Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 10.11.2009, 15.09 Uhr

Heiraten in Dänemark: Wenn die Liebe es eilig hat

Beim Stichwort heiraten denken vielen an Rosen und Romantik. Andere denken an viel Papier, Telefonate mit Botschaften, Gerichten und Standesbeamten. An teure Reisen, um ein rares Dokument zu besorgen. Und entscheiden sich für eine Hochzeit in Dänemark.

Wer in Deutschland einen ausländischen Partner heiraten will, braucht Beistand. Bild: dpa

Bald ist wieder Hochsaison bei Natalia Seyffarth. Denn im Dezember ist die schnelle, unkomplizierte Heirat besonders beliebt, damit noch rechtzeitig für die Steuererklärung alles in trockene Tücher kommt. Rund 1000 Hochzeiten managt die Russin im Jahr mit ihrer Heiratsagentur Gemeinsame Zukunft – in Dänemark, für alle, die mit den deutschen Standesämtern auf Kriegsfuß stehen.

Für Paare, denen es so geht wie ihr damals. Oder ähnlich, denn jeder Fall ist ein bisschen anders: je nachdem ob geschieden, verwitwet oder ledig, ob aus EU-Staaten oder Afghanistan, ob mit Touristenvisum oder als Flüchtling in Deutschland. Acht Jahre ist es her, dass Natalia selbst ihren deutschen Partner heiraten wollte. «Als mein Mann nach der Liste für die benötigten Unterlagen gefragt hat, war die Antwort ‹Warum wollen Sie denn keine deutsche Frau heiraten?›» Kein guter Start für die Zusammenarbeit mit dem deutschen Standesamt, und als es in diesem Stil weiterging, entschieden sie sich für die Hochzeit in Dänemark.

FOTOS: Heiraten am Strand Das Klischee wird immer öfter wirklich
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Eine Kopie von Personalausweis oder Pass, die Kopie der Geburtsurkunde und eine Meldebescheinigung mit dem Vermerk über den Familienstand – mehr wollen dänische Standesbeamte nicht sehen, bevor sie einem Paar das Ja-Wort abnehmen. Gegebenenfalls noch ein rechtskräftiges Scheidungsurteil. Und selbst hier ist Dänemark kompromissbereit. «Wenn ein anerkannter Flüchtling aus Afghanistan oder dem Irak seine Geburtsurkunde nicht mehr beschaffen kann, macht das deutsche Standesamt gleich einen Strich. Es geht nicht ohne. Die Dänen sind da tolerant, sie sagen, bei einem Land, wo Kriegsverhältnisse herrschen, geht es auch ohne Geburtsurkunde.»

Heiraten in Dänemark ist populär geworden. Fast jeder kennt jemanden, der seinen ausländischen Partner dort geheiratet hat, weil es einfach viel schneller und unkomplizierter geht, so ein Aufenthaltsrecht zu bekommen. In Deutschland ist selbst die Heirat mit einem EU-Ausländer ein bürokratischer Kraftakt. «Um Doppelhochzeiten zu vermeiden, müssen sie aus ihrem Heimatland eine sogenannte Ehefähigkeitsbescheinigung vorlegen, die besagt, dass sie dort nicht verheiratet sind», erklärt der Standesbeamte Willi Weber. Er traute vor mehr als zehn Jahren die Paare in Linda de Mols Traumhochzeit und ist nun wieder als normaler Standesbeamter in Bad Münstereifel tätig.

Wider Doppelhochzeiten und Scheinehe

In seinem Dienstzimmer steht ein ganzer Schrank voller Kommentare, die für jedes Land die Voraussetzungen zur Eheschließung festlegen. Denn er muss neben dem deutschen auch das Recht des Herkunftslandes beachten. Ob jemand erst mit 18 ehemündig ist, ob er in seinem Heimatland Trauzeugen haben muss, die Einwilligung des Vaters nötig ist oder vielleicht ein Gesundheitszeugnis, wie es die USA verlangen – all das muss Weber beachten, wenn er ausländischen Heiratswilligen die Checkliste erstellt. Manche Unterlagen, ein Scheidungsurteil beispielsweise, müssen erst von einem deutschen Oberlandesgericht anerkannt werden.

«Ja natürlich» halte er die gründliche deutsche Bürokratie für sinnvoll, betont der Standesbeamte. Doppelhochzeiten seien schließlich für den verbleibenden Partner eine Katastrophe, und auch Scheinehen müsse vorgebeugt werden. Willi Weber erinnert sich an eine 40-Jährige, die einen 20-jährigen Marokkaner heiraten wollte. «Denen habe ich das nachweisen können, das ist ganz einfach. Man befragt die Ehepartner in spe, wo sie sich kennen gelernt haben oder wie lange sie zusammen sind. Da verstricken sie sich schnell in Widersprüche», hat der Beamte festgestellt. Doch über den Umweg Dänemark reisen Doppelhochzeiten auch nach Deutschland ein. Denn jede im Ausland rechtmäßig geschlossene Ehe wird hierzulande anerkannt.

Für Natalia Seyfferth ist das ein gutes Geschäft. Nachdem sie selbst damals in Dänemark ihren Mann ehelichte und einige Probleme dabei hatte, vor Ort spontan Friseur und Brautstrauß zu finden, hat sie sich auf Heiraten in Dänemark spezialisiert. 265 Euro Vermittlungsgebühr nimmt sie, dazu kommen 70 Euro, die das dänische Standesamt in Rechnung stellt. Wer heute die Papiere bei ihr einreicht, kann in der nächsten Woche heiraten. Ihre Kunden sind nicht nur «Problemfälle», bei denen es sich um ein Aufenthaltsrecht dreht, sondern auch viele Deutsche, bei denen es einfach schnell gehen soll – ein uneheliches Kind kann der Grund sein. «Es gibt Geschichten ohne Ende», sagt sie.

Plötzlich das Leben in Dokumente fassen müssen

Willi Weber erzählt die des Zentralafrikaners, der weit entfernt der Hauptstadt Bangui geboren ist und nie eine Geburtsurkunde besaß. Der dann nach Stammesrecht heiratete und sich später wieder schied, indem er dreimal «Ich verstoße dich» sagte. «Der ist, wenn er in Deutschland heiraten will, vor eine fast unlösbare Aufgabe gestellt», gibt der Standesbeamte zu. Mit Hilfe von Zeugen lassen sich alle drei Urkunden nachträglich beantragen – aber so etwas kann viele Monate dauern und wird durch die Reisen richtig teuer. Teurer als ein Kurztrip nach Skandinavien.

Auch Dänemark kurbelt sein Brutttoinlandsprodukt dank dem Heiratstourismus kräftig an. Viele Kommunen schreiben einige Tage Aufenthalt vor, einen vorzeigbaren Brautstrauß gibt es ab 100 Euro aufwärts, und auch Friseure oder Restaurants hören beim Stichwort Hochzeit schon die Kronen in der Kasse klingeln.

Seit etwa zwei Jahren flaut der Trend zur Rapid-Hochzeit in Dänemark jedoch wieder ab. Dies hängt mit dem bleiberecht für Deutschland zusammen, denn die Bedingungen haben sich verschärft. Wer nur mit einem Schengen-Visum für Touristen eingereist ist, muss zunächst zurück in sein Land und von dort aus die Familienzusammenführung beantragen. Besonders kompliziert wird dies, wenn der deutsche Partner arbeitslos ist, erklärt Natalia Seifferth. «Ein Arbeitsloser darf in Deutschland keinen Ausländer heiraten. In Dänemark fragt niemand nach dem Einkommen, da dürfen sie heiraten. Aber die deutsche Botschaft im Herkunftsland will erst sehen, dass der deutsche Partner angefangen hat zu arbeiten», schildert sie typische Fälle.

Auch das obligatorische Sprachzertifikat kann die Familienzusammenführung verschleppen. Seit Sommer 2007 verlangen die Behörden das A1-Examen des Goethe-Instituts. Eigentlich kein Problem, doch in manchen Ländern unterliegt auch das Bestehen einer Prüfung den Regeln der Korruption. Natalia Seifferth erinnert sich an den Fall einer Dominikanerin, die zuhause mehrfach durchgefallen war. Schließlich gelang ihr die Einreise nach Deutschland durch eine Privateinladung – und sie bestand auf Anhieb. Darauf aber hat die Heiratsmanagerin keinen Einfluss mehr.

iwe/news.de

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