02.08.2009, 19.00 Uhr

Blutvergiftung: Der Schock in Venen und Arterien

Sie kann durch kleine Verletzungen ausgelöst werden und die Diagnose ist schwierig. Die Blutvergiftung ist eine heimtückische Erkrankung - wie der Tod der ehemaligen TV-Moderatorin Ilona Christen zeigt.

Im Fall einer Sepsis muss das Blut schnell auf Keime kontrolliert werden. Bild: dpa

Ein harmloser Sturz wurde Ilona Christen zum Verhängnis. Dabei zog sich die 58 Jahre alte ehemalige TV-Moderatorin ein Hämatom zu, aus dem sich eine Blutvergiftung und schließlich eine Sepsis entwickelte, gegen die sich ihr Körper nicht mehr zu wehren wusste.

Ilona Christen ist kein Einzelfall: In Deutschland sterben jeden Tag 140 Menschen an Sepsis. Für Professor Konrad Reinhart ist die Sepsis eine nahezu unbekannte Volkskrankheit. «Die Sterblichkeit steigt mit jeder Stunde ohne Antibiotika um sieben Prozent», sagt der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Uniklinikum Jena. Die hohe Zahl der Todesfälle offenbart die großen Defizite bei Diagnose und Therapie.

Die Sepsis wird durch Bakterien, Pilzen oder Parasiten ausgelöst und kann als Komplikation bei allen Infektionskrankheiten auftreten, wie beispielsweise bei einer Lungen- oder Mandelentzündung. Wenn es dem Körper nicht gelingt, diese Infektion auf den Ursprungsort zu begrenzen, lösen die Gifte der Krankheitserreger eine Entzündung in allen lebenswichtigen Organen des Körpers aus. Innerhalb weniger Stunden drohen diese dann zu versagen. In dieser Situation besteht trotz einer Antibiotikatherapie ohne sofortige intensivmedizinische Behandlung keine Überlebungschance.

Eile ist geboten, denn Diagnose und Therapie laufen bis jetzt noch «wie vor hundert Jahren» ab, muss Reinhart eingestehen. Um den Erreger - Bakterien oder Pilze - zu identifizieren, werden sie in 48 bis 72 Stunden gezüchtet. In dieser Zeit können die dem Kranken verabreichten Antibiotika nur breit gestreut und nicht zielgerichtet werden. Sollten die Antibiotika nicht anschlagen, stirbt der Patient.

Auch die klinische Diagnostik arbeitet nach überholten Methoden. Blutdruck, Atmung und die Zahl der weißen Blutkörperchen werden überprüft. Ein sepsisspezifischer Anzeiger fehlt leider im Blut. «Die Pharmaindustrie hat Milliarden Euro bei der Suche nach einem wirksamen Medikament in den Sand gesetzt», bedauert der Professor. «Nach über 30 negativen Studien hat es nur ein Medikament zur Marktreife gebracht.»

Auslöser für eine Sepsis kann eine Blutvergiftung sein. Sie kann sich selbst aus einer harmlosen infektiösen Entzündung entwickeln. Wenn das Immunsystem versagt, können die aggressiven Erreger über den Blutkreislauf in schlecht geschützte Körperregionen wie Bauchhöhle, Gehirn oder Lunge eindringen. Die eigentliche Todesursache ist das Versagen lebenswichtiger Organe. Die Intensivmedizin kann kritische Phasen mit Nierenersatztherapie, Kreislauftherapie und Gerinnungstherapie überbrücken. Überlebende leiden häufig unter Muskelschwäche und Nervenschäden.

Die Zahl der an Sepsis Erkrankten wird nach Angaben der Deutschen Sepsisgesellschaft in den nächsten Jahren stetig zunehmen, weil mit dem medizinischen Fortschritt auch die Zahl der Gefährdeten mit geschwächtem Immunsystem wächst. Denn: Große Operationen werden auch bei hochbetagten Menschen vorgenommen. Immer kleinere Frühgeborene überleben. Krebs wird mit immer aggressiveren Therapien behandelt. Begleiterkrankungen wie Diabetes und Lebererkrankungen nehmen zu.

 

Weiterführende Links:

Ehemalige TV-Moderatorin: Ilona Christen ist tot
Stechmücken: Mit Lavendel und Zitrone gegen die Plagegeister
Übersehene Volkskrankheit: 140 Menschen sterben täglich an Sepsis

Aus dem Netz:

Ein Special des Hessischen Rundfunks erläutert die Sepsis im Detail

car/news.de

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