Aufklärungsbedarf hinsichtlich der gesundheitlichen Risiken besteht. Zwar ist die Zahl der Grunduntersuchungen seit 2003 (2412 Untersuchungen) stetig gestiegen. Doch um schrecklichen Todesfälle wie denen in den vergangenen Wochen vorzubeugen, da sind sich Meyer und Spahl einig, sollten die Angebote der Olympiastützpunkte und Verbandsärzte noch stärker genutzt werden.

Meyer, auch Mitglied der Medizinischen Kommission des DOSB, will den Ursachen plötzlichen Herztods wissenschaftlich auf den Grund gehen. Dafür ist in Saarbrücken eine Online-Datenbank unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) eingerichtet worden. «Wir versprechen uns von dem Register ein klares Urteil darüber, welche Ursachen es in Deutschland für den plötzlichen Herztod im Sport gibt», erläutert Meyer. Über SCD-Deutschland (Sudden Cardiac Death) können Trainer, Athleten, Ärzte oder auch Zuschauer Todesfälle beim Sport melden. Die Ursachen sollen erfasst und erforscht werden und helfen, die Prävention zu verbessern.

beu/news.de

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