Warum Tattoos?: «Eine Art der Autoaggression»

Untersuchungen zeigen, Tätowierungen sind immer noch beliebt. News.de sprach mit dem Psychologen Dirk Hofmeister über die Hintergründe, das Arschgeweih und den Drang der Jugend zur Körpermodifikation.

Model mit Tätowierungen: In einer U-Bahn in Berlin präsentiert sie beim Underground Catwalk im Rahmen der Mercedes-Benz Fashion Week Mode des Labels Savage Wear. Bild: ddp

Sind Tätowierungen eine Mode von ausgeflippten Stadtmenschen?

Hofmeister: Das ist nicht so leicht zu beantworten. Was man sagen kann ist, dass das Klischee des Ausgeflippten den Tätowierungen noch nachhängt. Bis vor zehn, 15 Jahren waren Tattoos noch stigmatisiert, damals waren oft nur Kriminelle und Gefangene tätowiert. Das hat sich verändert, Tattoos wurde mehr und mehr zu Körperschmuck. Die ersten Tätowierungen waren dann in den Subkulturen zu erkennen, etwa bei Rockern und im Punk hat sich das durchgesetzt. Und solche Subkulturen findet man möglichweise eher in der Stadt als auf dem Land. Aber die Tendenz geht dahin, dass dieser Trend die gesamte Republik erfasst. Weil wir gesellschaftlich eine Tendenz zur Individualität haben, hat sich Tätowieren auch zu einer Mode entwickelt.

FOTOS: Unter die Haut Schmückende Tinte

Was bewegt Menschen, sich tätowieren zu lassen?

Hofmeister: Zwischen bewusster und unbewusster Entscheidung lässt sich nicht trennen - was generell bei gesellschaftlichen Trends vorkommt. Beispielsweise wird die 80er-Jahre-Mode wieder von einer großen gesellschaftlichen Schicht als etwas Attraktives gesehen. Auch gibt es in der Gesellschaft fast einen moralischen Imperativ, der sagt, das alle ganz individuell sein müssen. Aber Individualität spielt sich in einer Peergroup ab. So ist das dann auch mit dem Körperschmuck: machen Freunde, macht das Umfeld das, dann sieht man es möglicherweise als attraktiv an oder als unbewussten Zwang, das man es auch tun möchte.

Welche Körperregionen sind denn besonders beliebt?

Hofmeister: Wenn man seine Tätowierungen zeigen möchte, sind es bei Männern die Arme, vor allem die Oberarme, der Rücken und die Schultern. Bei Frauen ist es der Steiß, Arme, Beine und Rücken. Tätowierungen werden aber als etwas Privates empfunden, was auch nicht zwingend sichtbar sein muss. Es gib Untersuchungen von Arbeitgebern, die Tattoos und Piercings ablehnen. Der Trend geht hin zu mehr Tätowierungen, die aber nicht zwingend sichtbar sind.

Lassen sich heute mehr Menschen tätowieren als noch vor zehn Jahren?

Hofmeister: Ja, gerade bei Frauen ist eine starke Steigerungsrate in den Untersuchungen zu beobachten, obwohl Tätowieren eher männliche konotiert ist. Bis zu 26 Prozent der sehr jungen Frauen von 14 bis 24 Jahre lassen sich heutzutage tätowieren oder sind bereits tätowiert. Das berühmte Arschgeweih, bei dem man leicht an eine Jugendsünde von vor zehn Jahren denken könnte, ist immer noch sehr beliebt. Etwa sieben Prozent der Frauen lassen sich über dem Steiß tätowieren.

Welche Rolle spielen die Medien und Prominente bei der Entscheidung fürs Tattoo?

Hofmeister: Idole spielen auf jeden Fall ein Rolle. Es gibt einen allgemeinen Trend, sich an Vorbildern zu orientieren. Da geht um das Abgrenzen zu anderen. Es gibt kaum Mainstream, aber ganz viele Subkulturen, wo es darum geht, Idole zu identifizieren. Etwa der Handballer Stefan Kretzschmar hat dem Tätowieren einen großen Schub verpasst. Andere Berühmte wie Robbie Williams führen dazu, dass Tattoos präsent sind und als attraktiv wahrgenommen werden. Wenn Sport- und Popstars Tätowierungen tragen, findet einfach eine größere gesellschaftliche Akzeptanz statt.

Sie haben Körpermodifikation - also Tätowier- und Piercingverhalten - bei Männern und Frauen untersucht. Wo liegen die Unterschiede?

Hofmeister: Allgemein unterscheiden sich die Persönlichkeitsmerkmale von Menschen mit Körperschmuck nicht von denen ohne. Bei Männern gibt es kleine Tendenzen zu höheren Extraversionswerten: Männern wird eine höhere soziale Aktivität zugesprochen und sie bewegen sich in der Öffentlichkeit selbstbewusster. Frauen haben niedrigere Verträglichkeitswerte, die als eine bewusste Rebellion gegen angepasstes Verhalten gedeutet werden können. Trotzdem sind die Unterschiede nicht riesig, deshalb sollten diese Ergebnisse vorsichtig gedeutet werden.

Welche Altersgruppen lassen sich am liebsten Tätowieren?

Hofmeister: Tätowierungen sind ein Abbild adoleszenter Konflikte und eine Art der Autoaggression, also sich Schmerzen zuzufügen. Wenn man Tätowierungen so betrachtet, dann führen sie zu einem Autonomiegewinn, in dem man sich von der Generation, die das nicht hat, abgrenzt. Bisher haben wir nicht in die Untersuchungen einbezogen, wie stark die Tendenz ist, sich Tätowierungen wieder entfernen zu lassen. Das soll auch ein starker Trend werden. Dann könnte man nochmal untermauern, dass sich Jugendliche eher tätowieren lassen und die Älteren lassen es sich tendenziell wieder wegmachen. Aber so weit sind wir noch nicht. Unsere Daten sagen ganz klar: Tätowieren ist ein Ausdruck von Jugend, mit dem Alter nimmt der Drang danach ab.

Diplom-Psychologe Dirk Hofmeister ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Die Abteilung veröffentlicht regelmäßig repräsentative Studien zur Verbreitung von Tätowierungen, Piercing und Körperhaarentfernung in Deutschland.

iwe/news.de

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