Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 18.12.2009, 13.25 Uhr

Chirurg: Traumberuf unter Albtraumbedingungen

Traumjob Arzt? Von wegen! Überstunden und überbordende Bürokratie gehören für viele Chirurgen zum Berufsalltag. Das geht aus einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie hervor, die sich auch mit Gehirndoping unter Ärzten beschäftigt.

Immer mehr Operationen, immer mehr Bürokratie: Die Arbeitsbelastung für Chirurgen nimmt zu. Bild: ddp

Mehr Operationen, mehr Bürokratie – so sieht kurz zusammengefasst der Berufsalltag für Chirurgen aus. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Eingriffe im Vergleich zu 2007 um 5,2 Prozent an. Zugleich mussten die Chirurgen immer mehr Büroarbeit erledigen. Das macht laut einer aktuellen Befragung inzwischen einen Großteil der Gesamtarbeitszeit aus.

Ihren Job würden die meisten Chirurgen dennoch nicht aufgeben. Er ist nach wie vor ein Traumberuf, den sie teilweise «unter Albtraumbedingungen» ausüben müssen. So beschreibt es ein Teilnehmer der Studie zur Lebensqualität deutscher Chirurgen, deren erste Ergebnisse die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) kürzlich in Berlin vorstellte.

3642 Mediziner, darunter mehr als 3000 Chirurgen, haben an der Befragung teilgenommen. Anhand rund der Hälfte der Fragebögen lässt sich bereits eine Tendenz ablesen: Etwa 40 Prozent der Befragten schätzen ihre Lebensqualität schlechter ein als die der Durchschnittsbevölkerung. «Lebensqualität in der Chirurgie? Die gibt es doch gar nicht!», brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt. Drei Viertel beklagen sich darüber, dass sie zu wenig Zeit für Familie und Privatleben haben, dass die verwalterische Tätigkeit mit zwei Drittel Überhand gewinnt und das operative Handwerk zu kurz kommt.

Chirurgen und die Lebensqualität

Die Idee zu dieser Untersuchung hatte Privatdozent Dr. Thomas Bohrer nach einer anstrengenden Nachtschicht. Der 43-Jährige gab die Suchbegriffe «Lebensqualität» und «Chirurgie» im Internet ein – und stieß auf nichts. Was ihn einerseits verwunderte, andererseits auch wieder nicht. Bohrer ist selbst Chirurg, genauer: Oberarzt an der Klinik für Thorax-, Herz- und Thorokale Gefäßchirurgie der Universitätsklinik Würzburg.

«Der Arbeitsalltag von Chirurgen hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch gewandelt», sagt er. Neben Operationen müssten die Chirurgen immer mehr zusätzliche Arbeitszeit am Schreibtisch verbringen. Überstunden seien zur Regel geworden und an einen pünktlichen Feierabend brauche man ohnehin keinen Gedanken zu verschwenden. Der Alltag sei somit schwer planbar, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, geradezu eine Herausforderung, sagt der Vater von zwei Kindern. Und dennoch: Laut Befragung würden rund 80 Prozent den Beruf des Chirurgen ein zweites Mal wählen.

Chirurgen kommen in ihren Traumberuf allerdings nur nach einer langjährigen Ausbildung: im Durchschnitt sechs Jahre Studium der Humanmedizin und sechs Jahre Ausbildung in einem chirurgischen Fach. Das schreckt viele ab: Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen geht von 400 bis 600 Neueinsteigern im Jahr aus, nötig wären aber rund 1000. Mangelnde Perspektiven für Assistenzärzte, eine schlecht strukturierte Weiterbildung in den Krankenhäusern, extreme Arbeitszeiten, zu viele Verwaltungspflichten - das sind die Gründe, die gemeinhin für das nachlassende Interesse an dem Beruf genannt werden.

Bei dem wachsenden Leistungsdruck und Stress sind manche Ärzte versucht, zu Stimulantien zu greifen. Und damit ist keineswegs Kaffee gemeint. Nach einer Untersuchung der privaten Oberberg-Klinik im Schwarzwald steht Alkohol bei Suchtmitteln an erster Stelle, gefolgt von Medikamenten.

Die Sorge der DGCH vor dem Missbrauch von Psychopharmaka ist also begründet. Die chirurgische Fachgesellschaft warnt vor der Einnahme von Modafenil oder Methylphenidat (bekannt als Ritalin), die für die Therapie von krankhaftem Schlafdrang und Aufmerksamkeitsdefiziten entwickelt wurden. Diese Substanzen werden neuerdings unter dem Label «Neuroenhancement» als risikoarmes Mittel zur beruflichen Leistungssteigerung verharmlost. Ärzte hätten darauf erleichterten Zugriff – zum Risiko der Patienten. «Bei einem chirurgischen Eingriff sind in höchstem Maße klare Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft gefragt», sagt Professor Hartwig Bauer, Generalsekretär der DGCH. Die «smart pills» könnten dies beeinträchtigen, und auch die nötige kritische Selbsteinschätzung im Rahmen des Operationsgeschehens könne verloren gehen.

Kontroverse Diskussion über Neurodoping

Das Thema «Neurodoping» wird seit Jahren unter Ärzten und Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Einige werten die Substanzen als Einstiegsdrogen, andere schätzen das Risiko für eine Sucht weniger dramatisch ein. Einige dieser leistungssteigernden Mittel stecken noch in der Forschungsphase, andere wiederum sind seit Jahren auf dem Markt. Zum Teil sind sie als rezeptpflichtige Medikamente erhältlich, wie zum Beispiel Ritalin oder Modafenil. Mit etwas Geschick ließen sich die Pillen jedoch über Online-Angebote beziehen, so die DGCH. Zudem gehöre Ritalin zu den Medikamenten, die Ärzte besonders häufig ohne passende Diagnose verordneten.

«Wir wissen, dass diese Substanzen zu Persönlichkeitsveränderungen führen, dass die Menschen angespannter und aggressiver werden, mehr streiten», warnte Professor Götz Mundle, Suchtforscher und Leiter der Oberberg-Klinik vor ein paar Tagen in der WDR-Sendung Servicezeit Gesundheit vor der Einnahme von Ritalin und Modafenil. «Das kann hingehen bis zu schweren Depressionen oder auch paranoiden Zuständen, und das ist den Menschen heute eben nicht wirklich bewusst.» Seit einigen Jahren behandelt Mundle zunehmend Patienten mit einer Ritalinsucht, darunter Manager, Piloten, Studenten, aber auch Therapeuten und Ärzte.

Dr. Bohrer kennt die Schattenseiten seines Berufs: 70 bis 80 Wochenstunden, Wochenend- und Feiertagsdienste. «Chirurg zu sein, ist eine körperlich anstrengende Arbeit, vor allem, wenn man die ganze Nacht im OP verbringen und hoch konzentriert arbeiten muss.» Dennoch würde er nie zu Wachmacherpillen greifen. «Sie machen auf Dauer krank und abhängig und vermindern die Leistungsfähigkeit», ist er überzeugt. In seiner Studie hat er danach gefragt, ob Neurodoping im chirurgischen Alltag eine Rolle spielt. Die Antworten werden allerdings erst im Frühjahr 2010 auf der Jahrestagung der DGCH in Berlin vorgelegt.

kat/nbr/news.de

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