Mo., 13.02.12

Wattenmeer Wo die schnellste Schnecke der Welt lebt

Von Timo Lindemann

Artikel vom 26.06.2010

Seit einem Jahr ist das Wattenmeer nun UNESCO-Weltnaturerbe. Bei einer geführten Wattwanderung erfahren Touristen, dass sich in dieser Zeit in Sachen Naturschutz zwar viel getan hat, aber trotzdem noch lange nicht alles gut ist.

Endlich. Es dauert eine ganze Weile, dieses unvergleichliche Erlebnis zu haben, das eine Wattführung erst zur Wattführung macht. Anfangs ist der Sand nur ein bisschen feucht, doch etliche Schritte weiter quillt beim Aufsetzen des Fußes erstmals der kühle Schlick zwischen den Zehen. Angekommen.

Allein vom Parkplatz bis zum Leuchtturm in Westerhever (Schleswig- Holstein) dauert der Fußmarsch locker 20 Minuten - noch in Schuhen. «Start der Wattführung ist etwa zwei Stunden vor dem Niedrigwasser. Wir ziehen die Schuhe am Rand der Salzwiesen aus», sagt Christof Goetze, Diplom-Biologe von der Schutzstation Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, bei strahlendem Sonnenschein und leichter Brise. Niedrigwasser ist der Punkt, an dem Ebbe zur Flut wechselt. Anders ausgedrückt: bei Niedrigwasser ist das Watt am größten. Zunächst läuft man also dem Wasser hinterher, um ihm dann zu entkommen.

Die Frage «Was ist eigentlich Watt?» hat der 44-Jährige schon oft gehört. «Watt ist trocken fallender Meeresboden, auf dem man laufen kann. Schlickwatt entsteht, wenn sich Sinkstoffe in ruhigem Wasser ablagern können», erklärt er. Und seit einem Jahr kommt als Antwort hinzu: Das Wattenmeer ist UNESCO-Weltnaturerbe.

Nur Unerfahrene tragen Schuhe

Bei der Wanderung vom Land zum Meeresboden - die Schuhe sind längst ausgezogen - ändert sich die Vegetation allmählich. Goetze zeigt auf eine kleine Pflanze. Je weiter der Leuchtturm entfernt ist, umso mehr wächst der Queller, ganze Wiesen sind davon zu sehen. Ein roter oder grüner Stängel, erst einige Millimeter hoch, später bis zu zehn Zentimeter. «Den kann man essen.» Er schmeckt leicht salzig. Es geht über den ersten, noch trockenen Priel - den Fluss des Watts. «Jetzt sind wir im Bereich, wo sich Schlickgras-Inseln bilden», sagt der gebürtige Bremer. Es finden sich zwar immer noch Abdrücke von Schuhen, aber die tragen im Watt wirklich nur Unerfahrene.

Das Wattenmeer ist Heimat für etwa 10.000 Arten von Einzellern, Pflanzen, Pilzen und Tieren. Es ist die Kinderstube von Seehunden und Krabben sowie vieler Nordseefische, etwa Schollen, Heringe und Seezungen. Außerdem ist es mit rund zehn Millionen rastenden Vögeln das vogelreichste Gebiet Mitteleuropas. Einige Arten verdoppeln hier innerhalb von zwei Wochen ihr Gewicht, um dann weiter nach Norden zu fliegen.

Der unumstrittene Star im Watt ist allerdings der Wattwurm. «Er hat alles, was einen Star ausmacht», erzählt Goetze. Stimmt irgendwie, jedenfalls ist er überall zu sehen, und vor allem Kinder lieben den Wattwurm. Er filtert den Wattboden und scheidet reinen Sand wieder aus. «Das ist also gar nicht ‹igitt›», sagt der Wattführer und lacht.

Und was in Afrika die «Big Five» (Elefant, Nashorn, Afrikanischer Büffel, Leopard und Löwe) sind, sind im Wattenmeer die «Small Five»: Strandkrabbe, Herzmuschel, Wattschnecke, Nordseegarnele und eben Wattwurm. Ein Priel in kurzer Entfernung führt etwa zehn Zentimeter Wasser. Es ist ganz warm. «Hier ist zweimal am Tag viel Wasser und zweimal nicht. Die Tiere unterliegen extremen Temperaturschwankungen.»

«Wir haben schon viel erreicht, aber die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende.»

Der Wattführer nimmt eine Wattschnecke in die Hand. «Sie ist die schnellste Schnecke der Welt», sagt der Biologe und erklärt, dass sich das Tier bei Flut vom Wattboden lösen kann, sich dann mehrere Meter an der Wasseroberfläche mittreiben lässt und wieder zurücksinkt. «Eine solche Strecke schafft keine andere Schnecke in der Zeit.»

Goetze spricht immer wieder auch Probleme an. «Das ist schon kurios: In einem Naturwelterbe-Gebiet wird Öl gefördert», sagt er. Die Gefahr, dass es zu einer Umweltkatastrophe wie im Golf von Mexiko kommt, schätzt er derzeit als gering ein. «Aber ein Restrisiko bleibt.»

Der Titel als Weltnaturerbe bringt nämlich keinen besseren Schutz mit sich. «Aber der Status macht Eingriffe in die Natur moralisch schwieriger.» Rund 300.000 Touristen informieren sich bei der Schutzstation jährlich über das Weltnaturerbe Wattenmeer. «Der Tourismus muss in Bahnen gelenkt werden, denn Touristen wollen eine intakte Natur», betont Goetze. Aber er weiß auch: «Hier haben schon immer Menschen gelebt.» Und dort, wo Menschen wohnen, müssen auch ihre Bedürfnisse beachtet werden.

Der Schutz des Wattenmeeres beginnt in den 1960er Jahren, nachdem der Tourismus immer mehr zugenommen hatte. Zunächst wurde es - auch auf Druck der Schutzstation Wattenmeer - ein Naturreservat, seit 1974 in Schleswig-Holstein ein Naturschutzgebiet und seit 1985 ist das Wattenmeer Nationalpark. Auch wenn das Hamburger und dänische Wattenmeer beim Welterbe aus eigenem Wunsch (noch) nicht dabei sind, das grenzüberschreitende Welterbegebiet der Niederlande, Niedersachsens und Schleswig-Holsteins ist die Krönung jahrzehntelanger Anstrengungen für großflächige Schutzgebiete im Wattenmeer, sagt Goetze. «Wir haben schon viel erreicht, aber die Arbeit ist noch lange nicht zu Ende.»

Harter Winter für die Herzmuschel

Auf dem Rückweg der rund 90 Minuten dauernden Führung in Richtung Leuchtturm - die stetigen Vogelrufe nimmt man schon kaum mehr wahr - zeigt Goetze eine Herzmuschel. «Muscheln leben im Watt, weil viele ihrer Feinde hier nicht herkommen.» Dennoch gibt es in diesem Jahr nur wenige Herzmuscheln. «Der harte Winter hat die Anzahl stark dezimiert, aber das ist ein vorübergehender Prozess.»

Der rot-weiße Leuchtturm bildet einen guten Anhaltspunkt, verlaufen kann man sich so zumindest im Westerhever Watt nicht. «Dennoch ist das Watt nicht ungefährlich», betont Goetze. Die ersten Häuser von St.-Peter-Ording sind zwar zu erkennen, doch dass der etwa vier Kilometer lange Weg dorthin von einem großen Pril durchschnitten ist, sieht man nicht.

Wattführungen gibt es nicht nur in Schleswig-Holstein. Allein die Fläche, die vor einem Jahr den Status UNESCO Weltnaturerbe zuerkannt bekommen hat, ist fast 10.000 Quadratkilometer groß und reicht von Sylt bis zum niederländischen Den Helder. Nach einem Jahr Naturerbe-Status werden die Anfragen nach englischsprachigen Führungen größer. Außerdem sei das Wattenmeer damit mehr in das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Kritik wachse so nicht nur an der Bohrinsel mitten im Wattenmeer, sondern auch an den Kabeln, die von den Windanlagen weit draußen im Meer durch das Wattenmeer gezogen werden.

Nach 90 Minuten durch Schlick und Priele wird der Sand unter den Füßen wieder trockener. Doch von der Wattführung bleibt viel mehr als sandige Füße und ein kleiner Sonnenbrand.

sck/cvd/news.de/dpa
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