Von Claudia Arthen - 23.09.2008, 16.58 Uhr

Psychologie des Alltags: Von Eichhörnchen und fröhlichen Konsumenten

Im Alltag stoßen immer wieder Menschen aufeinander, die unterschiedlich mit Besitz umgehen. Die einen kaufen sich ein Auto und lassen es tagelang in der Garage stehen, damit es blitzblank bleibt. Die anderen unternehmen gleich eine Fahrt ins Blaue mit dem neuen Flitzer.

Eichhörnchen sind fleißige Sammler. Bild: news.de

Psychologe Hans-Werner Rückert nennt die einen Eichhörnchen und meint damit eher hortende Menschen, während er die anderen als fröhliche Konsumenten bezeichnet. «Man könnte auch von der Ameise und der Heuschrecke sprechen», sagt der Leiter der Psychologischen Beratung an der Freien Universität Berlin mit Hinweis auf eine Tierfabel des altgriechischen Dichters Äsop. In der Fabel geht es um eine Heuschrecke, die sich den ganzen Sommer über auf dem Feld amüsiert, während die fleißige Ameise für den Winter Getreide sammelt. Kaum ist der Winter gekommen, muss die Heuschrecke bei der Ameise betteln. Zuerst ziert sich die Ameise und hält den Faulenzer hin, aber schließlich erbarmt sie sich doch und gibt von ihren Vorräten ab.

So wie die Heuschrecke und die Ameise in der Fabel können auch Eichhörnchen und fröhliche Konsumenten voneinander lernen. Zum Beispiel, dass es verschiedene Glücksquellen gibt: besitzen, hegen, pflegen, anschauen, polieren und bewahren auf der einen Seite, und benutzen sowie rauschhaft und großzügig verbrauchen auf der anderen Seite. «Voraussetzung ist jedoch, dass Bereitschaft vorhanden ist, von jemanden, der anders denkt oder fühlt, zu lernen; die Bereitschaft also, Andersartigkeit als Bereicherung und Chance zu sehen und nicht nur als eine bizarre Abweichung oder Besonderheit», sagt Rückert.

«Mit dem Prinzip ,erst kommt die Arbeit und dann das Vergnügen’ lassen sich oftmals größere kulturelle oder materielle Ziele erreichen», sagt der Psychoanalytiker. Von dieser Erkenntnis könnten vor allem die unbedarften Konsumenten profitieren. Indem sie zum Beispiel ihre Anschaffungen langfristig planten und Geld ansparten, seien sie oft in der Lage, sich ein hochwertiges Produkt zu kaufen. «Durch die Verzögerung entsteht auch Vorfreude», erläutert der Psychologe.

Was Eichhörnchen lernen können

Viele Eichhörnchen wiederum könnten sich bei anderen den Spaß abschauen, Dinge nicht nur zu besitzen, sondern sie auch zu benutzen. Einige tendierten zum Beispiel dazu, Einrichtungsgegenstände oder Kleidungsstücke zu schonen. «Gerade Ältere sehen darin eine Wertanlage und möchten die Sachen weitervererben», sagt Rückert. Damit würden sie sich aber oft verkalkulieren, denn vielfach wolle ihre Familie den teuren Persianer oder die wuchtige Schrankwand gar nicht haben. Ihnen könnte es daher gut tun, die Schonbezüge von der Couch zu nehmen und ihre Sachen mehr zu genießen.

Hinter der Einstellung «Besitzen ja, Gebrauchen nein» können allerdings auch psychologische Probleme stecken. Als Beispiel nennt Rückert einen Mann, der darunter leidet, dass er sich ständig neue Oberhemden kauft, diese aber nicht anziehen kann. Mit professioneller Hilfe sollte er den Ursachen für sein Verhalten auf den Grund gehen. Es könnte zum Beispiel sein, dass er damit Muster aus der Kindheit wiederhole oder sich unbewusst selbst bestrafen wolle. «Betroffene müssen erst lernen, sich etwas zu gönnen und keine Angst vor Neuem zu haben», sagt Rückert.

Beide Gruppen – Eichhörnchen und Konsumenten – haben ihre Vorteile und in der entstellten Form ihre Nachteile: Knauserigkeit und besinnungsloser Konsum. «Davon will sicher niemand etwas lernen», sagt Rückert. Abgucken könne man sich jedoch das Achtsam-Bewahrende, das auch das kulturelle Gedächtnis achtet, das in alten Büchern, Kunstwerken oder anderen Gegenständen steckt. Oder eben das Erleben der Großzügigkeit, einmal nicht nur auf den Cent zu schauen, nicht nur zu hüten, sondern auch einmal etwas zu riskieren, beispielsweise in der Spielbank oder auf der Rennbahn.

Wenn aber weder Eichhörnchen noch fröhlicher Konsument die Position des anderen übernehmen wollen, dann sollten sie sich wenigstens auf einen Kompromiss einigen. Rückert erklärt das am Beispiel um das ewige Theater über den Kauf von Feuerwehrraketen zu Silvester. «Es ist ja richtig, dass man das Geld auch für einen karitativen Zweck spenden könnte, aber man könnte es auch verjubeln und buchstäblich in die Luft jagen», sagt er. Am besten, man verbindet beides und investiert einen Teil des Geldes in Raketen für den Silvesterspaß und spendet den anderen an ein Hilfsprojekt.

hos/news.de

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