Psychologie Was der Job aus uns macht

Wie stark kann sich ein Mensch durch seinen Beruf ändern? Ist ein Pfleger ein besserer Mensch als ein Werbefachmann? Und was passiert mit einem Menschen, der die Distanz zu seinem Job verliert? Wirtschaftspychologe Heinrich Wottawa klärt auf.

Beruf  (Foto)
Wer nicht aufpasst, der wird von seinem Job verändert. Bild: dpa

Welche Berufe verändern die Persönlichkeit besonders stark?

Wottawa: Jene Berufe, die andere Eigenschaften verstärken, als die Person schon hat.

Zum Beispiel?

Wottawa: Wenn ein Mensch bisher große Bedenken hat, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen und einen Vertriebsberuf wählt, dann verändert er seine Persönlichkeit stark oder wechselt eben den Beruf. Ein Mensch, der auch schon vorher gerne Menschen auf die Nerven gegangen ist, wird durch eine solche Verkäufertätigkeit eher nicht verändert. Das Verändern setzt eine Differenz zwischen dem Stand vorher und dem Stand nach einiger Berufszeit voraus. Da kommt es darauf an, ob man einen Beruf gewählt hat, der zu den eigenen Besonderheiten passt oder nicht.

Es kann doch auch zu einer positiven Veränderung kommen, wenn beispielsweise ein zurückgezogener Mensch durch den Beruf gezwungen wird, viele Leute anzusprechen.

Wottawa: Wenn die Differenz aber zu groß wird, wird der Stress zu groß. Wenn Sie einen extrem introvertierten Menschen in eine berufliche Situation bringen, in der er dauernd Kontakte herstellen muss, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er unglücklich wird, also der Stress enorm ansteigt. Wenn Sie eine absolut kontaktorientierte Person als Kranfahrer beschäftigen, dann dreht die nach einiger Zeit da oben in der Einsamkeit durch.

Gibt es bestimmte Berufe, bei denen man am Verhalten der Person in der Freizeit merkt, was er arbeitet?

Wottawa: Typische Beispiele sind Vertriebstätigkeiten. Vielen typischen Vertrieblern fällt es schwer, in der Freizeit still und zurückhaltend zu sein. Ebenso ist es bei einer dominanten Führungskraft. Wenn Sie die im Kegelverein haben, dann strömt deren Führungswille aus jeder Pore. Aufpassen muss man ein bisschen, ob die Menschen, die davon betroffen sind, bewusst in Kompensation gehen oder ob sie darüber gar nicht nachdenken.

Wie meinen Sie das?

Wottawa: Nehmen wir als Beispiel einen Menschen, der monetär motiviert ist. Wenn dieser jetzt durch seine beruflichen Anreizsysteme immer mehr in die Schiene gebracht wird, dass Prämien und Geld wichtig sind, dann wird er sich eher in der Freizeit einen Freundeskreis suchen, der sich bezüglich «Geld haben» wechselseitig hochschaukelt. Er wird dort weniger erzählen, welches Konzert er demnächst mit Begeisterung besuchen wird, sondern eher, wie er wieder 1000 Euro mehr bekommen hat. Das wird immer einseitiger und immer extremer. Das Unangenehme ist, dass sich solche Menschen in so einer einseitiger werdenden sozialen Umgebung wohl fühlen.

Und das ist nicht so gut, nehme ich an.

Wottawa: Sicher nicht. Ich habe dafür das Beispiel des Eisenbiegers, also eines Berufes mit sehr starker Beanspruchung der Arm-Hand-Muskeln. Wenn ein Eisenbieger in seiner Freizeit Gewichtheben als Sport betreibt, erreicht er tolle Ergebnisse. Aber er wird immer einseitiger. Er könnte stattdessen Leichtathletik machen, um diese Einseitigkeit zu vermeiden. Das heißt übersetzt, dass sich beispielsweise ein Vertriebler ein Hobby suchen sollte, bei dem es auch mal ein bisschen Ruhe gibt, wo man mal ein bisschen nachdenken kann, vielleicht Schachspielen. Aber diese Art von Psychohygiene muss eine bewusste Entscheidung sein. Man muss sich sagen, ich möchte mich nicht in dieser einen Schiene zu 150 Prozent verrennen.

Lesen Sie auf Seite 2, ob ein Job einen Menschen schlecht machen kann

Wird ein Werbefachmann im Vergleich zu einem Pfleger oder Rettungssanitäter langfristig zu einem schlechteren Menschen?

Wottawa: Ich glaube, da haben Sie ein nicht ganz zutreffendes Berufsbild. Zum Beispiel gibt es alle möglichen Werbefachleute, die ganz bewusst in der Freizeit etwas Soziales tun. Und wenn er darüber nachdenkt, wie man Handys besser verkauft, ist er deswegen kein schlechter Mensch. Er vertritt die Interessen des Auftraggebers. Er ist nicht einseitiger als ein Anwalt. Der Anwalt ist auch dazu da, die Interessen seines Mandanten zu vertreten. Genau wie viele andere Menschen: Jeder Vertriebler muss sein Produkt verkaufen, jede Führungskraft muss das Unternehmen verkaufen, und jeder Pressesprecher muss die Interessen des Unternehmens verkaufen, für das er arbeitet.

Aber bei vielen dieser Berufe geht es doch darum, bestimmte Informationen wegzulassen, um andere hervorzuheben. Im Gegensatz dazu der Pfleger. Der denkt den ganzen Tag an nichts anderes als anderen zu helfen. Langfristig müsste sich doch dann etwas im Kopf ändern?

Wottawa: Vorsicht, der Pfleger denkt vielleicht den ganzen Tag daran: Da ist schon wieder ein 150 Kilo Mensch, den ich aus dem dritten Stock nach unten tragen muss, oder da ist schon wieder jemand, der in seinem Blut liegt. Für ihn ist das, zumindest nach einiger Zeit, auch nur ein Beruf. Und wenn er dauernd selbstlos ans Helfen denken würde und sich nicht die nötige Distanz verschafft, dann ist er sehr schnell mit einem Helfersyndrom und Burnout berufsunfähig.

Also kann ein Beruf die Moralvorstellungen gar nicht ändern?

Wottawa: Ich glaube eher, das kann passieren, wenn man die Distanz zu seinem Beruf verliert. Beispielsweise wenn die Beeinflussung anderer, also zum Beispiel etwas zu kaufen oder etwas Bestimmtes für das Unternehmen zu tun, nahezu zum Selbstzweck wird. Dann denken Sie im Privaten nicht mehr daran, was braucht mein Freund wirklich, sondern was möchte ich, dass er jetzt tut, und versuchen, das dann auch zu erreichen. Dieser Spaß an der Beeinflussung von Menschen für das, was man selbst für richtig hält, kann dann viel Schaden anrichten. Dann fehlen die Selbstkontrolle und die Maßnahmen zum Schaffen eines vernünftigen Ausgleichs.

Unabhängig vom moralischen Aspekt, gibt es Berufe, die für die Entwicklung des Menschen weniger gesund sind?

Wottawa: Die Einseitigkeit ist das Problem. Wenn Sie das Beispiel Personalarbeit nehmen, da gibt es Trainer, die trainieren den ganzen Tag die gleichen Sachen. Wenn Sie denen auf die linke Schulter drücken, da wird Training 1 abgespult. Sie drücken auf die rechte Schulter, dann wird Training 2 abgespult. Ein solcher Trainer steht zudem dauernd im Zentrum und hat subjektiv dauernd recht. Der ist nach einiger Zeit keine ausgeglichene Persönlichkeit mehr. Ein anderes Extrembeispiel sind Rekruiter, die den ganzen Tag immer nur Personen auswählen und Interviewgespräche führen. Die fühlen sich extrem mächtig und sind der Meinung, sie durchschauen andere Menschen binnen kürzester Zeit und machen nie Fehler.

Was sind die Alternativen?

Wottawa: Berufe mit Mischarbeitsplätzen. Ein Mischarbeitsplatz wäre: Sie denken im Personalwesen über Konzepte nach, etwa Anforderungsanalysen und Ähnliches. Dann führen Sie hin und wieder Einstellungsgespräche und machen manchmal auch Workshops oder Trainings. So, dass man unterschiedliche Anforderungen an die eigene Person stellt. Das macht man auch in der Produktion am Fließband, wo viele Firmen die Mitarbeiter zwischen den einzelnen Arbeitsplätzen rotieren lassen, damit extreme Einseitigkeiten der Belastung vermieden werden. Leider übersieht man diese negativen Effekte leicht, wenn es nicht um «Muskeln», sondern um «Gehirn» geht.

Lesen Sie auf Seite 3, was mit Informatikern passiert, die zu lange am Bildschirm sitzen

Was kann sich psychologisch im Denken durch einen Beruf ändern, der ganz bestimmte Fähigkeiten sehr stark fordert? Nehmen wir das Beispiel eines Informatikers, der den ganzen Tag Dinge aus der Realität abstrahieren muss.

Wottawa: Die Anforderungen verändern die Art und Weise, wie man die Welt sieht, mit Sicherheit ganz stark. Deshalb gibt es für Informatiker die Kurse: «How to speak with a Non-Screen.» Also: Wie spreche ich mit einem Nicht-Bildschirm. Das Problem ist, dass manche Informatiker Schwierigkeiten haben, final zu denken. Sie haben diese herrlichen Regelsysteme, diese Programme. Aber es fällt ihnen in manchen Gesprächen schwer, sich vorzustellen, dass der Mensch, der ihnen gegenübersitzt, bestimmte Interessen verfolgt, also vom Ziel oder Ergebnis her denkt, und natürlich auch seinen subjektiven Nutzen optimieren will.

Gibt es noch andere Beispiele?

Wottawa: Wo so etwas auch passiert, ist bei vielen Führungskräften, die meinen, dass man mit allgemeinen Maßnahmen für jedes Problem eine Lösung hat. Also wenn meine Mitarbeiter nicht motiviert sind, dann denke ich darüber nach, mit welcher Gehaltssteigerung in Abhängigkeit von der Zielerreichung ich das verbessern kann, oder an irgendein anderes «allgemein» wirksames Konzept. Dass die Mitarbeiter aber ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben, können manche Führungskräfte nicht verstehen. Der eine möchte wirklich mehr Geld, der andere möchte mehr bei der Arbeit zu sagen haben, ein anderer möchte mehr Anerkennung. Dieses Individualisieren fällt von der Ausbildung her etwa dem Psychologen leichter als einem BWLer oder wahrscheinlich auch einem Informatiker.

Was empfehlen Sie?

Wottawa: Das ist genau die grundlegende Frage von vorhin: Möchtest du deine «Eisenbieger-Muskeln» immer weiter stärken, oder möchtest du eine breite Persönlichkeit bleiben? So würde ich für Informatiker dringend empfehlen, einen Freizeitausgleich zu finden, in dem man viel mit anderen Menschen zu tun hat, wo man deren Bedürfnisse oder deren Wünsche erlebt und mit ihnen darüber spricht. Wenn ich BWL studiere, mit klaren Lösungsmustern für alle Probleme, ist es schön, wenn man etwas tut, wo es eben keine eindeutige Verbindung nach dem Muster gibt: Ich setze die Aktion X und dann passiert Y. Dann sollte man vielleicht nicht unbedingt Schach spielen, sondern etwas in der Freizeit tun, wo es so etwas nicht gibt. Schon Kartenspielen beinhaltet mehr Zufall - und erst Recht natürlich alle offenen Aktivitäten mit anderen Menschen.
 

Heinrich Wottawa ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität in Bochum.

zij/ivb/news.de

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Mehr Freizeit
  • Kommentar 3
  • 03.02.2011 15:41

Der Job wird in unserer Gesellschaft viel zu hoch gehangen. Die Menschen definieren sich über ihre Arbeit und nicht über sich selbst, das macht doch krank.

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  • friedhelm kunze
  • Kommentar 2
  • 31.01.2011 18:09

Wenn eintönige Arbeit einen so weich im Kopf macht, gehört ein Schutz davor in die Arbeitnehmerrechte.

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  • KinzKa
  • Kommentar 1
  • 31.01.2011 16:58

macht doch auch Network-Marketing und ihr seid rund um vielseitig und ständig gefördert und gefordert. macht Spaß und bringt mehr, als auf die popelige Rente zu hoffen. sorry, die kann man ja zusätzlich ausgeben. liebe Grüße Bärbel Kinz.

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