Von Eva Krafczyk - 23.10.2009, 06.21 Uhr

Vor 25 Jahren: Hungerkatastrophe in Äthiopien

Es waren die Bilder des kenianischen Kameramanns Mohammed Salim, die vor 25 Jahren die Weltöffentlichkeit aufrüttelten: Äthiopien litt unter einer verheerende Hungerkatastrophe, die eine Million Menschenleben forderte.

Die Hunger-Gefahr in Äthiopien ist noch immer nicht gebannt. Hier wartet ein unterernährtes Kind mit seiner Mutter im Krankenhaus von Dilla auf Behandlung. Bild: dpa

Die Bilder von Salim erreichten am 23. Oktober 1984 erstmals über den britischen Rundfunksender BBC ein Millionenpublikum. Bilder von zu Skeletten abgemagerten Menschen, sterbenden Säuglingen mit tiefliegenden, apathisch blickenden Augen, Kindern, die auf streichholzdünnen Beinen torkelten - zu schwach, um die Fliegen beiseite zu wischen, die über ihre Gesichter krochen. Eine Hungerkatastrophe hielt Äthiopien im Griff, wieder einmal. Erst in den 70-er Jahren waren etwa 200.000 Menschen verhungert.

Der Große Hunger in Äthiopien im Jahr 1984 sprengte selbst die Dimensionen des alltäglichen Elends und anderer Katastrophen in Afrika, an die sich so viele Menschen im fernen Europa oder Nordamerika schon längst gewöhnt hatten. Rund eine Million Menschen starben Schätzungen zufolge im Hungerwinter 1984/1985.

Als Ende Oktober 1984 die ersten Fernsehbilder um die Welt gingen, war es schon zu spät, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Der Kreislauf von Dürre, Missernten und viel zu wenig Regen, unter dem Äthiopien, eines der ärmsten und am dichtesten bevölkerten Länder Afrikas immer wieder zu leiden hatte, mündete einmal mehr im Desaster.

Der große Hunger löste auch die bis dahin größte weltweite Mobilisierung von Künstlern und Prominenten aus, die um Spenden warben. «Do they know its Christmas?» fragte Bob Geldof gemeinsam mit den bekanntesten Namen der britischen Popszene. In der «Band Aid» waren von Bruce Springsteen über Michael Jackson, Bono und Sting alle vertreten, die im internationalen Musikgeschäft Rang und Namen hatten und gemeinsam «We are the World» sangen. In Deutschland war es das Lied «Nackt im Wind» von BAP-Sänger Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer, mit dem Künstler Spenden für die Hungernden in Äthiopien mobilisierten.

Doch zu dem Zeitpunkt waren viele schon tot. Die internationalen Helfer konnten nur noch reagieren. Die damalige Regierung des Sozialisten Haile Mengistu, die in der besonders betroffenen Hochlandregion Tigray gegen Rebellen kämpfte, hatte mit einer Politik von Landenteignungen und Zwangsumsiedlungen nicht gerade zu einer stabilen Landwirtschaft beigetragen. Stattdessen blockierte die Regierung Lebensmittellieferungen in Rebellengebiete, was die Krise noch verschärfte.

Ein Vierteljahrhundert später lebt der gestürzte Mengistu im Exil in Simbabwe, die einstigen Rebellen regieren in Addis Abeba, doch die Gefahr des Hungers ist nicht gebannt. In den vergangenen vier Jahren waren die Regenfälle am Horn von Afrika nur unzureichend, die Ernten fielen schlecht aus. Die weltweite Lebensmittelpreiskrise und die gestiegenen Preise für Treibstoff und Düngemittel trafen vor allem die Menschen in den von Hunger bedrohten Regionen besonders hart.

Eine der Konsequenzen aus dem Großen Hunger in Äthiopien waren die Bemühungen um ein verbessertes Frühwarnsystem. Doch das nützt nur wenig, wenn Welternährungsprogramm WFP und Hilfsorganisationen nicht die Mittel zum Helfen haben. Schon im vergangenen Frühjahr warnten UN-Organisationen in Nairobi, am Horn von Afrika seien zehn Millionen Menschen von Hunger bedroht, Anfang 2009 waren es bereits 17 Millionen.

Inzwischen geht die Hilfsorganisation Oxfam von 24 Millionen Menschen in Äthiopien, Somalia, Eritrea, Dschibuti, Südsudan, Nordkenia und Teilen Ugandas aus, die akut von Hunger bedroht sind. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef spricht von einer Million lebensbedrohlich unterernährter Kleinkinder. Doch Unicef hat nur 35 Prozent der benötigten Geldmittel, und auch andere Organisationen klagen über Finanzengpässe. «Die Menschen reagieren wahrscheinlich wieder erst dann, wenn die Bilder sterbender Kinder um die Welt gehen», sagt ein in Kenia lebender Entwicklungshelfer resigniert. «Aber dann ist es zu spät.»

jan/news.de/dpa

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