Friedrich Merz: Der Widerspruchs-Kanzler? Merz und seine großen Worte

Die AfD halbieren, Scholz' Beliebtheit kritisieren, Gender-Kauderwelsch abschaffen: Friedrich Merz hatte klare Ansagen gemacht. Doch die politische Realität sieht anders aus. Drei Widersprüche zeigen, warum seine eigenen Worte zum Maßstab werden.

Von news.de-Redakteurin - Uhr

Friedrich Merz verstrickt sich in Widersprüche. (Foto) Suche
Friedrich Merz verstrickt sich in Widersprüche. Bild: picture alliance/dpa | Soeren Stache
  • Friedrich Merz wollte AfD halbieren und scheiterte
  • Einst kritisierte er Scholz, jetzt ist er selbst noch unbeliebter
  • Bundeskanzler überrascht mit "Gender"-Sprache

Friedrich Merz ist ein Kanzler der großen Worte und der noch größeren Widersprüche. 2018 versprach er, die AfD zu halbieren. Heute liegt seine CDU in Umfragen bei 19 Prozent, während die Rechtspopulisten mit 30 Prozent davonziehen. Als Oppositionsführer geißelte er Olaf Scholz wegen miserabler Beliebtheitswerte als "respektlos" gegenüber der Bevölkerung. Seine eigenen Umfragewerte sind dagegen deutlich schlechter. Einen Rücktritt lehnt Merz jedoch ab. Und dann wäre da noch die Sache mit dem Gendern: Der Mann, der "Gender-Kauderwelsch" den Kampf ansagte und seine Ministerien entsprechend auf Linie brachte, sprach bei einem Festakt kürzlich seelenruhig von "Mitarbeitenden". Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird bei Merz zum wiederkehrenden Muster. Ein Blick auf die drei auffälligsten Widersprüche des Kanzlers.

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Friedrich Merz hat die AfD nicht halbiert, sondern die eigene Partei weiter zerlegt

Als Friedrich Merz sich im November 2018 um den CDU-Vorsitz bewarb, gab er ein markantes Versprechen: Die Union solle wieder 40 Prozent erreichen, die AfD wolle er halbieren. Durch eine schärfere konservative Positionierung sollten enttäuschte Wähler zurückgewonnen werden.

Acht Jahre später hat sich dieses Vorhaben ins Gegenteil verkehrt. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 fuhr die AfD mit rund 43,8 Prozent ein historisches Ergebnis ein, die CDU landete bei gerade einmal 17,2 Prozent. Kritiker fassten das Debakel mit beißendem Spott zusammen: Halbiert wurde nicht die AfD, sondern die CDU. Merz selbst vermeidet das einstige Versprechen inzwischen weitgehend. Stattdessen betont er die Abgrenzung. Das Debakel in Sachsen-Anhalt ist kein Einzelfall, sondern spiegelt einen bundesweiten Trend wider. In der INSA-Sonntagsfrage vom 24. Oktober erreicht die AfD 30 Prozent. Die Union kommt nur noch auf 19 Prozent.

Miese Umfragewerte: Olaf Scholz sollte gehen, Merz bleibt trotzdem

Die Ironie könnte kaum größer sein: Im Januar 2024 attackierte Merz den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz mit deutlichen Worten. "Wenn ein Bundeskanzler mit einer so niedrigen Zustimmungsrate keinerlei Anzeichen gibt, an seiner Kommunikation, seiner Politik, seinem Führungsstil etwas zu ändern, dann lässt er die Bevölkerung allein mit allen Problemen. Das ist einfach respektlos", tönte Merz damals. Gut zweieinhalb Jahre später trifft diese Beschreibung auf niemanden besser zu als auf ihn selbst. Im INSA-Politikerranking belegt der Kanzler den letzten Platz, hinter sämtlichen anderen aufgeführten Politikern. Einen Rücktritt schließt Merz dennoch aus. Stattdessen rechtfertigt er seinen Kurs mit einer Krisenlage, die in der Nachkriegsgeschichte ihresgleichen suche. "Der Druck auf unsere Industrie ist so viel größer. Das ist einzigartig", betonte der Kanzler. Deutschland sei mit "multiplen Krisen" konfrontiert, wie es sie weder in Europa noch hierzulande je gegeben habe.

Anti-Gender-Kanzler entdeckt "Mitarbeitende"

Vor der Bundestagswahl 2025 hatte Merz dem "Gender-Kauderwelsch" den Kampf angesagt. "Links ist vorbei", lautete die Parole. Zahlreiche Ministerien verbannten daraufhin Gendersternchen und Binnen-I aus dem offiziellen Sprachgebrauch. Umso bemerkenswerter, was bei der 150-Jahr-Feier des Konsumgüterkonzerns Henkel in Düsseldorf geschah: Der Kanzler lobte das Unternehmen dafür, während der Corona-Pandemie weder Staatshilfen beantragt noch "Mitarbeitende" entlassen zu haben. Ausgerechnet jene Partizipform, die sprachwissenschaftlich umstritten ist und die Merz 2021 noch den "Gender-Leuten" vorwarf, berichtete "Bild".

Wenn Worte zum Bumerang werden

AfD halbieren, Scholz zum Rücktritt drängen, Gendern abschaffen: Bei kaum einem anderen Politiker klaffen Ankündigung und Ergebnis so weit auseinander wie bei Friedrich Merz. Die Rechtspopulisten sind stärker denn je, seine eigene Partei kämpft um Anschluss und im Beliebtheitranking steht ausgerechnet der Mann ganz unten, der einst niedrige Zustimmungswerte als "respektlos" gegenüber der Bevölkerung brandmarkte.

Merz verweist auf beispiellose Krisen und die Fehler seiner Vorgänger. Doch mit jeder neuen Umfrage und jedem sprachlichen Ausrutscher bei Festakten wächst die Liste derer, die sich bestätigt fühlen und den bisherigen Kurs schon länger für gescheitert halten. Die Frage ist nicht mehr, ob die Widersprüche auffallen, sondern wie lange sie noch folgenlos bleiben.

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