Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 14.09.2009, 15.59 Uhr

Nägelkauen: Knabbern, bis die Fingerkuppen bluten

Ärger in der Schule, Stress im Büro oder einfach nur Verlegenheit: Viele Menschen knabbern in unangenehmen Situationen an ihren Fingernägeln. Häufig ist das nur eine schlechte Angewohnheit, aber es kann auch mehr dahinter stecken.

Nägelbeißen kann Ausdruck einer seelischen Erkrankung sein. Bild: Istockphoto

Nägelkauen ist eine weitverbreitete Unsitte, unter der auch promimente Opfer leiden. Popsängerin Britney Spears zum Beispiel oder Schauspieler Orlando Bloom. Nach Schätzungen tun es in Deutschland rund zehn Prozent der Erwachsenen und 30 Prozent der Kinder. Manche knabbern lediglich an ihren Nägeln, andere beißen sie aber soweit ab, dass sie sich dabei verletzen.

In der Psychologie ist das Nägelkauen - in der Fachsprache Onychophagie genannt - immer noch eine Randerscheinung und bislang nur wenig erforscht. Psychologen bezeichnen es als Leerlaufhandlung, als eine Angewohnheit, die bei verschiedensten Anlässen auftreten kann und eine gewisse Befriedigung und Entlastung mit sich bringt.

«Das Nägelkauen kann eine Form von Stressabbau sein, allerdings eine unangemessene», sagt Privatdozentin Dr. Katarina Stengler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Stress, Angst und Anspannung sind die häufigsten Auslöser. In solchen Situationen kann die Kauattacke Spannungen abbauen.

FOTOS: Nägelkauen Das große Knabbern

Als schwerwiegendes psychisches Problem sehen Therapeuten die Onychophagie in den meisten Fällen aber nicht, allenfalls als Verhaltensauffälligkeit. Möglicherweise besteht auch eine erbliche Veranlagung, darauf weisen jedenfalls Untersuchungen an Zwillingen hin.

Bei Kindern ist die lästige Angewohnheit meist vorübergehend

Der persönliche Leidensdruck ist oft groß. Schließlich lässt sich die Folge der Kauerei kaum verbergen: Abgeknabberte Nägel sehen nicht gerade ästhetisch aus. Schmerzhaft wird es zudem, wenn sich das Nagelbett entzündet. Therapeutischen Handlungsbedarf sieht Stengler aber erst, wenn jemand so viel kaut, dass der Alltag und das soziale Leben beeinträchtigt sind: «Etwa wenn ein Kind vor lauter Nägelkauen seine Schularbeiten nicht mehr macht oder wenn andere psychische Auffälligkeiten dazukommen.»

Oft beginnt das Nägelbeißen im Kindergartenalter. Eltern knabbernder Kinder können aber erst einmal gelassen bleiben. Denn häufig handelt es sich dabei um eine vorübergehende Episode. Nach Ansicht der Expertin ist das Verhalten eine Art Automatismus, der sich mit der Zeit reguliert.

Lässt beispielsweise der Stress in der Schule nach, könnte das Kauen an den Nägeln seinen Sinn verlieren und «abgelegt» werden. Ähnlich wie ein Kind, das mit zunehmendem Alter aufhört zu krabbeln, wachse es förmlich aus dem Nägelkauen heraus. Ignorieren sollten Eltern es trotzdem nicht. Statt zu schimpfen, sollten sie aber lieber Anreize zum Aufhören geben, zum Beispiel kleine Belohnungen, wenn die Nägel wieder gewachsen sind.

Tipps zum Abgewöhnen

Auch Erwachsene können sich die Beißerei noch abgewöhnen. Dabei gilt: Ohne festen Willen geht es nicht, der allein ist aber zu wenig. Stengler rät Betroffenen zur Selbstanalyse: In welchen Situationen kaue ich? Gibt es Alternativverhalten? Ist abzusehen, dass es demnächst stressig wird, könne der Betroffene zum Beispiel vorher etwas essen oder trinken. «Wichtig sind Maßnahmen zum Stressabbau – auch in konkreten Situationen.» Wer genau weiß, wann er kaut, kann Stoppsignale vereinbaren und alternatives Verhalten trainieren, eventuell mit therapeutischer Unterstützung. Oft reicht eine kurze Beratung aus.

Bitter schmeckende Tinkturen und Lacke aus der Apotheke, die auf die Nägel gepinselt werden, können beim Abgewöhnen helfen. «Der unangenehme Geschmack hält vom Kauen ab», sagt Apotheker Dr. Joachim Kresken aus Viersen. Das befremdliche Aroma erinnert bei jedem Mundkontakt an die lästige Angewohnheit und lässt einen innehalten.

Künstliche Fingernägel sind auch eine Methode sich das Kauen abzugewöhnen. Wenn sie gut gemacht sind, sehen sie gar nicht künstlich aus, sagt Kresken. Außerdem sind die Nägel so hart, dass ein Abbeißen fast unmöglich ist. Und es gibt auch unauffällige Modelle für Männer.

Einen anderen Weg schlägt der Niederländer Alain-Raymond van Abbe vor: Er entwickelte eine Wunderwaffe gegen die Angewohnheit, an den Nägeln oder Fingern zu knabbern: in Form einer Zahnschiene. Diese wird auf die obere und untere Zahnreihe gesetzt und macht es unmöglich zu kauen oder beißen. Nach mehrwöchiger Verwendung des Zahnschutzes, der nur zu den Mahlzeiten entfernt werden soll, gewöhnen sich Nägelbeißer aus Frust darüber, dass sie es nicht tun können, das Laster angeblich ganz ab.

ham/news.de

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