Neue Nato-Strategie: Militärbündnis plant tiefe Schläge? Abschreckung gegen mögliche Putin-Angriffe
Die Nato will sich gegenüber Russland anders verhalten und vollzieht einen Strategiewechsel. Laut einem Bericht plant das Militärbündnis zur Abschreckung tiefe Schläge auf russischem Boden.
Erstellt von Sabrina Böhme - Uhr
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- Nato vollzieht im Fall eines möglichen russischen Angriffs einen Strategiewechsel
- Militärbündnis soll Angriffe bis tief ins russische Territorium planen
- Die Nato-Pläne umfassen Langstreckenwaffen
Die militärischen Auseinandersetzungen, unter anderem im Ukraine-Krieg, haben die Nato zum Umdenken bewegt. Erstmals erwägt das Verteidigungsbündnis, im Falle eines russischen Angriffs mit präzisen Langstreckenwaffen tief ins russische Hinterland zu schlagen. Das berichtet das "Wall Street Journal". Die Pläne sollen eine stärkere Abschreckung ermöglichen und nicht einen unmittelbar bevorstehenden Angriff ankündigen.
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Militärbündnis bereitet sich auf Langstreckenangriffe bei möglichem Putin-Angriff vor
Im Juni kamen hochrangige Offiziere und Vertreter der 32 Mitgliedstaaten zum ersten "Deep Strike Symposium" der Allianz zusammen. Gastgeber war US-Luftwaffengeneral Alexus Grynkewich, der oberste militärische Befehlshaber der Nato. In Planspielen und Diskussionen wurde ein Thema verhandelt, das bis vor Kurzem kaum jemand offen angesprochen hätte.
Grynkewich legte seinen Ansatz kürzlich in einer Rede vor Publikum in Warschau dar – seine sogenannte "Theorie des Sieges". Demnach würden Nato-Verteidigungskräfte zunächst die erste Angriffswelle stoppen und anschließende Vorstöße abschwächen. Sollte der Gegner dennoch weiterkämpfen, werde man "das gegen uns eingesetzte Kriegsführungssystem zerschlagen", indem man sowohl vorrückende Truppen als auch "alles, was diese Streitkraft unterstützt, versorgt oder kontrolliert" angreife. Eine nukleare Eskalation sei in der Strategie nicht vorgesehen.
Hochpräzise Waffen als Kern der neuen Nato-Strategie zur Putin-Abschreckung
Im Zentrum der Strategie stehen präzisionsgelenkte Langstreckenwaffen – sowohl teure Spitzensysteme als auch kostengünstigere Alternativen. Die USA haben ihr Arsenal an Tomahawk-Marschflugkörpern und Atacms-Raketen zuletzt modernisiert und erweitert, während gleichzeitig neue Systeme entwickelt werden.
Die europäischen Verbündeten, die in diesem Bereich lange hinterherhinkten, versuchen nun im Eiltempo aufzuholen. Sie arbeiten daran, neue Modelle einzuführen und ihre bislang geringen Bestände an Storm-Shadow-, Scalp- und Taurus-Marschflugkörpern aufzustocken. Europaweit wurden mindestens 48 neue Projekte für kostengünstige Marschflugkörper unter Beteiligung von 20 Herstellern angekündigt, wie Fabian Hoffmann vom Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien ermittelt hat. Allerdings ist völlig offen, wann diese Programme tatsächlich einsatzfähige Waffen liefern. Viele dürften nie verwirklicht werden, und selbst erfolgreiche Projekte benötigen Jahre bis zur Serienreife.
Jahrzehntelang setzte die Allianz auf das militärische Äquivalent von Straßensperren – feindliche Truppen sollten an den Grenzen aufgehalten werden. Doch die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben dieses Denken grundlegend erschüttert. Nach fast fünf Jahren russischem Krieg gegen die Ukraine sind sich Nato-Strategen einig: Eine Invasion lässt sich nicht allein durch das Blockieren vorrückender Truppen verhindern.
Stattdessen sollen künftig auch Militärbasen, Nachschublager und Industrieanlagen auf russischem Boden ins Visier genommen werden. Das Prinzip lautet: den Bogenschützen treffen, statt sich vor seinen Pfeilen zu schützen.
Ukraine als Vorreiter für "proaktive Verteidigung"
Was die Nato nun als Doktrin formuliert, praktiziert Kiew bereits seit geraumer Zeit. Mit immer leistungsfähigeren Waffen – darunter die selbst entwickelten Flamingo-Marschflugkörper – greift die Ukraine weit entfernte russische Ziele an. Getroffen wurden unter anderem Raketentreibstoff-Produzenten, Fabriken für Drohnenbatterien, Ölraffinerien und Rechenzentren.
Da westlich gelieferte Abfangraketen zunehmend knapp werden, setzt Kiew verstärkt auf diese offensive Form der Verteidigung. Alyona Getmanchuk, ukrainische Nato-Botschafterin, brachte es auf einer Konferenz zur ukrainischen Verteidigung auf den Punkt: "Luftabwehr ist wie ein Schmerzmittel – sie kann die Symptome lindern – aber man muss die Ursache des Schmerzes bekämpfen." Auch die USA verfolgten in diesem Jahr denselben Ansatz gegenüber dem Iran.
Polens General: "Wir müssen Präzisionsschläge als Abschreckung begreifen"
Der polnische Generalmajor Ireneusz Nowak unterstrich gegenüber dem "Wall Street Journal", dass Verteidigung zwangsläufig auch Gegenangriffe umfasse. Präzise Langstreckenangriffe seien dabei ein unverzichtbares Element. "Wir würden auf jeden Fall die Rüstungsindustrie angreifen wollen", erklärte er mit Blick auf einen möglichen Konflikt mit Russland.
Nowak forderte, Tiefschläge mit Präzisionswaffen als Mittel der Abschreckung zu behandeln. Hätte die Ukraine diese Fähigkeiten von Beginn des Krieges an besessen, wäre es nach seiner Einschätzung nicht zu "Grabenkämpfen wie im Ersten Weltkrieg" gekommen. Die Botschaft an Moskau müsse unmissverständlich sein: "Macht nichts Dummes, denn wir können euch bestrafen." Doch um glaubwürdig zu sein, brauche man die entsprechenden Fähigkeiten auch tatsächlich, so Nowak.
Militärs denken gegen Russland offensiv – doch die Politik zögert
Während die Doktrin der aktiven Abwehr unter Nato-Militärs inzwischen breite Akzeptanz genießt, bezweifeln viele Strategen, ob europäische Regierungschefs im Ernstfall tatsächlich Angriffe tief in russisches Territorium mittragen würden.
Nico Lange, ehemaliger Stabschef im deutschen Verteidigungsministerium, sieht eine erhebliche Kluft zwischen beiden Ebenen: "Es gibt eine Diskrepanz zwischen der militärischen Planung, die zur Verteidigung gegen Russland vernünftig ist – und die definitiv offensive Komponenten beinhaltet – und den politischen Entscheidungsträgern, die glauben, Verteidigung bestehe nur darin, eine Mauer hochzuziehen oder eine Drohnenmauer vorzubereiten."
Die Pläne von Grynkewich zielen deshalb auch darauf ab, Tiefschläge nach einem russischen Angriff weitgehend automatisch ablaufen zu lassen – und so die politische Hemmschwelle zu senken.
Nato-Wandel – von Weltkriegs-Bombern zur modernen Präzisionsdoktrin
Angriffe auf weit entfernte Ziele haben eine lange militärische Tradition. Im Zweiten Weltkrieg setzten beide Seiten auf bemannte Bomber – etwa gegen von den Nazis kontrollierte Ölfelder in Rumänien. Deutschland verschoss mit V1 und V2 die weltweit ersten gezielten Langstreckenraketen, unter anderem gegen Großbritannien und den belgischen Hafen Antwerpen. Wirklich präzise war keine dieser Methoden.
Den Durchbruch erlebte der Präzisionsschlag im Golfkrieg 1991, als die USA Hunderte Tomahawk-Marschflugkörper einsetzten. Seitdem haben zahlreiche Staaten ihre Arsenale an Marschflugkörpern und Präzisionsraketen wie den von Himars-Fahrzeugen abgefeuerten Atacms ausgebaut. Die Grenzen zwischen Drohnen und Raketen verschwimmen zunehmend. Nato-Kommandeure drängen nun darauf, diese Arsenale rasch weiter aufzubauen – denn nur so lasse sich eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Moskau herstellen.
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