Parodontose Kranke Zähne bringen das Herz aus dem Takt

Chronisch entzündete Zähne können die Ursache für permanente Herzbeschwerden sein - aber nicht nur: Auch ein Schlaganfall oder Erkrankungen der Atemwege können durch kranke Zähne ausgelöst werden.

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Regelmäßige Kontrolle beim Zahnarzt ist wichtig. Bild: dpa

Herzrhythmusstörungen waren es, die einen 50-jährigen Münchner in regelmäßigen Abständen in die Klinik brachten. Die Ärzte waren jedes Mal ratlos, wenn der Mann wieder mit rasendem Puls und Todesangst eingeliefert wurde. Sein Herz war angeblich gesund. Warum der Muskel immer wieder aus dem Takt geriet, erfuhr er dann ausgerechnet beim Zahnarzt: Bakterien aus 14 tiefen Zahnfleischtaschen hatten übers Blut permanent das Herz attackiert. Seit der Parodontosebehandlung ist alles gut, das Herz stolpert nicht mehr.

Dass chronisch entzündete Zähne und Zahnfleisch, also Parodontitis, die Ursache für schlimme Krankheiten sein können, wissen nur die wenigsten Bürger in Deutschland. Schlaganfall, Herzinfarkt, chronische Atemwegserkrankungen - all das kann durch kranke Zähne und eine schlechte Mundhygiene ausgelöst werden, warnt die Sektion Zahngesundheit im Deutschen Grünen Kreuz. Auch bei Schwangeren kann das die Ursache für Komplikationen wie eine Frühgeburt sein.

Kranke Zähne, kranker Körper - dieser Zusammenhang wird Fachleuten zufolge nach wie vor zu selten erkannt. Vor allem die Volkskrankheit Diabetes, also Alterszucker, steht in einer gefährlichen Wechselwirkung zu Parodontitis.

Dabei sind Entzündungen des Zahnhalteapparats sehr weit verbreitet in der Bevölkerung. Etwa 23 Millionen Menschen zwischen 35 und 74 Jahren müssten deswegen in Behandlung - merken die Krankheit im Mund aber meist zu spät, so das Fazit der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie aus dem Jahr 2006.

Eine Parodontitis verläuft nämlich anfangs schmerzlos. Fast unbemerkt bilden sich Zahnfleischtaschen, und der Kieferknochen wird abgebaut. Das Zahnfleisch ist gerötet, es blutet, Zähne lockern sich, unangenehmer Mundgeruch kommt dazu. Auslöser sind Keime im Zahnbelag, auch Plaque genannt. Raucher haben ein besonders hohes Risiko, Parodontits zu entwickeln - und dann plötzlich Herzprobleme zu bekommen oder andere schlimme Folgekrankheiten.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Zahnarztbesuche wichtig für Diabetiker sind

Aber wie beeinflusst der kranke Mund den restlichen Körper? Aus den vertieften Zahnfleischtaschen werden permanent entzündungsfördernde Botenstoffe ausgeschüttet, erklärt Ulrich Schlagenhauf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie. Über die Blutbahn gelangen sie in den Körper. Und weil manche der Bakterien direkt in die Zellen der Gefäßwände eindringen, können sie schwere Erkrankungen auslösen. Zum Beispiel Endokarditis, eine infektiöse Entzündung der Herzinnenhaut.

Nicht mehr nur Bluthochdruck, Übergewicht oder erhöhte Blutfettwerte zählen damit zu den klassischen Risikofaktoren für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auch die Parodontitis gehört mittlerweile dazu. Studien zufolge haben Menschen mit Entzündungen des Zahnhalteapparats ein bis 1,7-fach höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.

Besonders gefährlich kann eine Parodontitis für die schätzungsweise rund acht Millionen Diabetiker in Deutschland sein. Bleiben entzündete Zahnfleischtaschen eines Patienten unbehandelt, wird sich seine Zuckerkrankheit in der Regel verschlechtern. Die Entzündung im Mund bewirkt, dass das Hormon Insulin nicht mehr ausreichend im Körper wirkt. Mögliche Folge: Nierenschäden und arterielle Verschlusskrankheiten der Beine.

Zugleich hat ein Diabetiker ein drei Mal höheres Risiko, an Parodontitis zu erkranken als ein gesunder Mensch. Sind seine Blutzuckerwerte überhöht, schwächt das auch die Widerstandskraft seiner Zähne. Eine Infektion wird so begünstigt. Dazu kommt, dass eine nicht behandelte Parodontitis bei schlecht eingestellten Diabetikern schneller und heftiger verläuft als bei kontrollierten Zuckerkranken und gesunden Menschen. Bakterien können sich in ihrer Mundhöhle deutlich schneller vermehren.

Je früher eine Parodontalerkrankung erkannt und therapiert wird, desto besser sind die Heilungschancen für den Patienten, betont Schlagenhauf. Eine bestehende Erkrankung kann meist gestoppt werden.

Wie vergleichsweise einfach das gehen kann, merkte auch der 50-jährige Münchner. Sein Zahnarzt verordnete ihm eine spezielle Reinigung aller 14 entzündeten Zahnfleischtaschen. Die Helferin zeigte ihm alle Tricks zur optimalen Mundhygiene, damit die Plaque nicht noch einmal so stark wird. Wenig später war der Entzündungsherd in seinem Körper im Griff, das Blutbild in Ordnung und das Herz wieder im Takt.

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