Deutsche in Argentinien: Von blonden Gringos und der Dogge Ballack

Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust: Wenn Deutschland und Argentinien bei der WM aufeinandertreffen, ist das für die Einwohner von Eldorado ein Knüller. Denn viele von ihnen stammen aus Deutschland. Müller oder Messi? Eine echte Zerreißprobe.

Deutschland ist allgegenwärtig - auf der Brust und im Telefonbuch der Kleinstadt Eldorado. Bild: Sebastian Reichert/news.de

«El Gringo» ist 32 Jahre alt, spricht Deutsch und Spanisch und hat einen Vater wolgadeutscher Herkunft. «Miguelito» ist elf Jahre älter, beherrscht auch beide Sprachen und hat deutsche Vorfahren. Während El Gringo der Spitzname des argentinischen Fußball-Nationalspielers Gabriel Heinze ist, kennen den TV-Mechaniker Miguel Bauerfeind fast alle Einwohner seiner Stadt nur als Miguelito - der kleine Miguel. Heinze und Bauerfeind sind zwei der vielen hunderttausend Argentinier, die deutsche Wurzeln haben. Bei der Fußball-WM rücken sie beide in den Fokus, erst recht vor dem Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien. Wenn auch auf ganz unterschiedliche Art.

In Heinzes Heimatort Crespo in der Provinz Entre Rios sind etwa 70 Prozent der 20.000 Einwohner deutschstämmig - und in der Regel wolgadeutscher Herkunft. Deutsche Siedler gibt es in Crespo bereits seit über 120 Jahren. Am kleinen Stadion der Stadt hängt ein überdimensional großes Plakat mit dem Bild des 32-jährigen Lokalhelden. Jesica Heinze, die mit Gabriel Heinze verwandt ist, lässt keinen Zweifel an der Gefühlslage der zumindest jüngeren deutschstämmigen Argentinier für Samstag: «Das Herz der Einwohner Crespos schlägt einzig für Argentinien, obwohl sie fast alle Nachfahren von Deutschen sind.»

Neben den wolgadeutschen Dörfern in Entre Rios ist vor allem der Norden Argentiniens von deutschen Einwanderern geprägt. Dort, in der Provinz Misiones, bauten sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg Deutsche und Schweizer im subtropischen Urwald eine neue Existenz auf. Laut Schätzungen sprechen allein in dieser Region etwa 100.000 Menschen Deutsch. Etliche von ihnen leben in Eldorado, einer 100.000-Einwohner-Stadt, 100 Kilometer von den bekannten Iguazu-Wasserfällen entfernt.

Dort ist auch Miguel Bauerfeind zu Hause. Der deutschstämmige 43-Jährige ist zu Zeiten der Fußball-WM einer der gefragtesten Leute seiner Stadt. Denn der schlanke, knapp 1,80 Meter große Mechaniker repariert Fernseher. Kleinere und größere schwarze Geräte stapeln sich seit Wochen in seiner Werkstatt. Zur Fußball-WM ist bei «Miguel TV Service» Hochsaison. «Egal, wie das Spiel Argentinien gegen Deutschland am Samstag ausgeht», sagt Bauerfeind, «ich freue mich für beide Mannschaften.» Über seinem Geschäft weht eine zwei Meter große blau-weiße Argentinien-Fahne.

Auch Miguelitos Beinahe-Kundin Lidia Schleich erwartet die Partie zwischen dem Heimatland ihrer Eltern und ihrem Geburtsland mit Spannung. Die 83-Jährige mit den weißen Locken und dem gewinnenden Schmunzeln auf den Lippen hat bisher – dank Ersatzfernseher - kein Spiel beider Länder bei der WM verpasst. Ein paar Wochen vor dem Eröffnungsspiel ging ihr altes Gerät kaputt. Schon damals konnte Bauerfeind keine TV-Apparate mehr annehmen. «Bueno, am Samstag freue ich mich, ob Deutschland oder Argentinien gewinnt - in beiden Fällen», sagt Schleich.

Im Schuhgeschäft hört man die Sportfreunde

Neben solchen Gefühlen für das DFB-Team sind die deutschen Wurzeln in den Städten und Dörfern allgegenwärtig, die die «blonden Gringos» gegründet haben. Eldorado hat zum Beispiel mit dem Instituto Hindenburg eine deutsche Schule. Daneben einen von insgesamt zehn deutschen Honorarkonsuln in Argentinien, eine deutsche Sprachschule, ein deutsches Reisebüro, deutschsprachige Gottesdienste der evangelischen Kirche und der Zeugen Jehovas.

Am Kiosk gibt es Zeitschriften aus Alemania, im Radio deutschsprachiges Programm. «Hallo! Alles gut?» - «Alles gut.» Viele Deutschstämmige begrüßen sich auf der Straße auf Deutsch. Spanische Worte und Begrüßungsfloskeln haben die Misioneros im Laufe der Jahrzehnte eingedeutscht. Die deutschstämmigen Argentinier der dritten und vierten Generation sind mittlerweile nicht nur sprachlich in Argentinien angekommen, der respektvolle Blick nach Europa in das Land ihrer Vorfahren ist dennoch geblieben - auch wenn sich das manchmal nur in Details zeigt: Eine deutschstämmige Frau, die ganz in der Nähe von Bauerfeinds TV-Werkstatt wohnt, besitzt eine riesige dunkelbraune Dogge. Der Hund hört auf den Namen Michael Ballack.

Im ersten Schuhgeschäft am Platze plaudert Inhaber Alfonso Lang gern mit Kunden ein wenig Deutsch. Im Laden läuft ’54, ’74, ’90, 2010 der Sportfreunde Stiller, mitgebracht von Freunden aus Deutschland. Zur WM bietet Lang einen weißen Sportschuh in zwei Versionen an: einmal mit Applikation in himmelblau-weiß, einmal in schwarz-rot-gold. «Die Leute sprechen momentan fast nur noch über das Spiel am Samstag, trauen sich aber oft nicht, einen Tipp abzugeben», sagt Langs 28-jähriger Sohn Luis. «Alle wissen, dass Deutschland eine starke Mannschaft hat», ergänzt Jesica Heinze.

Deutsche Fahnen sind ein Ladenhüter

Wenn Argentinien am Samstag gewinnt, wird aber auf alle Fälle nach dem Schlusspfiff wieder Himmelblau-Weiß eindeutig das Bild der feiernden Massen auf den Straßen bestimmen – wie schon nach jedem der vier WM-Auftritte bisher. In Eldorado sperrt die Polizei die Hauptstraße, leitet Busse um, Menschen schwenken - auf der Ladefläche von Geländewagen stehend – Argentinien-Flaggen. Die schwarz-rot-goldenen Fahnen, die ein einziger Stoffladen auf der Hauptstraße verkauft, sind folglich eher ein Ladenhüter. «Davon habe ich noch keine verkauft», erklärt eine Angestellte.

Und dennoch, wenigstens ein bisschen freuen sich viele doch auch mit dem Fußball-Team aus der Heimat ihrer deutschen Groß- oder Urgroßeltern. «Ich bin zufrieden, wenn Argentinien gewinnt. Schließlich habe ich einen Sohn und einen Enkel in Eldorado», erzählt ein anderer Deutschstämmiger. «Aber ich habe auch einen Sohn und einen Enkel in München. Ich bin also glücklich, egal, wer am Samstag gewinnt.»

mik/phs/reu/news.de

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