Von news.de-Redakteur Ullrich Kroemer - 17.08.2010, 11.34 Uhr

Die Jobs der Fußballer: Studienabbrecher statt Lotto-Buden-Besitzer

1954er-Weltmeister Max Morlock hatte eine Lotto-Annahmestelle, Jürgen Klinsmann hat Bäcker gelernt, Lothar Matthäus Raumausstatter. Heute haben nur noch wenige Bundesligaspieler eine Berufsausbildung. News.de weiß, wie die Profis heute für die Fußballerrente vorsorgen.

Ein Weltmeister an der Kasse: Max Morlock, 1954 beim Wunder von Bern dabei, in seiner Lotto-Annahmestelle. Bild: imago

Tobias Sippel fiel die Jobwahl nicht schwer. Weil er gleich zwei Optionen hatte, erlernte der Pfälzer eben zwei Berufe auf einmal: Bäcker und Fußballprofi. Der Tageszeitung Die Rheinpfalz sagte der Erstliga-Torhüter des 1. FC Kaiserslautern: «In der Schulzeit hab' ich mich nie groß angestrengt. Für mich war klar: wenn nicht Fußballer, dann werde ich Bäcker. Deshalb hab' ich auch meine Bäckerlehre durchgezogen.» Weil Sippels Familie bereits in der vierten Generation eine Bäckerei betreibt, war es für den Keeper des Aufsteigers einfacher als für viele seiner Kollegen, Ausbildung und Profisport unter einen Hut zu bringen. Sein Ehrgeiz, sich neben der Vollbelastung als Fußballprofi ein zweites Standbein aufzubauen, ist heute dennoch außergewöhnlich in der Szene.

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Noch vor 20 Jahren war es gang und gäbe, dass die Jungprofis einen Berufsabschluss machten - oft im elterlichen Betrieb oder in der Firma eines Sponsors. Jürgen Klinsmann etwa war genau wie Sippel bei seinem Vater Bäckergeselle, Lothar Matthäus erlernte den Beruf des Raumausstatters - eine Lehre aus den Anfangsjahren des Profifußballs, als viele einst prominente Kicker nach der Karriere im finanziellen und mentalen Tief versanken. In den 1970er und '80er Jahren war es mangels Ausbildung der Klassiker für viele Erstligaspieler, nach Ablauf der Karriere ein Lotto-Toto-Geschäft zu übernehmen. So betrieb beispielsweise 1954er-Weltmeister Max Morlock eine Lotto-Toto-Annahmestelle. Ex-Bayern-Star «Katsche» Schwarzenbeck hat noch heute einen kleinen Schreibwarenladen.

Nur zehn Prozent haben nach der Karriere ausgesorgt

Heute haben wieder die wenigsten Bundesligaprofis eine Berufsausbildung. Ein Risiko, falls es mit der erhofften Bundesligakarriere doch nicht klappt oder eine plötzliche Verletzung das Karriereende bedeutet. Eine Befragung der Spielergewerkschaft VDV ergab 2003, dass etwa 60 Prozent der Spieler ein Studium beginnen, aber bereits nach etwa vier Semestern abbrechen.

Dabei warnt VDV-Laufbahncoach Frank Günzel: «Nur zehn Prozent der Fußballprofis haben nach der Karriere finanziell bis zum Rentenalter ausgesorgt, die restlichen 90 Prozent haben noch 35 Berufsjahre vor sich.» Es mache also Sinn, sich schon frühzeitig Gedanken über die Zeit danach zu machen, «auch im Sinne der eigenen Lebensgestaltung», sagt Günzel. Er verwendet in diesem Zusammenhang gern das Sprichwort «Kratze dich, bevor es juckt!» Beispiele wie die des früheren Bundesligaprofis Rico Steinmann, der heute als Invalide Rentenempfänger ist, gibt es schließlich genug.

Anders als die Profis in der zweiten Reihe brauchen die Ballacks, Schweinsteigers und Lahms des Fußballgeschäfts freilich keine Ausbildung. Für sie ist nach der aktiven Laufbahn einer der begehrten Jobs als Trainer, Funktionär oder TV-Experte reserviert. Anders liegen die Dinge bei weniger bekannten Profis. Günzel, der solche Spieler berät, deren Vorkenntnisse und Interessen analysiert und Bildungspartner vermittelt, hat beobachtet, dass gerade in der 2. Bundesliga ein Umdenken eingesetzt hat. So gebe es aktuell eine neue Generation, die bewusster mit der Planung der Karriere nach der Karriere umgehe. «Gerade im Bereich Fernstudium passiert da einiges», sagt Günzel.

Fabian Boll vereint seine Jobs als Fußballprofi und Oberkommissar

Derzeit studieren etwa die Kaiserslauterer Manuel Hornig («Auch ich als Profifußballer muss für die Zeit nach meiner Karriere vorsorgen, denn es ist klar, dass ich nicht mein ganzes Leben lang auf dem Platz stehen kann») und Danny Fuchs. Nürnbergs Ilkay Gündogan bastelt gerade am Abitur und Bremens Stürmer Onur Ayik versucht den Sprung in den Profikader von Werder und seine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann zu vereinen. Marcel Heller von Eintracht Frankfurt hat Chemielaborant gelernt, Mike Frantz (1. FC Nürnberg) könnte zur Nor nach seiner Fußballerkarriere in seinen Beruf als Maler und Lackierer zurückkehren. In Kaiserslautern haben neben Sippel Alexander Bugera (Bürokaufmann), Marcel Correia (Physiotherapeut) und Florian Dick (IT-Kaufmann) einen Beruf erlernt. Und Fabian Boll, der Oberkommissar des FC St. Pauli, ist derzeit in aller Munde, weil er als einziger Bundesligaprofi auch noch einem Beruf nachgeht.

Doch Boll ist eine Ausnahme. Ob die anderen Spieler je in ihren Jobs arbeiten werden, ist ungewiss. Auch Frank Günzel weiß aber: «Ein Plan B kann nie schaden. Das verbessert zum einen die persönlichen Marktchancen für später und stärkt vor allem auch das Selbstvertrauen in die eigenen nichtfußballerischen Fähigkeiten.»

phs/ivb/news.de

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