Fr., 25.05.12

Nacktwandern 27.04.2009 Natürlich statt ärgerlich

Nacktreiten (Foto)
Eins sein mit Pferd und Wiese: Für die Nacktreiter geht das am besten ohne Klamotten. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier

Vor drei Jahren hat Siegfried Grawert die lästigen Klamotten abgeworfen. Seitdem traut er sich, in der Öffentlichkeit so zu sein, wie er am liebsten ist: nackt. Er trete damit niemandem zu nahe, findet Grawert, und kämpft gegen Vorurteile in der Gesellschaft und bei Richtern.

Die Appenzeller sind es leid, nackte Deutsche durch ihre Berge spazieren zu sehen. 200 Franken (135 Euro) muss ab sofort blechen, wer seinem Bedürfnis nach Einklang mit der Natur in diesem Schweizer Kanton nachgibt.

Per Strafgesetz verbietet das Parlament des Kantons Appenzell-Innerrhoden seit Sonntag das Nacktwandern. Damit steht es auf der Verbotsliste neben Urinieren in der Öffentlichkeit, Lärm, grobem Unfug und wilder Müllentsorgung. Eine Wandergruppe aus Deutschland hatte die Region rund um den Alpstein zu ihrem FKK-Paradies auserkoren und übers Internet publik gemacht.

Für Siegfried Grawert ist dies ein Beweis mehr, dass die Behörden sich über grundlegende Menschenrechte hinwegsetzen. Seit drei Jahren kämpft er in Deutschland für sein Recht, nackt zu sein. Anfangs suchter er zum Nacktradeln noch den Schutz der Dunkelheit, «aber irgendwann fiel die letzte Hemmung ab, und ich habe mich kennengelernt, wie ich mich noch nie kennengelernt habe», schildert Grawert seine Befreiung von den Klamotten.

Seitdem genießt er, dass beim Wandern und Spazierengehen in der Natur keine Kleidung auf verschwitzter Haut reibt. «Es ist hygienischer und gesünder, man hält auch viel besser Temperaturen aus», hat Grawert festgestellt. Der Körper lerne ohne Kleidung, sich seiner Umwelt anzupassen. Und sie im Gegenzug zu schonen. So verbrauche er, obwohl er sich nicht bedeckt, weniger Heizenergie, spart Geld, weil er weniger Kleidung kauft, und Wasser, weil er weniger Wäsche wäscht.

«Es ist einfach gut fürs Wohlbefinden und hat nichts mit Exhibitionismus zu tun», betont Siegfried Grawert. Dieses Missverständnis ist sein großer Kampf. «Manche Leute trauen sich ja kaum, das Wort ‹nackt› auszusprechen.» Zweimal bereits stand er vor Gericht, weil ihm der Paragraph 118, Erregung öffentlichen Ärgernisses, zum Verhängnis wurde. Nacktsein aber sei keine sexuelle Handlung, es sei überhaupt keine Handlung, sondern ein Zustand, und als solcher auch nicht strafbar, sagt Grawert.

Weil nicht alle Menschen diese Ansicht teilen, verbirgt er beim Wandern sein Geschlechtsteil inzwischen hinter einem Tüchlein. «Viele meinen, es sei verboten, und zeigen es deshalb an», erklärt er. Eine Ordnungswidrigkeit, die teuer werden kann.

Dass die Behörden sensibel reagieren, um sexuelle Abartigkeiten zu bekämpfen, findet Grawert eigentlich gut. Doch er wehrt sich dagegen, mit solchen Sraftaten über denselben Kamm geschert zu werden. Zur Zahlung von 500 Euro hat ihn ein Gericht bereits verdonnert. Weil er nicht zahlen wollte, saß er sieben Tage lang in Zwangshaft.

Lesen Sie auf Seite 2, warum nicht alle FKK-Freunde einer Meinung sind

Ganz andere Erfahrungen hat Michael Zauels mit dem Nacktsein gemacht. Er hält südlich von Bonn Pferde und reitet seit acht Jahren mit Gleichgesinnten ohne Kleidung durch die umliegenden Wälder. «Ich wusste zwar, dass es nichts Verwerfliches ist, aber dass die Leute so freundlich darauf reagieren, hätte ich nicht gedacht», sagt er. Probleme mit der Polizei hatten sie daher nie. «Bei uns ist die Gefahr, für Exhibitionisten gehalten zu werden, natürlich auch geringer als bei Wanderern. Das Pferd verdeckt viel», räumt Zauels ein.

Reiten ohne Kleidung sei wie Klavierspielen ohne Handschuhe, viel direkter. Auch die Arbeiten auf dem Hof macht er am liebsten nackt: «Ich merke, wie ich abgehärtet werde und ein Integralgefühl mit der Natur entsteht.»

Dieses Gefühl suchen auch die Sportler im Deutschen Verband für Freikörperkultur. 160 Gelände hat der Verein in ganz Deutschland, ganz anders als Nacktwanderer oder -reiter erschließen sie jedoch nicht die Öffentlichkeit für sich. Verbandsvorsitzender Kurt Fischer legt großen Wert darauf, die Schamgrenze von Nicht-FKKlern schonen zu wollen. «Es geht um gegenseitige Rücksichtnahme auch den Angezogenen gegenüber», betont er. Fischer will gerade unter jungen Leuten eine neue Prüderie ausgemacht haben, die es den Naturisten besonders schwer macht.

Auch das würde Siegfried Grawert gern ändern. «Ich möchte helfen, zwischenmenschliche Beziehungen zu verbessern, dass man den anderen so akzeptiert, wie er auf die Welt gekommen ist», sagt er. Dazu gehört für ihn auch, sich nackt nicht auf abgeschlossenen Geländen verstecken zu müssen.

Dabei fühlt sich Grawert im Osten Deutschlands wohler als in Mittelfranken, wo er lebt. Dass FKK in der DDR viel populärer war als im Westen, merkt er noch heute, beim Wandern in der Sächsischen Schweiz. Selbst die Naturparkleitung habe offiziell erklärt, sie sehe keinen Anlass, dem zunehmenden Nacktwandern entgegenzutreten, berichtet Grawert.

Richtig offiziell wird das Wandern im Lichtgewand vermutlich bald im Harz. Wenn das Ordnungsamt Harzgerode ihm jetzt nicht noch einen Strich durch die Rechnung macht, beginnt vor dem Campingplatz von Heinz Ludwig in Wippra bald der erste deutsche Nacktwanderweg.

«Willst du keine Nackten sehen, dann kannst du hier nicht weitergehen» wird Ludwig dann auch ein Schild schreiben, damit sich kein Angezogener erschreckt. Von Wippra zur Talsperre in Dankerode soll der «Zipfelweg» dann führen. Fürs ruhige Wipper-Tal, wo der Tourismus sich bisher dahinschleppt, sind die Naturisten das perfekte Publikum. Denn die suchen Ruhe und Orte, wo sie sich nicht verstecken müssen.

Leserkommentare (12) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Heinrich Kramer
  • Kommentar 12
  • 17.05.2011 16:27
 

Teil 3. Letzteres war keine Polemik, sondern absolut herrschende Rechtsprechung. Der Nackte bekommt, wenn er Pech hat, ein Bußgeld aufgebrummt. Das kann nicht richtig sein. Aber wahrscheinlich hat Oskar Wilde Recht: Wenn Gott gewollt hatte, dass wir ohne Klaeider herumlaufen, dann hätte er dafür gesorgt, dass wir auch nackt geboren werden;) Noch was zum Nachdenken: Im großen und ganzen haben nur die Monotheistischen Religionen Probleme mit Nacktheit; dafür laufen deren Priester aber oft in Kleidern herum, die auch gesetzten, älteren Damen gut stünden :)).

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  • Heinrich Kramer
  • Kommentar 11
  • 17.05.2011 16:20
 

Teil 2 Keiner muss, aber jeder darf sich ausziehen. (Bitte Leute, verwechselt nicht immer dürfen mit müssen.) Außerdem: Ästhetik: Macht die zu enge Leggins den Hintern schöner? Bei wieviel Quadratzentimetern Stoff wandelt sich Nacktsein ins Angezogensein? Gefahr: 10 nackte Männer im Wald machen mir weniger Angst als eine Nazi-Glatze in Springerstiefeln (und Pitbull) Letzterer darf in diesem Land aber für seine Meinung demonstrieren - und notfalls muss die Polizei ihm das auch ermöglichen. Teil 3 folgt

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  • Heinrich Kramer
  • Kommentar 10
  • 17.05.2011 16:10
 

Ich finde: Jeder hat ein Recht auf Nacktheit. Hygienisch sollte es aber trotzdem zugehen; Wo viele Menschen zusammenkaommen, von der Einkaufsstraße über den Rummelplatz, vom Stadion bis ins Restaurant: Hier sollte schon ein wenig Kleidung sein. Und beim Hinsetzen sollte man sich auch überlegen, welche Spuren und Reste wovon auch immer auf der Sitzfläche noch so vorhanden sein könnten. ... Aber ansonsten, in der offenen Natur, im Wald, am Strand (incl. Baggersee und Badehalle) sollte jeder das Recht haben sich so zu geben, wie er möchte. Teil 2 folgt

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  • Kommentar 9
  • 15.05.2009 14:19
 

warum sollte sich jemand seiner selbst / seiner Körperlichkeit schämen? sind wir nicht alle durch das Göttliche Prinzip geschaffen? und wenn schon auf der Notion von Hässlichkeit bestanden wird, woran soll die denn gemessen werden? eine Frau, die den Grossteil ihres Lebens hingebungsvoll mehrere Kinder grossgezogen hat, die wird andernorts mit respektvoller Liebe behandelt. Wenn ich etwas ungesund finde, dann ist das vielmehr die Einstellung, die durch einen grossen Teil der durch Werbung, missverstandene Religion, Angst vor und Unterdrückung persönlicher Kraft geprägten Gesellschaft. ich stehe absolut hinter den Aussagen Grawerts und beglückwünsche die Autorin zu der Art, wie der Artikel verfasst wurde.

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  • Kommentar 8
  • 06.05.2009 15:34
 

noch nie versucht,oder. Auf unserem landsitz nahe dueren, im sommer,bei vollmond...

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  • Kommentar 7
  • 05.05.2009 22:09
 Antwort auf Kommentar 4

Hi Trabi, wenn du ur-alte Hängetitten hast heißt das noch lange nicht dass unsereins auch so aussieht. Meine Erfahrungen beim Nacktreiten sind, dass die Leute uns nicht nur akzeptieren, sondern sogar gerne sehen, das haben sie uns schon mehrfach direkt gesagt. Schöne Grüße, Michael

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  • Kommentar 6
  • 05.05.2009 16:06
 Antwort auf Kommentar 5

Ich wollte schreiben:Erzieht Eure Kinder richtig, damit sie nicht beim Anblick eines nackten Menschen erschrecken müssen. In unserer modernen, für Entwicklung offenen Gesellschaft kann ich erwarten, dass jeder normal gebildete u. erzogene Mensch den Anblick von natürlicher Nacktheit erträgt.

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  • Kommentar 5
  • 05.05.2009 16:01
 

Wenn Euch ein Nackter entgegen kommt, schaut einfach weg und denkt Euch Euren Teil! Aber lasst ihn in Ruhe, genau so wie Ihr in Ruhe gelassen werden wollt. Das geheimnisvolle Wort heiß: TOLERANZ- schon mal gehört? Auch an die Behörden, welche meinen, die Menschen mit ihrem schikanösem Verhalten tyrannisieren zu können, ein Wort: bestehende Gesetze sind für alle Menschen verbindlich, auch für Richter und für die, welche sich als aufgeblasene Moralapostel aufspielen. Nacktheit ist ein Zustand und keine Handlung- schon gar nicht eine sexuelle und demnach auch nicht strafbar. Erzieht Eure richtig!

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  • Kommentar 4
  • 30.04.2009 22:37
 

wer will schon ur-alte hängetitten beim spaziergang mit seiner famillie sehen ???? sollen die sowas zuhause machen, wo ist denn hier noch anstand, moral und scham...... die haben alle nen knall die nacktwandern.....

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  • Kommentar 3
  • 28.04.2009 18:32
 

Wenn sich Menschen am Anblick von Menschen stören, dann ab nach Afghanistan unter die Burkha, nur um mal im Niveau des 1. Kommentators zu bleiben.

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  • Kommentar 2
  • 28.04.2009 14:53
 

seit längerer Zeit läuft eine schwere Campagne gegen die FKK-Bewegung und nicht nur gegen diese. Auch sämtliche freizügigen menschliche Anregungen werden von den Regierenden bekämpft. Da ist man sogar so verlogen, dass man =oben= Grußbotschaften austeilt und =unten= mit miesesten Tricks diese freifühlige Bürgerschaft bekämpft. Man will den totalen Überwachungsstaat und nur noch Duckmäuser. Ich bin Zeitzeuge und weiß sehr genau wovon ich spreche : Selbst der Nazi-Staat erlaubte mehr Freiräume aber er bekämpfte , wenn er es tat mit offenen Karten, was diese BRD und deren Gesinnungsbürger eben nicht tun. Es ist so schlimm, wenn die Gestapo die Möglichkeiten gehabt hätte, die heute allein die SCHUFA hat, hätten diese Leute ganz gegen ihre Weltanschauung HALLELUJA geschrien. Es ist sehr bedauerlich aber auch die FKK-Bewegung und auch andere ,nur z.B. die Heilpraktiker, sind zum Politikum gestempelt. Ciao Gero

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  • Kommentar 1
  • 28.04.2009 13:46
 

Nackbaden und Nackwandern sollte in entsprechenden Gebieten praktiziert werden. Zu viele Menschen stören sich an dem Anblick und das soll doch nicht so sein. Also ab nach Frankreich, wo es solche Gebiete giebt.

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