Von news.de-Redakteur Florian Blaschke - 31.08.2009, 16.12 Uhr

«Goethes Hinrichtung»: Des Geheimrats dunkles Geheimnis

Man kratzt nicht einfach an großen Namen, an Goethes schon gar nicht. 1783 aber kratzt der Dichter höchstselbst - er heißt das Todesurteil gegen eine Kindsmörderin gut - doch warum? Ein Roman beleuchtet den Fall - pünktlich zu Goethes 260. Geburtstag.

Viktor Glass kratzt mit seinem neuen Roman am Image des Nationaldichters. Bild: Rotbuch

Zufrieden ist der Gerichtsmediziner nicht mit seinem Untersuchungsobjekt, einer jungen Frau, die gerade geköpft worden ist. «Ich wünschte nur, sie wäre in ihrem Gefängnis nicht so gut genährt worden», schreibt Justus Christian Loder an diesem Tag des Jahres 1783 an Jacob Friedrich Freiherr von Fritsch, «so wäre sie für meine Demonstrationen brauchbarer». Sein Problem: «Mit den Skalpellen, die wir haben, kommen wir nicht durch diese Schwarten, ohne sie arg zu verstümmeln.»

Die junge Frau, von der da so unverblümt die Rede ist, ist Johanna Catharina Höhn, Dienstmagd eines Weimarer Müllers. An diesem Tag ist sie hingerichtet worden, weil sie ihr Kind getötet hat. Eine ungewollte Schwangerschaft, sogar eine von ihr unbemerkte. Vor allem aber ist das Kind unehelich, Höhn überfordert und unaufgeklärt. Doch sie gesteht die Tat, aus Angst vor der Folter, obwohl ihr Dienstherr sie zum Beischlaf gezwungen hat. Das Todesurteil wird lange diskutiert, auch die Art der Hinrichtung. Lebendig begraben und dann pfählen? Ertränken? Oder schlicht köpfen?

Der Gerichtsmediziner Loder spricht sich für das Köpfen aus, da das Pfählen «zu große Zerstörungen an den Organen» anrichtet und seinen Forschungen im Weg steht. Der Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach lässt das Consilium, sein höchstes Beratergremium, entscheiden, das aus drei Personen besteht: Christian Friedrich Schnauß, Jakob Friedrich von Fritsch und Johann Wolfgang von Goethe, der am 28. August 260 Jahre alt geworden wäre. Schnauß ist für die Todesstrafe, Fritsch dagegen, also gibt Goethes Votum den Ausschlag. Und der Geheimrat pflichtet Loder bei und plädiert für die Hinrichtung - gegen die Meinung seines Landesherren.

Es scheint unvorstellbar, dass ausgerechnet Goethe, der mit der Gretchentragödie in seinem Faust die Lebensumstände einer Kindsmörderin so einfühlsam geschildert hat, eine solche Entscheidung trifft. Und so ist seine Verstrickung in diesen Justizfall viel diskutiert worden, gerade unter Historikern und Germanisten, aber auch unter Psychologen und Juristen. Auch deshalb, weil das Consilium andere Kindsmörderinnen durchaus freigesprochen hat. Nun legt Viktor Glass mit Goethes Hinrichtung einen Roman aus diesem Stoff vor. Das Licht, das er damit wie die gesamte Debatte auf den Nationaldichter wirft, mag nicht so recht passen zum Schöngeist und Literaten, der er war. Es passt aber zu einem Menschen, der, und auch das erzählt der Roman, zeitweise einen Lebensstil führte, der mit ausschweifend noch harmlos umschrieben ist.

Regieanweisung für eine Hinrichtung

Dasselbe gilt auch für Carl August, den eine tiefe Freundschaft mit Goethe verband. 38 uneheliche Kinder soll er in seinen 70 Lebensjahren gezeugt haben, bei so mancher dieser Ausschweifungen soll Goethe dabei gewesen sein.

Viktor Glass erzählt die packende Geschichte der Johanna Catharina Höhn aus mehreren Perspektiven. Aus ihrer eigenen, der von Goethe und der des Großherzogs. Glass die Nöte der jungen Frau, ihre Unsicherheit und den Druck, den ihre Herren auf sie ausüben. Und er schildert eine Zeit, in der die Todesstrafe durchaus debattiert wird, in der ihre Abschaffung im Raum steht. Die Hinrichtung Johanna Höhns aber geschieht 1783, nach der damals noch geltenden so genannten peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V. von 1532.

Goethe verfasst 1783 ein schriftliches Gutachten, das jedoch nicht mehr existiert. Dafür aber gibt es andere Quellen, die Glass zur Recherche gedient haben, die Dokumentation Das kurze Leben der Johanna Catharina Höhn von Rüdiger Scholz etwa, 2004 erschienen, eine klare Anklage an den Dichter, anders als Das Kind in meinem Leib von Volker Wahl und René Jacques Baerlocher, die Goethe eher verteidigen. Und nicht zuletzt hat auch Daniel Wilson eine Rolle gespielt, der in den vergangenen Jahren die Weimarer Archive durchsucht und 2008 ein aufschlussreiches Dokument gefunden hat: Ein Art Regieanweisung für die Hinrichtung, darüber, wie über die «arme Sünderin Annen Catharinen Höhnin aus Tannroda gebürtig das Hochnothpeinliche Halßgerichte zu halten» sei.

Glass' Buch ist in erster Hinsicht der spannende Versuch, einen historischen und äußerst diskussionswürdigen Stoff in die Handlung eines Romans einzuspannen. Das Ergebnis, geschrieben im ungewohntem Präsens und äußerst sachlich im Stil, überzeugt vor allem, weil es ständig die Perspektive wechselt. Sein Roman ist aber auch ein Dokument, das Einblicke in die Zeit Goethes erlaubt, in die Gesellschaft, das Leben und vor allem die Moralvorstellungen, die vor gut 120 Jahren geherrscht haben. Und er schildert eindrücklich den Politiker Goethe, der so anders gewesen zu sein scheint als der Dichter, der Mensch, der Humanist. In diesem Jahr der Hinrichtung schreibt er: «Ich habe mein politisches und gesellschaftliches Leben ganz von meinem moralischen und poetischen getrennt.» Es schlagen zwei Seelen in der Brust des Dichters.

Glass tut gut daran, wie er im Nachwort schreibt, den viele wissenschaftlichen Biografien Goethes nicht noch eine hinzugefügt zu haben. Sie wäre überflüssig gewesen, darin hat der Autor zweifelsohne Recht. So aber hat er die Möglichkeit genutzt, «spielerisch mit den Ereignissen umzugehen» und Goethe so zu skizzieren, wie er ihn sich vorstellt. «Im Verlauf meiner Arbeit ist der ferne Unbekannte, der Goethe für mich gewesen war, mir sympathisch geworden, er ist mir näher, als er durch Schulunterricht oder die bloße Lektüre seiner Werke je hätten werden können.» Diese Nähe, und das ist das große Verdienst dieses Romans, erschließt sich auch dem Leser.

Autor: Viktor Glass
Titel: Goethes Hinrichtung
Verlag: Rotbuch Verlag
Seitenzahl: 223 Seiten
Preis: 19.90 Euro
Erscheinungsdatum: 17. August 2009

voc/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser