So., 12.02.12

Marion Gräfin Dönhoff Eine Frau unter Männern

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 02.12.2009

Kaum ein Journalist hat die deutsche Presselandschaft derart geprägt wie Marion Gräfin Dönhoff, eine Frau mit Prinzipien und Widersprüchen. Ein Rückblick zum 100. Geburtstag.

Marion Gräfin Dönhoff hat gerne diskutiert und sich unterhalten. Nur das Privatleben, das war tabu. Die zwei Brüder, die dem Nationalsozialismus folgten, den sie so verabscheute, das Leben ohne Mann an ihrer Seite, ohne Freundinnen, aber mit vielen Freunden – über all das schweigt die Gräfin zeitlebens. Über anderes aber spricht und schreibt sie dafür mit umso größerer Entschlossenheit. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Die Karriere der Marion Gräfin Dönhoff beginnt, als in Deutschland die Gleichberechtigung noch in den Kinderschuhen steckt. Ihr erster Zeitungsartikel für die noch junge Zeit erscheint im März 1946, da ist Dönhoff 37, sechs Jahre später übernimmt sie bei der Hamburger Wochenzeitung die Leitung des Politikressorts.

Drei Themen bestimmen das Wirken der Ausnahmejournalistin, schreibt Theo Sommer, ehemaliger Herausgeber der Zeit und Weggefährte Dönhoffs, in einer Würdigung anlässlich ihres 100. Geburtstages: Der Widerstand gegen Hitler, die Aussöhnung mit dem Osten und die Kritik am entfesselten Kapitalismus.

Die 1909 in Friedrichstein in Ostpreußen geborene Journalistin ist eine widersprüchliche Figur. Aus adligem Haus – der Vater ist Mitglied des Preußischen Herrenhauses und Reichstagsabgeordneter, die Mutter, Ria von Lepel, Palastdame der Kaiserin Auguste Viktoria – vereint sie das standesgemäße, resolute Auftreten einer Dame mit selbstbewusster Bescheidenheit. Theo Sommer schreibt: «Sie konnte ausgelassen sein wie ein Teenager und nachdenklich wie ein philosophierender Oberförster. Sie aß Spargel in altfränkischer Manier mit der Hand und pfiff gellend auf zwei Fingern zwischen den Zähnen wie ihr Kutscher Grender, von dem sie das als junges Mädchen gelernt hatte.»

Zu Fuß, zu Pferd, im Porsche

In seinen Erinnerungen an sie spricht er von festlichen Abenden und eleganter Kleidung ebenso wie von ihrem kargen Mittagessen, «zwei schmalen Schnitten Vollkornbrot mit Salami-Belag». Er spricht von ihren Vorlieben, etwa für süße Spätlesen und davon, dass es aber auch durchaus mal klare Schnäpse sein durften. «Auf dem Parkett deutscher Schlösser fühlte sie sich ebenso zu Hause wie auf dem Lehmboden in einem afrikanischen Kral. Eine unermüdliche Spaziergängerin war sie und eine wirklich begeisterte Porsche-Fahrerin.»

Leben bedeutet für Dönhoff schon früh unterwegs zu sein. Europa, Afrika und die USA sind die ersten Stationen, dann übernimmt sie ein Gut in Ostpreußen, muss 1945 fliehen, sieben Wochen auf dem Pferd nach Westen. Ein Thema, das für den ersten Bestseller taugt: Namen, die keiner mehr nennt heißen ihre 1962 erschienen Erinnerungen, es folgen mehr als 20 weitere Bücher.

Für den deutschen Journalismus der Nachkriegszeit wird Dönhoff eine der prägenden Figuren. In einer von Männern dominierten Branche übernimmt sie 1968 die Chefredaktion der Zeit, vier Jahre später wechselt sie in die Position der Herausgeberin. Bis zum Schluss kümmert sie sich um die Belange des Blattes, kritisiert den Relaunch, muss mit einer neuen Generation von Journalisten klarkommen und Veränderungen akzeptieren, bleibt in manchen Dingen aber bei ihrer bestimmten, konservativen Haltung, wie der Verleger Dieter von Holtzbrinck über das ganzseitige Inhaltsverzeichnis schreibt, das sie rundherum ablehnte: «‹Man muss das ganze Blatt lesen›, war ihre Meinung dazu. Schließlich große Vertriebskampagnen, die die Gräfin für zu teuer und verzichtbar hielt (‹Wer die Zeit nicht freiwillig und unaufgefordert liest, ist des Blattes nicht würdig›).»

In anderen Dingen ist sie kompromissbereiter. Trotz des Verlustes ihrer Heimat setzt sie sich für eine Aussöhnung mit dem Osten ein. 1949 noch bezeichnet sie die Oder-Neiße-Grenze als völkerrechtswidrig, zehn Jahre später lehnt sie eine Verzichtserklärung der Bundesregierung auf die Ostgebiete kategorisch ab. 1970 aber unterstützt sie schließlich Willy Brandts Ostpolitik, akzeptiert die neuen Verhältnisse und prägt einen Satz, der ihr ganzes Wesen charakterisiert: «Vielleicht ist dies der höchste Grad der Liebe: zu lieben, ohne zu besitzen.»

Blick über den Tellerrand

Eines ihrer letzten Werke ist das Buch Zivilisiert den Kapitalismus, erschienen 1997. Schon damals kann sie sich gut vorstellen, wohin eine entfesselte Wirtschaft führen kann, die erste Krise der Jahrtausendwende erlebt sie noch mit, die Krise 2008 nicht mehr.

Ihre Arbeit hat ihr nicht nur Ehren eingebracht, Auszeichnungen und Anerkennung, sie hat ihr auch international politische Freunde beschert, darunter Helmut Schmidt, Henry Kissinger oder den gerade mit den Marion-Dönhoff-Preis ausgezeichneten Fritz Stern. Dabei waren diese Freundschaften nie zu eng, Dönhoff wahrt zeitlebens Distanz, Haltung, einigen gilt sie als unnahbar, einigen als steif. Dass sie das innerlich nicht ist, zeigt ein Brief, den sie an den Verleger Gerd Bucerius schreibt, nachdem dieser ihr ein Haus in Blankenese geschenkt hat: «Buc, ich wünschte, ich wäre imstande zu artikulieren, was ich empfinde, und Ihnen zu sagen, wie glücklich ich bin – aber das geht über mein Vermögen. Vielleicht ahnen Sie am ehesten, was mich bewegt, wenn ich sage, dass Sie mir ein Stück Heimat gegeben haben, obgleich ich doch dachte, daß es diesen Begriff für mich nie mehr geben würde. Ich danke Ihnen und umarme Sie. Marion».

Öffentlich aber zeigt Dönhoff ihre Gefühle selten. Und auch in ihren Texten herrschen eher Sachlichkeit und Zurückhaltung, auch wenn sie durchaus Stellung bezieht und aus ihrer eigenen Perspektive schreibt, teilweise sehr persönlich. 1985 schreibt die Neue Zürcher Zeitung über ihr Buch Weit ist der Weg nach Osten, was daran beeindrucke, seien «das persönliche Engagement und die Suche nach weit in die Historie ausgreifenden Perspektiven».

Und auch in die andere Richtung, in die Zukunft, blickt Dönhoff gerne, sie versucht, über den Tellerrand zu blicken, ob im Gespräch mit drei Punks in der Redaktion der Zeit oder als aktive Teilnehmerin an der Leitkultur-Debatte am Ende des Jahres 2000. Noch zwei Monate vor ihrem Tod nimmt sie an einer politischen Konferenz teil, am 11. März 2002 stirbt sie schließlich auf dem rheinland-pfälzischen Schloss Crottorf bei Friesenhagen.

Ihr Leben klingt nach, noch heute. Sie hat den Journalismus geprägt und eine der großen Zeitungen Deutschlands. Sie hat sich eingesetzt, hat diskutiert und gegen für sie unerträgliche Zustände angeschrieben. Sie hat all das getan in einer lange von Männern dominierten Welt, im Kreis von männlichen Freunden, ohne Ehemann, ohne Kinder. «Alles Männer. Und eine Frau», schreibt Elisabeth von Thadden in der Zeit.

voc/news.de
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